Wiesmanns Welten

Die Sammlung von Gitti und Friedhelm Wiesmann

Wenn das Leben in seiner ganzen Härte unaufhaltsam voranschreitet und das Schicksal unerwartet Stolperschnüre spannt – dann brauchen Menschen etwas, das sie aufrichtet. Bei Friedhelm und Gitti Wiesmann aus Cuxhaven sind das ein paar riesengroße, hubraumstarke amerikanische Klassiker im Neuzustand

Der Blick des Mannes mit dem blauen Hemd und den buschigen grauen Koteletten ist noch immer auf den Horizont gerichtet. Er sieht ein bisschen aus wie der gutmütige Vater von Elvis, und er lächelt so, als hätte er noch wesentlich mehr zu erzählen als die gesamte Familie des King of Rock‘n Roll.

Horizont gibt es hier an der Westküste eine Menge, bei gutem Wetter kann man gefühlt bis nach Amerika sehen. Aber seine Augen suchen etwas anderes.

Der Mann heißt Friedhelm Wiesmann. Und hinter ihm, hinterm Klapptor seiner Garage, das weit offen steht, da liegt seine Welt. Wer Einlass erhält, findet sich jenseits von Abwrackprämien, Neuwagenfinanzierungen und japanischem Plastik wieder. Hier stehen Autos: Mustang, Excalibur, Chevy Apache. Echte Autos, die niemals etwas anderes waren und es immer bleiben werden – so muss sich Lara Croft gefühlt haben, als sie ihre erste ungeöffnete Grabkammer voller sagenhafter Schätze betrat. Aber nein, vergessen wir die Dame, sie ist ja nur Fiktion.

Grün ist die Hoffnung, in unserem Fall efeugrün mit vier Rädern. Und ohne Dach…

Die Wiesmann’sche Leidenschaft begann mit einer Harley-Davidson E-Glide, das war 1973. Das schwere Motorrad mit dem zeitgenössisch modernen Gold-Metallic-Splitterlack startete die aktive Zeit der Wiesmanns im Harley-Davidson-Club Deutschland HDCD. Noch heute gibt es regen Kontakt zu den damaligen Sattelgefährten, mit denen die beiden wunderschön durchgeschüttelte Fahrten quer durch die Republik unternommen haben. Ehefrau Gitti ging als „Harley-Lady“ in die Geschichtsbücher des Vereins ein und fuhr ihre eigenen Maschinen, gern auch dreirädrig, mal als Lkw mit geschlossenem Kasten und Bremsklotz, mal als „Sonderfahrzeug Autokrad“ und mal als offenen Personenkraftwagen mit Helmpflicht.

Zeiten und Bezeichnungen ändern sich. 20 Jahre später wirft das Schicksal den ersten Bremsklotz in den Kickstart der Freiheit mit Helm. Die Harley-Lady muss sich im Jahr 1994 einer Nierentransplantation unterziehen, und die Wiesmänner beschließen aus gesundheitlichen Gründen einen generellen Umstieg vom Motorrad aufs Auto. Aber nicht auf irgendeines. Den Neustart auf vier Rädern markiert ein 1968er Ford Mustang Convertible in Efeu-Grün, natürlich mit V8, Dreigang-Automatik und im gefühlten Neuzustand. Nach nur einer Anlasserumdrehung erwacht das zuverlässige 4,7-Liter-Triebwerk jeden Tag zum Leben und brabbelt mit einer fast stoischen Zuverlässigkeit die Balladen der Straße. Was braucht man mehr? Er steht noch immer hinter dem großen Klapptor, sauber, trocken und ganz in der Nähe der gesammelten Harley-Reliquien. Das Leben geht weiter und die pure Freude an den Fahrzeugen hilft über alles hinweg, auch wenn Gitti die Harleys nur noch anschauen kann. Schon bald sitzen die beiden im Mustang und cruisen mit offenem Verdeck durch das Leben an der Nordsee.

Technische Daten

Ford Mustang T68 USA
Baujahr: 1968
Motor: V8 289 cui-2V
Hubraum: 4.660 ccm
Leistung: 144 PS bei 4.200/min
Max. Drehmoment: 258 Nm
Getriebe: Dreigang-Automatik
Antrieb: Hinterachse
Länge/Breite/Höhe: 4.650/1.820/1.330 mm
Gewicht: 1.430 kg
Beschleunigung: 11,9 s
Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
Preis/Wert: k.A.

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