Über Benzin nach Rom

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TRÄUME WAGEN und der MSC Trittau e.V. im ADAC wagen sich in diesem Jahr erstmals an eine Rallye, die Stress und Streit weitestgehend draußen lassen soll. Die das Fahren der Klassiker in schöner Landschaft in den Mittelpunkt rückt. Willkommen bei der TRÄUME WAGEN KLASSIK.

Jedes Wochenende in jedem Sommer schreddern wieder Youngtimer, Oldtimer und Klassiker durch sämtliche Bundesländer. Es ist Rallyezeit. Am Steuer oft unentspannt guckende Herren mit Reizpotenzial, daneben von mindestens fünf synchronisierten Atomuhren umgebene verzweifelte Ehefrauen mit einem Roadbook auf dem Schoß. Dieser Sport ist cool, er ist anspruchsvoll – aber er kann sehr anstrengend sein, wenn man ihn ernst nimmt.Was am Freitag, den 17. Juli 2015 vor dem City Center Bergedorf anrollt scheint schon ab der ersten Minute von diesem Stress nicht befallen zu sein. Lachende, Mettbrötchen mampfende Menschen mit Kaffee in der Hand in coolen, fast ausschließlich europäischen Autos aus mehreren Jahrzehnten. Es sind mal andere als sonst, warum auch immer. Während man die Fotoserien der etablierten Veranstaltungen über die Jahre austauschen kann, weil sowieso immer die gleichen Goodwood-erfahrenen Kisten um die Wette fahren knötert hier ein Fiat 126, da ein D-Kadett und dort ein 190er Evo. Das geht gut los, und als Verlagsrepräsentanten lassen Marco und ich es in diesem Jahr in seinem wollüstig-roten 1984er Carrera krachen, den er gerade aus den Staaten importiert hat (siehe TRÄUME WAGEN 05/2015). Startnummer 1 hat dabei ausschließlich Nachteile. Man muss früh aufstehen, weil man als erster durch den Torbogen fährt. Und man kann niemandem hinterherfahren. Man ist auch nicht wirklich als allererster am Buffet bei den Etappenzielen, weil man sich an den vorgegebenen Zeitplan halten muss. Na super. Und los geht‘s, heute in Richtung Flesensee, morgen nach Berlin!
Dieses Mal heißt es: Umdenken.

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Das Konzept aus Roadbook-Navigation, Wertungsprüfungen und Zeitkontrollen ist auf dieser Veranstaltung bewusst entspannt gehalten, um allen Teilnehmern eine gut gelaunte Ausfahrt durch die wunderschönen Landschaften rund um die Mecklenburgische Seenplatte in ihren klassischen Autos zu ermöglichen. Das bedeutet weniger „fiese“ Streckenfindung, weniger Zeitprüfungen und längere Etappen, auf denen einfach nur gefahren wird. Das kommt gut an. Umdenken heißt für die Startnummer 1 aber auch, dass wir als Wegfindungspionier vorweg schroten und uns in Sicherheit wiegen, solange ein paar alte Hasen im Rückspiegel zu sehen sind. Das sind am Anfang meistens der silberne GTV 2000 Bertone und der rote MG. Zwischendurch zuckt Marco regelmäßig der Gasfuß, und er lässt den Luftboxer kräftig durchatmen. Wenn dann minutenlang niemand mehr hinter uns zu sehen ist wird er nervös und wirft vorwurfsvolle Blicke auf seinen Beifahrer und Navigator, der sich allerdings selten einer Schuld bewusst ist. Ein Dreamteam. Je weiter das Feld aus 35 Autos der Baujahre 1946 bis 1993 auseinandergezogen wird desto öfter kreuzen Teilnehmer die Strecke, die da eigentlich noch gar nicht sein sollten. „Touristisch“ heißt eben auch nicht „Kinderleicht“, wohl denen die sich beim Briefing im Vorfeld von Klaus Hartjen und Ingo Huter über die Tücken der Wegfindung haben aufklären lassen.

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Treffen der Generationen. Eins haben alle gemeinsam: Historische Schönheit. 48 Stunden lang nach dem Weg suchen. Auch zur Mittagspause…
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Mercedes, Alfa Romeo, Porsche – die Herzen der Zuschauer schlagen schneller als die der Fahrer.
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Selten oder noch nie gesehen. Oder schon lange nicht mehr.

Nach hochwertig asphaltierten Aufbau-Ost Alleen, kaiserzeitlichen Kopfsteinpflasterstraßen und vergessenen NVA Panzerplatten-Feldwegen schlemmen alle gemeinsam im Van Der Valk Landhotel Spornitz und sehen –hey!- tatsächlich noch weitestgehend gut gelaunt aus. Konzept aufgegangen? Wer jemals eine als „hart“ eingestufte Rallye gefahren ist wird wissen, welches Stress- und Streitpotenzial so eine Veranstaltung birgt. Das mag für viele eine Herausforderung sein, uns schmecken heute Fisch und Fleisch mit Gemüse und Kartoffeln einfach besser als je zuvor. Leider gibt es hier einen Ausfall zu beklagen, der Evo, bei dem grad noch die „Bulleneier“ gemacht wurden (wenn Sie nicht wissen was das ist hatten Sie noch keinen Mercedes) hat sein ganzes Hydrauliköl ungewollt den neuen Bundesländern spendiert. Exodus. Superschade, die Jungs hatten bis hierher richtig Spaß.

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Nicht der Stärkere gewinnt. Sondern der mit dem besten Gefühl für Zeit und Auto. Auf öffentlichen Straßen, brav nach den Verkehrsregeln. Zeit genug ist da.

