Ein Dragracer kommt selten allein


Das gilt hier im doppelten Sinne. Zum einen hat unser Protagonist Boris Baur aus Hamburg gleich zwei der seltenen Chevrolet Nova SS für den DragRace-Sport aufgebaut. Zum anderen ist der Mann, der Boris zum DragRacing brachte, heute sein Team-Kollege in Sachen 402-Meter-Sprints. Beide werden von einer bekannten US-Autopflege-Marke gesponsort, was ihren Sportlern eine etwas auffälligere Farbgebung bescherte. Wir haben Boris mal so richtig gelöchert, um tief in die Welt der Viertelmeile abzutauchen zu können

Boris Baur aus Hamburg ist verheiratet, kurz über 40 Jahre alt, hat einen akademischen Beruf und kann sich im Alltag sehr ordentlich verhalten. Ich lernte Boris schon vor 10 Jahren als “Saab-Boris” kennen. Das war im Kreise der Motoraver, als er gerne mit seinem Daily Driver – einem tiefer gelegten Saab 900 Turbo und jeder Menge  Renntechnik darin – auftauchte.

Boris wusste schon immer etwas mehr als der allgemeine Opel-Raver über die Innereien alter Autos, die Gespräche mit ihm verliefen selbst nach einigen Bier noch ambitioniert, jedoch gerne auch mit einem guten Schuss herzlich-derbem Humor. Dann tauchte Boris für uns gewöhnliche City-Poser plötzlich mehr und mehr ab. War es die Arbeit, die Ehe oder doch etwas ganz anderes?

Heute wissen wir – es war sein Einstieg ins Drag­Racing, das neben Job und Family eine Menge Zeit forderte. Das fühlt sich so an wie mit alten Klassen-Kameraden, bei denen man sich aufgrund plötzlichen Wiedersehens freut, dass sie sich mit irgendetwas durchgebissen haben und in einem ungeahnten Bereich erfolgreich wurden.
Boris‘ Chevy Nova SS Coupés sind großartige und gesuchte Fahrzeuge. Im Renntrim für die Quartermile treten sie imposant und doch sehr ästhetisch im guten Stile des etwas kastigen GM-60er Jahre-Designs auf. Um seine Autos zu restaurieren und für die Rennen aufzubauen, ist viel Zeit und Energie in das alte US-Blech geflossen. Wir haben Boris zwischen zig Terminen und Auslandsreisen getroffen und ihm interessante Details zu seinem Nova SS und den Einsätzen als privater Dragracer entlocken können:

AUTO MOBILES TRÄUME WAGEN:
Und wie bist Du zum Drag-Racing gekommen?
Boris Baur: Früher erschreckte ich bei konspirativen Treffen – natürlich weit ab des offiziellen Straßenverkehrs – mal hier und da ein paar von den Motoravern (lacht) und traf dann irgendwann Tony Brandes (Anm. der Redaktion: Siehe Bericht in der TRÄUME WAGEN über Tonys Armor All Hot Rod im Jahr 2009). Da war ein sofortiges Verständnis für die Sache, und so sorgte Tony dafür, dass ich 2004 als Mechaniker – ey Tony, was soll eigentlich das Benzin im Gefrierfach??? – in Hockenheim bei den Nitrolympix dabei sein durfte. Das war letztendlich der Auslöser für mich, auch mal selbst auf der Rennstrecke mein Unwesen zu treiben.

AMTW: Was war Dein erster DragRacer und wie kamst Du zu dem Wagen?
BB: Das war ein Chevrolet Nova SS. Er kam 1966 in Canada auf die Welt und war ursprünglich ein echtes SuperSport Coupé mit Reihen-6-Zylinder. Dann wurde der Nova direkt von Außerirdischen entführt und kam erst viel später in Schweden wieder zu sich.
Dort hatte ein Mädel namens Dörnte aus dem kleinen Städtchen Motala nahe Mantorp Park den Wagen jahrelang bei Wind und Wetter und auch bei manchem Rennen im Einsatz. Er verfügte plötzlich über zwei Zylinder mehr und war mattschwarz, untenherum aber auch reichlich braunrot.
Nach meinem Kauf waren eineinhalb Jahre fleißiges Basteln nötig. Erste Aktion: komplette Ausweidung der Karre und Anfertigung eines frei dreh- und rollbaren Gestells für die Karosserie. Habt ihr eigentlich schon mal fingerdicken Unterbodenschutz abgekratzt? Ging aber teilweise ganz einfach, weil das halbe Bodenblech gleich mit runterkam…

AMTW: Du hast jetzt aber noch ein DragRacing-Mobil?
BB: Ja, noch einen Nova SS. Dieser hatte schon einen Käfig und Kunststoffhaube und -Türen, bedurfte aber einer kompletten Überholung des Fahrwerks. Außerdem mussten Motor und Getriebe neu aufgebaut werden.

