Sympathischer Wüstenvogel

Meep! Meep! Der 1970er Plymouth Road Runner mit manueller Viergangschaltung und Pistol Grip garantiert seinem Fahrer den echten American Way of Drive.

Jochen Grimm ist entspannt. Lässig lehnt er mit seinem Holzfällerhemd und der dunklen Ray-Ban-Sonnenbrille an der Tür seines 1970er Plymouth Road Runners, der trotz seiner 40 Jahre noch ziemlich gut dasteht. “Es war ganz schön schwierig, den richtigen Mopar zu finden,” erzählt er uns stolz. “Über ein Jahr lang habe ich rumtelefoniert und Autos besichtigt. Da war auch viel Schrott dabei. Dann bekam ich im Februar 2010 einen Anruf von meinem Importeur. Er sagte, er hätte einen Road Runner für mich, er wäre allerdings bereits für jemanden reserviert. Ich müsste mich also sofort entscheiden.”

Der Rest ist schnell erzählt: Jochen Grimm überwies den Kaufpreis. Es folgten acht schlaflose Wochen bis er Gewissheit hatte: Der Road Runner im Container war ein Glücksgriff. Automatisch fällt unser Blick auf den kultigen Wüstenvogel am vorderen Kotflügel. Fast schon automatisch laufen die alten Filmszenen ab: Der Road Runner ist wieder auf der Flucht. Willy E. Coyote ist dem cleveren Wüstenvogel dicht auf dem Versen. Canyon hoch, Canyon runter und über verstaubte Landstraßen geht die Verfolgungsjagd. Dann der Showdown: Der Road Runner biegt ab und versteckt sich hinter einem Baum. Der ahnungslose Coyote biegt um die Ecke und “Zack!” bekommt er einen Lattenzaun übergezogen. Mit einem “Klatsch” landet er ohnmächtig auf dem harten Wüstenboden.

Vier Gänge und ein Pistolengriff
Das Road-Runner-Logo verleiht dem Straßenkreuzer eine Mischung aus Kult und Coolness. Nebenbei ist der Wüstenvogel auch ein Indiz für das Alter des Fahrzeugs: 1968 war der Vogel schwarz – ab 1970 prangte er in Farbe auf der Karosserie. Der Road Runner von Jochen Grimm kann neben dem bunten Wüstenvogel zudem mit einer für uns Europäer überaus sympathischen Besonderheit aufwarten: Er verfügt über ein manuelles Viergang-Getriebe, die sogenannte A-833 Transmission. Es darf also noch beherzt mit dem Schaltknauf gerührt werden. Allerdings nicht mit irgendeinem Schaltknauf, sondern mit einem “Pistol Grip” vom US-Veredler Hurst. Ein tolles Fahrgefühl!
Im Wilden Westen hätte der Pistol Grip vermutlich für heiße Schaltduelle vor den Saloons gesorgt – im modernen und eher schaltfaulen Amerika hingegen dürfte das manuelle Getriebe trotz Cowboyschaltung für weniger Begeisterung gesorgt haben. Hier stand vielmehr die für den Road Runner erhältliche A 727 Torque Flite Transmission, ein Dreistufen-Automatikgetriebe, hoch im Kurs. Da der 383er-V8-Standard-Big-Block mit 335 PS und 576 Newtonmeter Drehmoment bereits über einen sehr potenten Antrieb verfügt, muss man ohnehin nicht allzu oft an den Pistol Grip langen. Schade eigentlich, denn er liegt verdammt gut in der Hand.

