Sleeping Beauties – Ein Schrottplatz am Rande der Wüste

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Mitten im namibischen Nirgendwo geht dem Fan von Sleeping Beauties das Herz auf: Zwischen Stipagrostis Uniplumis und Hundepissbüschen dämmern im Nest Solitaire gelebte Autos dem Verfall entgegen. Ein Besuch der unwirklichen Art

Rost ist international

Vor Tagen hat es mächtig geregnet, die Wüste ist grün. Das Buschmanngras (Stipagrostis Uniplumis) schimmert silbern, der Salbei – wegen des Geruchs von den Namibianern „Hundepissbusch“ genannt – schießt ins Kraut. Da fällt so ein gelb-orangener Klecks unter hellblauem Himmel schon mal auf.
Wir sind unterwegs von Windhuk in die Sanddünen der Namib, als uns Solitaire fesselt. Der Standort: 23 Grad, 53 Minuten, 31,0 Sekunden Süd, 16 Grad, 00 Minuten und 27,0 Sekunden Ost, 1.084 Meter über dem Meeresspiegel, an der Kreuzung C14 und C19 in Namibia. „Nutzt jede Tankstelle,“ haben sie uns vor der Tour gesagt, „so viele gibt es in diesem Land nicht.“ Und so nutzen wir die in Solitaire, einem winzigen Kaff, und das hat anscheinend mehr Schrottautos als Einwohner.

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Solitaire lohnt sich, nicht nur wegen der Rostautos: In der Gegend blühen Reifenhandel und die Tourismus-Touren (in umgebauten Defendern).

Denn wir werden begrüßt von eben jenem gelb-braun-orangenen Hudson aus den Dreißiger Jahren, der vor Jahrzehnten in namibische Schockstarre verfiel und seitdem in Würde altert. Seines Interieurs beraubt leuchtet das Coupé weit durch die Steppe. Ein paar Chromteile wie die Kofferraumgriffe sind noch vorhanden, durch den Rest kriechen höchstens noch Skorpione, Schlangen und „Gelbärsche“. Das sind riesige Ameisen, die von den Einheimischen im Notfall als medizinische Instrumente benutzt werden: Hat man sich tief in die Haut geschnitten, finde man so einen Gelbarsch, ärgere ihn (was leicht sein soll), klammere die beiden Hauthälften mit den abwehrbereiten Zangen der Ameise zusammen, trenne Vorder- vom gelben Hinterteil und warte. Die klammernden Insektenextremitäten sollen den Schnitt verschließen, bis die Wunde soweit geheilt ist, dass die Wundränder von selbst halten.

Kein Mensch weiß, wann und warum die wenigen Einwohner von Solitaire anfingen, jedes verreckte Auto der Gegend in ihren Vorgarten zu schleppen – aber sie taten es. Es muss lange her sein – ältestes Rostobjekt ist ein Vorkriegstruck, von dem nicht viel mehr übrig ist als ein kompakter Sechszylinder, der Tank, ein paar Rahmenstreben, etwas Motorhaube und Kotflügel sowie ein paar Holzaufbauten und Speichenräder. Da ist nicht ein Hinweis auf die Marke übrig.

Etwas jünger die US Pick-ups wie der Chevy oder der Ford. Einst robuste Autos, wie sie in Namibia gebraucht wurden und werden. Damals wie heute gibt es hauptsächlich Naturstraßen, entweder voller spitzer Schottersteine oder als „Salzstraße“ mit verdichteter Salzlauge befestigt. Wer hier liegen bleibt, muss auf Hilfe eventuell lange warten. Auf hunderten von Kilometern kommen einem manchmal überhaupt keine Fahrzeuge entgegen.

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Leute mit Faible für Marodes

Erst recht nicht vor vielen Jahrzehnten. Weiß der Geier, was die Menschen taten, so sie irgendwo bei Solitaire strandeten. Mutig müssen aber einige gewesen sein, zum Beispiel diejenigen, die sich mit dem winzigen offenen Morris Eight Series II vom Ende der Dreißiger Jahre in die Wüste wagten. Dessen Typenschild am Kühler scheint durch die Hitze verbogen zu sein. Immerhin hängt am Heck noch das Ersatzrad mit Speichenfelge dran. Und auch der Kühler und das winzige Motörchen (mit gerade mal 23 PS) samt Getriebe stecken noch unter dem gemarterten Blech.

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Zwischen den Kakteen hängt auch noch eine Caltex-Dieselzapfsäule, und ganz versteckt ist eine Peugeot-404-Kombi-Karosserie mit Sand gefüllt. Dass das Ganze System hat, ist nur am Schild unter einer alten Benzinpumpe aus dem Jahr 1950 zu erkennen: „… 2004 geschenkt an Solitaire von Charles & Rita Jacobs, Gobabis, Namibia“.

Dass das alles ausländische Autos sind, darf nicht verwundern – Namibia hat keine eigene Autoindustrie. Bis auf den Uri – ein unverwüstlicher großer Geländewagen, einst erfunden vom namibischen Farmer Ewert Smith, gebaut von Uri Offroad Cars. Dann gibt es in der Wüste natürlich noch jede Menge Land Rover Defender, meist umgebaut zu zwölfsitzigen Cabrios. Damit transportieren die Einheimischen Touristen zu den Sanddünen und zurück zum Parkplatz, wo alle nur einachsig getriebenen Autos parken müssen.

Und da wären dann noch auffällig viele Golf 1, die hier „Citi“ heißen. Die kommen aus Südafrika und wurden bis vor kurzem tatsächlich noch neu gebaut. Der Absatz hat sich gelohnt: Im „südlichsten Nordseebad Deutschlands“, wie Swakopmund am Atlantik auch genannt wird, ist die Luft so salzig, dass normale Autos hier nicht länger als fünf Jahre überleben. Da hat es so ein Plastik-Buggy gut, wie er hier immer mal wieder gesichtet wird. Dessen Haut kann Salz nichts anhaben.

Solitaire allerdings ist weit genug weg vom Meer, um seine Rosties ans Salz zu verlieren. Ein guter Bäcker, die von der Tankstelle, ein Reifenhöker, ein Café-Besitzer und ein paar andere Einwohner achten auf die wertlosen Schätze, die nur noch optisch Eindruck machen auf alle, die ein Faible für Marodes haben.

Wenn nicht ein paar Touristen herumlaufen würden, könnte man sich in einem Umfeld wie in „From Dusk till Dawn“ wähnen…

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Fotos: Roland Löwisch

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