AMTW: Warum wurde es denn wieder ein Chevy Nova SS?
BB: Naja, wenn man schon einen hat… Das Interessante ist vielleicht, dass beide Fahrzeuge nur etwa 20 Fahrgestellnummern auseinander liegen – wahrscheinlich sogar am gleichen Tag gebaut wurden!
Die Form eines Nova Coupés fand ich schon immer sehr hübsch, gerade die der Jahrgänge 1966 und 1967. Und ich scheine da nicht alleine zu sein: Nach den Camaro und Corvette der 60er Jahre gehören die Nova Coupés in den USA zu den gesuchtesten und damit leider auch teuersten Chevrolet.
Außerdem vorteilhaft für den Rennsport: Chevy Nova sind recht klein und leicht, damit braucht man nicht so viel Leistung, um den Wagen für geringe Zeiten auf der Viertelmeile zu bewegen – spart Geld und schont die Umwelt!!

AMTW: Was habt ihr an dem Wagen für die Viertelmeile verändert?
BB: An dem Armor All Nova sind nur noch die Grundkarosse, der Heckdeckel sowie die Frontscheibe original. Die Karosserie wurde mit einem Käfig versteift, natürlich dient dieser auch der Sicherheit und ist nach den gültigen DMSB-Richtlinien zertifiziert. Der komplette Vorderrahmen ist von einer Firma, die sich auf die Herstellung von Sportfahrwerken für amerikanische Autos spezialisiert hat. Große Bremsen, Leichtbau und eine straffe Zahnstangenlenkung fanden dabei Einzug in den Nova.
Im Heck habe ich ein so genanntes “Ladder Bar Setup” mit Coil-Over-Stoßdämpfern für die Hinterachse eingebaut, um bei den stehenden Starts beim DragRace die Achse bei den enormen Kräften möglichst auf geradem Kurs zu halten. Außerdem lässt sich so das Chassis besser den unterschiedlichen Bedingungen der Strecken anpassen.
Der Motor ist ein sieben Liter großer Rennmotor, der nur noch in Grundzügen auf dem ursprünglichen Chevrolet Small Block basiert. Beim Getriebe handelt es sich um ein stark modifiziertes Zweigang-Powerglide mit Trans Brake.

AMTW: Schraubst Du allein oder hast Du auch noch fähige Helfer?
BB: Den Motor sowie das Getriebe hat Thomas Engelage in Bremen für mich gebaut. Er hilft mir – und seinen vielen anderen Kunden – auch auf den meisten Rennveranstaltungen bei diversen Einstellarbeiten. In Hamburg hilft mir häufig Kai Connelly, mit dem ich mir eine Werkstatt teile.
Meine Frau ist bei fast jedem Rennen mit dabei und schafft viel Freiräume im Umfeld einer solchen Veranstaltung. Besonders dann, wenn es bei Set-Up Änderungen in letzter Sekunde stressig wird.