Aber wie gelassen ansonsten die Zeitfenster zwischen den einzelnen Zeitkontrollen und Stempelposten entlang der Strecke getaktet sind zeigt sich immer, wenn Gasfuß-Marco mal wieder die sechs Zylinder freigelassen hat und man einfach noch nicht mit uns rechnet…. Hektisch werden im Angesicht des roten Zuffenhauseners Tische aufgeklappt, Stempel gesucht und Uhren resettet. „Was wollt ihr denn schon hier, wir haben erst in 20 Minuten mit euch gerechnet?!“ Ja nun. So bleibt zwischendurch eben viel Zeit für die profanen Bedürfnisse entlang der Strecke und für Gespräche unter Männern, die thematisch für immer im Inneren dieses Autos bleiben werden. Doch bei aller Gelassenheit, die Ankunft im Iberotel Flesensee (das Etappenziel für den ersten Tag) ist wundervoll. Die Tische sind reichlich gedeckt und der Koch brutzelt schon emsig das Barbecue sponsored by Mirbach & Dost GmbH – Klaus Dost hat es sich übrigens nicht nehmen lassen, in seinem 1976er BMW 1502 die komplette Rallye mitzufahren und sollte in der Klasse 1971-1985 gemeinsam mit unserer Catherine einen respektablen 12. Platz erreichen. Aber das ist morgen. Alle Teilnehmer freuen sich heute über eine kühlende Dusche, britzelndes Mineralwasser, die Zwischenergebnisse und das eine oder andere alkoholische Getränk später am Seeufer bei einem unfassbar romantischen Sonnenuntergang. Geigen, bitte. Herrlich.

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Die zwei mit der Nummer 1 dürfen nicht so lange schlafen wie die anderen, denn um 9:01 Uhr geht es direkt und unbarmherzig weiter in Richtung Berlin. Im Parc Fermé dösen noch die Autos, in der Nacht hat es geregnet und ein paar verpennte Amseln trippeln zwischen Breitreifen und Stahlfelgen umher. Wohl dem frühen Vogel, und mit ein paar Litern Kaffee im Blut geht es mit peinlich-Hits der 90er weiter, vorbei an sehenswerten Orten mit lustigen Namen und saftigen Landschaften voller Menschen, Stempel und „Baumaffen“. Wir haben schon lange keine dieser aufgestellten Nummern mehr gesehen, die wir in die Bordkarten eintragen müssen, um den korrekt gefahrenen Streckenverlauf zu dokumentieren. Wieder vorwurfsvolle Blicke zum Beifahrer. Na danke. Vielleicht haben wir auch einfach nur zu laut und zu ausgelassen Herrenthemen diskutiert und uns zu wenig auf die Strecke konzentriert? Beim letzten Mittagessen auf Gut Hesterberg stehen alle Fahrzeuge sexy aufgereiht im Vorhof um einen plätschernden Brunnen herum, und noch einmal fällt auf, dass sich Oldtimerfreunde wegen ihres Hobbys immer finden werden, egal wie teuer oder wie alt ihre Autos sind. Da steht ein Mitsubishi Colt GTI von 1992 neben einem 1960er SL und einem Lancia Aurelia von 1956.

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Beifahrer oder Fahrer? So oder so gern gesehener Gast.
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Ob oben offen oder geschlossen, Fahrer und Beifahrer haben alle Hände voll zu tun.
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Das Verlagspony, dieses Jahr aber nicht mit auf der Strecke.
Wir fuhren Porsche…
Parc Fermé vor schönen Kulissen. Die Strecke ist gespickt mit einmaligen Orten

Da versprüht ein Audi Quattro von Treser seinen 80er Charme breitbeinig über die Motorhaube eines BMW 318 Cabrio. Ein Treffen der Generationen, man spricht über die Prüfungen, die falsch gefahrenen Nebenstraßen und die Autos, die man selbst gern hätte und die hier vielfach zu bewundern sind. Das macht Spaß, und irgendwie schweißt das zusammen.
Je weiter wir nach Berlin kommen desto eher existieren auch Möglichkeiten, einen Kaffee zu erwerben und den nicht gegen Glasperlen oder die Südfrüchte aus dem CCB Lunchpaket eintauschen zu müssen. Letzte navigatorische Anstrengungen durch den berliner Dschungel mit verheerenden Verkehrsmeldungen, die Autobahnen betreffend. Aber wer will denn schon heute noch nach Hause? Vor dem Forum Echt Köpenick werden die Teilnehmer von Passanten und Fans und dem fröhlichen Hauptmann von Köpenick in seiner Uniform begrüßt. Er ist der erste Cop, den wir auf der insgesamt 300 Kilometer langen Strecke zu sehen bekommen. Gibt es in den „neuen Bundesländern“ keine? Oder ist das Leben hier noch so in Ordnung, dass sie am Wochenende zu Hause bleiben? So oder so, ich fänd beides gut. Bei der schillernden Abschlussgala im pentahotel Berlin-Köpenick wird mit Preisen und Pokalen nicht gegeizt, und so mancher Teilnehmer wundert sich. Die einen, weil sie dachten, dass sie wesentlich besser abgeschnitten hätten. Und die anderen, weil sie mit einer derart guten Platzierung überhaupt nicht gerechnet hätten. Tja Kameraden, Atomuhren und digitale Trip-Computer sind eben nicht alles. Auch Herz, Hirn und ein bisschen Glück spielen bei der TRÄUME WAGEN KLASSIK mit. Jörn Rompel und Maren Hoffman haben sich in ihrem GTV 2000 Bertone den verdienten Pokal geholt, gut dass wir die so oft im Rückspiegel hatten.

Und wenn sich Mensch und Maschine auf dieses Credo einlassen, schreit das nach einer Fortsetzung im Jahr 2016. Oder?

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Abendausklang. Prost. Bis nächstes Jahr.

 

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