Motorsport für jedermann
Wir schießen mit dem Pistol Grip den Rückwärtsgang ein und fahren aus der Garage in Richtung Fotoshooting.
Zeit für einen kleinen Geschichtskurs: Der Plymouth Road Runner basiert auf dem Plymouth Belvedere und erblickte erstmals 1968 das Licht der Muscle-Car-Welt. Bei Plymouth zielte man mit dem Road Runner auf eine junge Kundschaft, die Wert auf ein sportliches Auto legte. Somit ist der Road Runner – was die Ausstattung anbelangt – ein eher spartanisch ausgestatteter Zeitgenosse.
Ab 1970 hatte der Kühlergrill eine andere Form als die beiden vorherigen Jahrgänge 1968 und 1969 und wurde  in drei Motorenvarianten angeboten: Der Standard 383er Big Block mit 6,3 Litern Hubraum und 335 PS war bereits ein kleines Kraftpaket, ideal für Reisende mit Raserpotenzial.
Sportlich ambitionierte Fahrer griffen zum 440 Six Pack mit 390 PS und drei Holley-Doppelvergasern. Wer es auf der Viertelmeile richtig krachen lassen wollte, setzte sein Kreuzchen beim 426 Hemi, einem vor Power nur so strotzenden Triebwerk mit 425 PS und satten 664 Nm Drehmoment. Ein Garant für rauchende Reifen, schwitzige Fahrerhände und siegreiche Ampelduelle. Wer es komfortabel mochte, legte sich dagegen einen Plymouth GTX zu – einer, wenn man so will, “Komfortvariante” des Road Runners.
Interessanter ist da schon der Blick in die Optionenliste des Road Runners: Hier findet sich beispielsweise der “Air Grabber”, der sich mittels eines Knopfes im Fahrzeuginnenraum öffnen ließ und den Motor bei Bedarf mit mehr Luft versorgte. Der kühlende Air Grabber war insbesondere für den 440 Six Pack mit dreifachem Doppelvergaser ein Muss.

The American Way of Drive
Benzingeruch schwallt durch das offene Fenster unseres Fotowagens. Kein Wunder, denn der mächtige 7,2-Liter-V8-Big-Block des Road Runner grummelt vor sich hin und wartet ungeduldig auf Grün. Wir möchten gar nicht wiederaus dem so sympathisch wirkenden Muscle Car aussteigen. Denn der Road Runner ist American Way of Drive in Reinkultur: reinsetzen, wohlfühlen und loscruisen. Dabei kommt der über fünf Meter lange Straßenkreuzer gänzlich ohne prollige Note aus und giert auch nicht nach Aufmerksamkeit. Er bekommt sie an jeder Ampel und bei jedem Überholvorgang ohnehin von der Außenwelt geschenkt.
Umso schöner, wenn man Platz nehmen darf. Fast schon urgemütlich ist der Innenraum: Hier finden sechs Insassen ohne Probleme Platz. Wie auf einer älteren Couch sinkt man in die mit goldgrün Vinyl bezogenen Sitzbänke ein. Perfekte Vorraussetzung für eine entspannte Ausfahrt – dennoch ist es kaum vorstellbar, dass man in dieser Sitzgarnitur sportlich um die Kurven hetzen soll. Who cares about Seitenhalt? Unter sportlichem Fahren versteht man in Amerika eben eher die Antwort auf die Frage “Wie lege ich möglichst schnell die Viertelmeile zurück?”. Und zwar geradeaus! Direkt vor uns präsentiert sich noch eine Besonderheit des Road Runners: Das “Rally Dash” mit einer im Drehzahlmesser integrierten Uhr – dem sogenannten “Tic-Toc-Tach”.

Ein Hauch von Nostalgie
Wir sind an unserem Drehort angekommen. Der Stuttgarter Zollhafen präsentiert sich im sanften Licht der untergehenden Sonne. Rostige Autowracks, Schienen und Stahlkräne bilden eine perfekte Kulisse zum Fotografieren. Im weichen Sonnenlicht kommt ein wenig Nostalgie auf, denn der Road Runner von 1970 markiert leider auch den Zenit der Muscle Cars. Einerseits trieb die beginnende Ölkrise die Spritpreise in die Höhe – andererseits weigerten sich die Versicherungen zunehmend, die hochmotorisierten Heckschleudern zu versichern. Beide Faktoren setzten der Leistungsexplosion der Muscle Cars ein jähes Ende. 1974, es war das letzte Baujahr des eigenständigen Road Runners, scharrten nur noch 240 Pferdchen ihre Hufe unter der langen Motorhaube. In den folgenden Jahren wurde der Road Runner gar nur noch als Option für den Plymouth Fury und Volare angeboten. Für echte Mopar-Fans wie Jochen Grimm sind das keine Ernst zu nehmenden Alternativen. Ein Grund mehr, den Sonnenuntergang mit einem der letzten “echten” Muscle Cars zu genießen.

Bilder: Malte Ruhnke

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