Rock’n’Roll für den Orbit

Oldsmobile Ninety Eight

Die Wiesmanns und das Haifischmaul des Ninety-Eight, was ihn tonnenschwer erscheinen lässt

Wenn jemand in den späten 50er Jahren Maßstäbe in Technik und Design gesetzt hat, war es die Oldsmobile-Division des amerikanischen General-Motors-Konzerns. Fast 60 Jahre später steuern wir deren Topmodell Ninety Eight – mit Sechsliter-Rocket-V8, Raketen-Anleihen im Design und „Starfire“-Allüren – an den Rand des großen Teiches

Der Tag ist grau und trübe, was die karge Küstenregion noch unheimlicher erscheinen lässt als sie es ist. Bäume sucht man hier vergebens, die aus roten Backsteinen gebauten Häuser drängen sich nah an die Deiche, die Möwen schreien antizyklisch gegen die Windböen. Das kleine Städtchen auf dem Festland zwischen den Inseln Borkum und Sylt, gleich gegenüber von Helgoland und verkehrsgünstig (für Schiffe) an der Elbmündung gelegen, heißt Cuxhaven. Einigen ist es vielleicht noch aus dem Badeurlaub in den 70ern in Erinnerung, erklärtes Ziel war immer für jede Landratte: einen „Jan-Cux-Aufkleber“ geschenkt bekommen und die riesengroßen Schiffe am Horizont bewundern. Was einem als Kind nicht bewusst war – die fuhren von hier aus tatsächlich einmal ganz rüber, bis nach Amerika. Das Land mit der Freiheitsstatue war unglaublich weit weg, aber Cuxhaven hatte auch immer so etwas ähnliches: die Kugelbake. Und mehr brauchte das Kind der 70er nicht.

Es sei denn, man wollte mit einem dieser Schiffe auswandern. „Abschied nach Amerika“ steht noch immer auf dem Schild an der alten Steubenhöft-Anlage. Von hier aus, dem „Kai der Sehnsucht“, war das möglich und wurde musikalisch vielleicht untermalt von Harry Belafontes „Banana Boat Song“. Friedhelm Wiesmann und seine Frau Gitti hatten und haben das allerdings nie vor. Kein Wunder, sind sie doch immer mit ihrem eigenen dicken Dampfer im Binnenland unterwegs: einem Oldsmobile Ninety Eight. Das gewaltige Stück aus Stahl, Gusseisen und Chrom schiebt sich durch das graue Nordsee-Gemälde wie ein bunter, deplatziert wirkender Pottwal. Das „Ninety-Eight“ ist in chromigen Lettern auf den Seiten des langsam bis an die Hafenmauer geblubberten Supertankers zu lesen. Über‘s Wasser fährt der nicht, kommt aber von dort. Sogar von einer der ältesten Automobilmarken der Welt. Die von Ransom Eli Olds 1897 in Michigan gegründeten Olds Motor Works waren noch vor Ford der erste kommerziell erfolgreiche Autohersteller der USA, der in Großserie produzierte. Im Jahr 1908 übernahm General Motors das Werk und benannte die Marke in Oldsmobile um. Die Autos verkauften sich gut und etablierten sich in den Top 5 der USA. Geplant war der Pottwal eigentlich mal als Raumschiff. Der Designgeschmack ließ sich 50 Jahre nach der GM-Übernahme am besten mit raketenartigen Elementen aus dem Orbit treffen. Die Welt hatte Rock‘n Roll im Ohr und war dabei, nach den Sternen zu greifen. Es ging sogar das Gerücht, dass man daran arbeite, Menschen auf den Mond zu fliegen. Auch wenn das erst mehr als zehn Jahre später von Apollo 11 realisiert werden sollte – Flossen, Flügel, düsenartige Lichter und raketenförmige Chromelemente waren hip. Außerdem beschlossen die Macher in Lansing/Michigan, der aktuellen Modellpalette und den zahlreichen Käufern einen besonderen Geburtstagskuchen anzubieten. Kurz vor der Hochphase der Flossen- und Chromeskalationen an amerikanischen Automobilen bekam der 1957er Olds einen 6,1 Liter großen V8 mit 277 PS unter dem werbewirksamen Namen „Rocket“ spendiert. Das ist heute eine Menge Hubraum – sogar damals war es das. Allerdings nicht genug, um die Erdanziehungskraft zu überwinden. Der Beiname „Starfire“ für das Topmodell 98 wies aber zumindest die grobe Richtung.

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