Die Corvette Grand Sport

Historischer Motorsport

Die Corvette Grand Sport und das Exemplar des Niederländers Michiel Campagne

Auf den ersten Blick wirkt sie sogar überraschend zierlich, „lugt“ so gar nicht mit jenem gemeinhin bulligen Outfit einer brutalen Rennsport-Corvette aus dem Hallentor, wenn sich dann gewöhnlich auch schon einmal „Ofenrohr“-Phantasien aufdrängen. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass die erste „Corvette Grand Sport“ auf eher entfernter Basis der Corvette C2 Sting Ray tiefer liegt, geradezu geduckt da steht.

Aber bullig ist sie weiß Gott – um nicht zu sagen – ein schierer Ausbund an Kraft. Wer beispielsweise unmittelbar daneben stand, als ihr stolzer Eigentümer – der Niederländer Michiel Campagne, beim „Bosch Hockenheim Historic“ mit Herzenslust und Hemmungslosigkeit diese Kuh jedes Mal völlig quer aus der Sachs-Kurve fliegen ließ – mag feuchte Augen bekommen haben. Da verschüttet man schon einmal ein paar Tropfen Kaffee aus dem Pappbecher, vor Euphorie.

Es ist nur wenige Wochen her, da hat Michiel Campagne mit seiner Corvette Grand Sport innerhalb kurzer Zeit gleich bei zwei großen Events zum Historischen Motorsport ganz besonders beeindruckt. Gemeinsam mit seinem berühmten Landsmann, dem ehemaligen Formel 1-Piloten Jan Lammers, gewann er beim Zandvoort Historic Grand Prix den Lauf zur Masters Series. „Und diesmal fuhr er wirklich ernsthaft engagiert,“ unterstreicht Maarten Buitenhuis, der als Manager für den stillen Teilhaber Campagne in Soest/Niederlande die Geschicke von Tachyon Motorsport leitet. Das ist ein Unternehmen, das sich im Kunden-Auftrag professionell hauptsächlich dem Service für historische Rennwagen widmet – ein gutes Dutzend Rennwagen steht gleichzeitig in der Halle. Und gelegentlich bauen sie dort einen auf.

Mit „ernsthaft engagiert“ meint Buitenhuis „erfolgsorientierter mit weniger Show-Einlagen“. Beim „Spa 6 hours“ dann zog Michiel Campagne im ersten Renndrittel einer regelrechten Ford GT 40-Armada (!) bis zu einem Vorsprung von rund 40 Sekunden davon und belegte mit seinem Landsmann Allard Kalff bei Fallen der Zielflagge einen hervorragenden dritten Platz im Gesamtklassement. Was für ein Auto ist diese erstaunliche Rarität im Granturismo-Look eigentlich, die in der Lage ist, einen Ford GT 40 abzuhängen?

Typisch amerikanische Rennsport-Historie: Eigentlich sollte das Auto nicht existieren

Die Corvette Grand Sport umrankt in der Tat eine etwas merkwürdige Geschichte. Sie wurde als Konstruktion in das Jahr 1963 hinein geboren, als einige Enthusiasten bei General Motors alle Hebel in Bewegung setzten, eilig eine Antwort auf Carroll Shelby’s Cobra umzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt war eine Cobra sage und schreibe rund 450 Kilogramm leichter als die Corvette C2 Sting Ray, die von Hier auf Jetzt schon allein dadurch auf den Rennstrecken völlig chanchenlos wurde. Gegen das in Serie gebaute Luxus-Coupé Corvette Sting Ray war die Cobra von vornherein ein verkappter Rennwagen, der vergleichsweise kaum für längere Reisen auf den Straßen tauglich war. Auf den Rennstrecken aber, bei den SCCA-Rennen, wechselten prompt viele Top-Fahrer in die Cobra.

Vor allem Zora Arkus-Duntov, der Vater der Corvette-Baureihe, wollte da nicht tatenlos zusehen. Er schlug dem damaligen Chevrolet-Chef Bunkie Knudsen eine Leichtbau-Version der Corvette Sting Ray vor. Da es sich dabei im Prinzip um das gleiche Auto handeln sollte, nur eben leichter, konnte auch auf die Genehmigung durch das „GM Engineering Policy Committee“ verzichtet werden, einer Art hauseigener Zensurbehörde, die dem Treiben schnell ein Ende bereitet hätte. General Motors atmete im Gegensatz zu Ford in jenen Tagen nicht gerade den Sportsgeist. Plangemäß sollten 125 Einheiten des „Lightweight“ namens Grand Sport gebaut werden, die wie das serienmäßige Coupé aussehen sollten, allerdings ohne den Steg im Heckfenster. Das hatte Duntov eh nie gemocht, zudem sollten bei der Grand Sport die Scheinwerfer  hinter Plexiglas verschwinden. Der beträchtliche Luftwiderstand des Wagens sollte hier durch die radikal erleichterte Karosserie- und Chassis-Konstruktion sowie einen stärkeren Motor kompensiert werden.

Der massive Kastenrahmen mit gewaltigem Knick im Heck wurde zu Gunsten eines Leiter-Fahrgestells mit zwei Längsröhren großen Durchmessers – eine der Cobra sehr ähnlichen Struktur – ersetzt, die gerade einmal 72,5 Kilogramm wog. Die Radaufhängung war ebenfalls neu konstruiert. Es wurden Scheibenbremsen unter Benutzung von britischen Girling-Bremssätteln eingebaut, eine entsprechende selbst entwickelte Scheibenbremse sollte noch zwei Jahre auf sich warten lassen. Die Karosserie, entwickelt in der Konstruktions-Abteilung, bestand aus extrem dünnem Fiberglas von gerade einem Millimeter Stärke. Um den seinerzeitigen FIA-Vorschriften zu entsprechen, wurde ein Kofferraumdeckel eingebaut, unter dem der Reserve-Reifen lag, während der Benzin-Stutzen im Dach saß. Letztlich wog die Corvette Grand Sport unter 900 Kilogramm – und damit weniger als die Cobra, Ziel erreicht. Unter der Haube brabbelte ein 6,2 Liter-Voll-Aluminium-Motor mit den speziellen Duntov-Zylinderköpfen. Dazu kamen die Rochester-Einspritzung und eine andere Auspuffanlage. Der neue Motor schickte schließlich beeindruckende 550 PS bei 6.400/min auf den Prüfstand.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code