AMTW: Wie waren die ersten Rennen für Dich?
BB: Das war noch mit meinem straßenzugelassenen Nova. Mal schnell nen neuen Motor geplant, Teile besorgt, ein vernünftiges Getriebe gekauft, alles zusammen- und eingebaut, Hinterachse gesperrt und los ging‘s.
Naja, hat dann doch den größeren Teil des nächsten Winters zeitlich in Anspruch genommen – aber schon der erste Ausritt zum Rennen nach Brandenburg – noch ohne Slicks… ich denke, über die 60ft-Zeiten kann ich hier nicht öffentlich sprechen – hatte gezeigt: Mit etwas sinnvoller Planung und nicht allzu hoch gesteckten Zielen kann so etwas funktionieren.
Mit dem King of Europe 2005 in Belgien ging es weiter. Als Starter in der 12,5sec-Klasse qualifizierte ich mich mit einer 12,708 als Vierter auf DOT-Reifen und legte dann im Training noch mal ne 12,509 hin. Die Strecke wurde immer schneller. Da dachte ich: cool, mein erster richtiger Event ist international und ich gewinne den auch noch!
Aber wie es dann so ist, verschlafe ich den Start im Viertelfinale, schalte dann auch noch einen Tick zu früh hoch und bin draußen. Lehrgeld gezahlt, ein wenig geärgert – aber Spaß gehabt!
Deshalb habe ich in Folge an weiteren Events im Norden Deutschlands teilgenommen wie der Wolfparade Itzehoe sowie den Rotenburg Race Days und fuhr relativ konstante 12,7er-Zeiten auf ungeklebter Strecke. Reaktionszeiten kamen runter bis .005 (Anm. der Redaktion: das sind fünf Tausendstel einer Sekunde). Ich hatte allerdings in Itzehoe gleich mal ein Rotlicht gefahren (Disqualifikation). Ärgerlich, ärgerlich.
Dann dachte ich: Hockenheim, da musst du einfach dran teilnehmen und habe mich gleich angemeldet. Hier wollte ich möglichst nah an den 12,0er-Index rankommen. Ich fuhr damals in der Klasse Public Race. Also schnell mal das komplette Antriebskonzept überdacht und geändert – schärfere Nockenwelle, anderen Wandler, Übersetzung, Vergaser…
Das Ende vom Lied: 13,08 sec als beste Zeit in Hockenheim, allerdings mit einer 1,71sec auf 60 Fuß. Unglaublich schlecht und wieder ordentlich was dazu gelernt!

AMTW: Was hast Du denn allgemein aus diesen ersten Erfahrungen gelernt?
BB: Nichts überstürzen, genau aussuchen, wo man hin möchte, dann konzentriert darauf hin arbeiten. Dies gilt vor allem für die Technik des Autos, welche man ja mit dem Blick auf die Teilnahme an einer bestimmten Rennklasse (z.B. proET) sorgfältig aussuchen muss. Außerdem ist aber nicht nur die Technik des Autos wichtig – die Starttechnik des Fahrers wird von Neulingen häufig unterschätzt! Es sah bestimmt klasse für die Umstehenden aus: Tony und ich Hand in Hand vor der Startampel beim Üben, um gegenseitig die Reaktionszeiten zu überprüfen! Nach dem Motto: “Hach, ich nehm lieber mal nen Prosecco…”

AMTW: Was kostet eine Dragracing Saison?
BB: Das ist natürlich stark von der eingesetzten Technik abhängig. Meine Frau Tina und ich haben uns bewusst entschieden mit dem Armor All Nova in der proET-Klasse zu starten. Das ist unserer Meinung nach die beste Einsteigerklasse für den DragRace-Sport. Das hat vor allem den Grund, dass bei der proET-Klasse auf dem selbst festgelegten Index gefahren wird, so dass letztendlich nicht das teuerste Material, sondern die Reaktionszeit und Konstanz des Fahrers über Sieg oder Niederlage entscheiden (Anm. der Red.: mehr Informationen unter www.proet.de).
Das soll jetzt nicht falsch verstanden werden: proET ist kein lahmer Haufen! Immerhin muss im Mindesten eine Zeit von 11,99 Sekunden auf der Viertelmeile erreicht werden, das Zeitfenster liegt zwischen 11,99 und 9,90 Sekunden. Und das ist bei stehendem Start eine Zeit, wo der gemeine Porsche- oder Ferrari-Fahrer ungefähr drei Sekunden nach dir ins Ziel kommt. Mit dem Armor All Nova setzen wir daher auf bewährte amerikanische Technik, da diese robust ist und zuverlässig funktioniert. Pro Rennen ist man je nach Größe des Feldes und der Anzahl der Läufe mit ungefähr 500.- Euro dabei – beinhaltet sind dabei Anmeldegebühren, Übernachtungskosten und Verbrauchsmaterial – der Nova fährt ja mit Tankstellenbenzin. Obendrauf kommen noch die Reisekosten. Glücklicherweise haben wir in Armor All einen idealen Sponsor gefunden, der uns bei unseren Vorhaben liberal unterstützt – vielen Dank dafür!

