2 Jahre Ruhe

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Der TÜV, die HU – alle Doppeljahre wieder steht die Prüfung der Gebrauchtwagen bevor. Also uns – und man weiß ja nie, was da alles zu Tage tritt. Ich zum Beispiel hab mein Auto noch nie von unten gesehen

Es ist Fluch des deutschen „Daily Drivers“ aus den 70ern: Während die überschaubare Technik noch heute gelobt wird, ließ die Rostvorsorge in jenem Jahrzehnt mehr als zu wünschen übrig. Falznähte blühen, Schweller knuspern und Stehbleche bröseln. Mal offen, mal im Verborgenen, da geben sich Audi, Mercedes, Opel, Ford und VW den Türöffner in die Hand. Ich rolle in der Mittagspause noch schnell zu meiner Leib- und Magen-Prüfstelle in Kiel, um einen Termin zu machen. Davor will ich allerdings in Ruhe am alten Blech rütteln und richten, was gerichtet werden muss.

„Ist grad ruhig, fahren Sie den mal gleich vor…“ Huch? Völlig unvorbereitet stehe ich mit dem Schlüssel in der Hand vor meinem Auto, was unter meiner Regie noch keine HU bekommen hat. Seit zwei Jahren fahre ich den nur sporadisch, Sommer wie Winter. Ich lag noch nie drunter, das war schlicht nicht nötig. Glaube ich. Was mag der Mann alles finden? Festgegammelte Bremsen? Ölverlust? Legt er mein H-Baby gleich still? Ogottogott. Während der Meister die Papiere abtippt, tausche ich schnell heimlich die gelben H4-Lampen gegen die weißen im Handschuhfach, man will ja niemanden provozieren.

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Er rüttelt, er stochert, er leuchtet. Dabei pfeift er ein Lied, das ich nicht kenne. Sichtlich zufrieden kommt er aus seiner Grube wieder nach oben. „Wie sind Sie denn dem Rost Herr geworden, der war ja bei diesem Modell quasi mit eingebaut?“ Ich murmele was von „Hohlraumkonservierung“ und „guter Pflege“ und beteure ohne rot zu werden, immer brav alles machen zu lassen. Der gute Mann misst die Abgaswerte und ist zufrieden. Er prüft das Licht, justiert hier ein, biegt da den Nebelscheinwerfer etwas nach oben und ist erneut zufrieden. Der alte Audi hopst brav vom Bremsenprüfstand runter, alle Seiten ziehen gleichmäßig. Noch immer zweifelnd warte ich auf den obligatorischen Satz „Auf so einem habe ich damals gelernt, den kenne ich in- und auswendig.“ Aber der kommt nicht. Professionell schweigend wackelt der Mann überall da, wo es wackeln könnte und ist zufrieden. Und *zack* ist die frische Plakette hinten drauf.

Ich folge ihm wie das Küken der Ente in sein Büro, bezahle mein Geld, setze mich in meine alte Karre und kann es kaum glauben. Zwei Jahre Ruhe. So einfach kann das gehen? Beim Starten orgelt er plötzlich ein bisschen länger als sonst, springt dann aber brav an und bläst eine blaue Ölwolke in die Luft. Sollte ich diesem Auto vielleicht doch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit schenken als in der Vergangenheit? Er scheint es verdient zu haben.

Ich fahre zurück zur Arbeit. Und bin zufrieden…

tanzumsauto@träume-wagen.de

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