No chip on board

1965er Ford Mustang Hardtop Coupé

Beruflich ist bei Oliver Krüger alles elektronisch geregelt, in seiner Freizeit steuert er mit hydraulischer Servolenkung die pure mechanische Einfachheit seines V8: Der 1965er Mustang ist ein perfekter Ausgleich zum Alltag zwischen edlen HiFi-Anlagen, Tablet-PCs und Design-Küchenmaschinen

Ohne ein Hobbyauto in der Garage fehlt was. So erging es dem selbständigen Elektrofachmarktleiter Oliver Krüger auf der Suche nach einem handwerklichen Ausgleich zu seinem Beruf, und er oszillierte mehrere Monate lang rastlos durch die Anzeigenblätter. Zwischen italienischen Stilikonen und englischen Sportwagen erkannte er, dass bei einer H-Zulassung die Motorgröße bei den Fixkosten keine Rolle spielt und beschloss, sich nicht mit nur vier Zylindern abzugeben. Und außerdem: Wenn so viele Menschen auf einen Mustang abfahren, muss ja irgendwas dran sein an dem Pony-Boom. Anfang 2010 entdeckte er ein bereits importiertes 1965er 2door Hardtop Coupé, die Urform des Ponys mit Platz für vier Reisende. Den musste er haben.

Mehr Cockpit braucht kein Mensch: Chrom und Kunststoff in „Blue Vinyl“ schmeicheln dem Auge. Aber der Blick geht ohnehin über die lange Haube auf die Straße nach vorn

 

Das Ehepaar, das sich Krügers Mustang 1965 in Los Angeles als Neuwagen ausliefern ließ, beließ es bei einer mageren Ausstattung in Wimbledon White und Blue Vinyl, wollte aber zumindest eine Servolenkung und einen V8. Zum ersten Geburtstag des Coupés überkam die beiden die Reiselust, und sie starteten einen klassischen Roadtrip von L.A. im Westen bis nach New York im Osten der USA. Dort wurde das Auto über den Wasserweg nach Malmö/Schweden verschifft und trat mit seinen beiden abenteuerlustigen Besitzern eine ausgedehnte Tour durch ganz Europa an, wo der Wagen schon erste Eindrücke von seinem späteren Leben sammeln konnte.

Die Haptik der 60er Jahre. Metall, Mechanik und Glühlämpchen. Elektronik suchen wir vergebens, das ist auch gut so

 

Irgendwann ging es wieder zurück von Malmö über New York nach L.A. Den Beweis der absoluten Reisetauglichkeit hatte der Ford hiermit erbracht. Die Erstbesitzer trennen sich erst nach 42 Jahren von ihrem Schätzchen, weil das Einsteigen in die tiefen Sitze den Senioren inzwischen zu beschwerlich war. Sie überließen ihn einem Handwerker, der ihr Haus renovierte. 2009 reiste das Auto ein zweites Mal über den großen Teich nach Europa, um im Februar 2010 von Krüger als offiziellem drittem Besitzer zugelassen zu werden. Das Seniorenpaar hat er in L.A. ausfindig machen können und angeschrieben, woraufhin er einen freundlichen Brief und ein paar Fotos vom Urzustand zurückbekam. Autoliebe über Generationen – ist das nicht schön?

Die wenigen Vorbesitzer garantierten einen weitestgehend gesunden Zustand. Aber allein aufgrund des hohen Alters musste Krüger viele kleine und mittlere Baustellen bearbeiten – mit leichter Inkontinenz hier und da markierte das Pony regelmäßig sein Revier. Arthritis in einigen Gelenken kurierte er teilweise mit Freunden in seiner Garage selbst, einiges ließ er in seiner Werkstatt machen. Es entspannte ihn sehr, dass er sich dabei nicht um malade Steuergeräte oder virulente integrierte Schaltkreise kümmern musste. Nach insgesamt zwei Jahren waren Vorderachse und Fahrwerk erneuert, Federn und Dämpfer getauscht, die Servolenkung revidiert und die Bremsanlage komplett überholt. Und weil sein Mustang auch im Alltag eingesetzt werden sollte, rüstete der Ponyreiter zur Sicherheit seiner Kinder auf dem Rücksitz noch Dreipunktgurte nach. Manchmal muss man eben deutliche Prioritäten setzen.

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