AMTW: An wie vielen Rennen nimmst Du 2011 teil?
BB: Wir hatten jetzt zwischendurch etwas Pech und erlitten einen Motordefekt, sodass wir zwischenzeitlich aussetzen mussten. Ersatz ist aber im Werden und wir kommen in dieser Saison wohl auf fünf Rennveranstaltungen.

AMTW: Was ist der Thrill am DragRacing für Dich?
BB: Endlich geht es in einem Auto mal schnell voran! Die Beschleunigung ist natürlich im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend – gerade bei stehendem Start und guter Traktion. Es fühlt sich auch ungewöhnlich an, wenn die Beschleunigung bis zum Ende der 402 Meter anhält, sie nimmt ja kaum ab. Daneben ist aber natürlich der Wettkampf mit dem Kollegen in der anderen Bahn unheimlich aufregend. Und wenn du pennst, dann weißt du auch genau, wer Schuld ist…

AMTW: Reizen Dich auch Rundstrecken-Rennen?
BB: Ja, absolut. Allerdings ist das mit einem für DragRacing optimierten Fahrzeug so ohne Weiteres nicht möglich. Ich denke aber, dass es für mich eine interessante Alternative wäre.

AMTW: Wie kam es zu dem Sponsorship von Armor All?
BB: Hieran war maßgeblich meine Frau Tina beteiligt. Sie stellte den Kontakt zu der PR-Agentur von Armor All her. Ich machte mir Gedanken über ein Konzept, wie man die Autopflegemittel von Armor All mit historischen amerikanischen Automobilen in Verbindung bringen könnte – und ich denke, das ist uns mit unserem Armor All Nova, der ja auch bei anderen Gelegenheiten wie z.B. Autoshows ausgestellt wird, ganz gut gelungen. Ich finde es übrigens erstaunlich, wie viele Leute uns auf den Rennen auf die Produkte ansprechen. Unsere kostenfreien Produktsamples sind immer recht schnell vergriffen!

AMTW: Welche Rennzeiten hast Du Dir für das kommende Jahr vorgenommen?
BB: Wir zielen auf stabile Zeiten von 10,5 Sekunden. Diese Zeit ist ideal für das Auto und lässt sich mit großer Konstanz auf den meisten Strecken realisieren. Man ist damit im proET-Zeitfenster auch eher im schnelleren Bereich. Das bedeutet, da zeitversetzt gestartet wird, dass man meistens auf der Strecke der “Verfolger” ist, was ich lieber mag. Du kannst so den Gegner besser im Auge behalten.

AMTW: Was sind Deine Pläne für 2012?
BB: Wir würden gerne Tinas Zeit am Steuer erhöhen und zusätzlich zu den deutschen bei einigen internationalen Rennen teilnehmen, insbesondere in den Niederlanden und in Schweden.

AMTW: Boris, wir danken Dir für das ausführliche Gespräch.

 

TECHNISCHE DATEN

 

 

Modell/Baujahr:Chevrolet Nova Super Sport 1966
Motor-Basis:Chevrolet Small Block 1. Generation
Motor-Tuning:Nicht mal die Lager sind mehr original
Hubraum:7 Liter
Leistung:586 PS
Drehmoment:780 Nm
Getriebe:2-Gang Powerglide mit Trans Brake
Höchstgeschwindigkeit:ca. 220 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h:unter 3 Sek.
Kraftstoff:V-Power
Leergewicht:1.188 kg
Räder:Weld DragLites 15×3″ und 15×8″
Reifen:vorne 195 R15, hinten 29,5×11,5×15
Fahrwerk:CoilOvers vorne, hinten zusätzlich Ladder Bar Setup
Weiteres Tuning und Renn-Ausstattung:z.B. Fächerkrümmer, Auspuffanlage, Drehmomentwandler auf die Nockenwelle abgestimmt, Pedalerie original, Sportlenkrad, 1 Schalensitz, Fünf-Punkt-Gurt, Käfig/Überrollbügel, DMSB-zertifiziert, Schnellverschlüsse an der Haube, Notaus am Heck, Kunststoffrenntank, GFK Haube, Türen, vordere Stoßstange Lackierung in Armor All-Orange von
Lars Danielsen, Lackiererei Jorczyk, Schenefeld
Bilder: Dirk Behlau, Boris Baur


Ein Gedanke zu “Ein Dragracer kommt selten allein

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>