An der Felge eines Mannes…

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

… oder seines Autos erkennt man – ja was denn eigentlich? Definieren wir uns plötzlich über die schmutzigen Dinger, hinter denen die Bremsscheiben sind?

Hach – was waren das für wundervolle Zeiten, als ich die verschiedenen Automarken noch auseinander halten konnte und die Modelle auf mehr oder weniger breiten Stahlfelgen mit Diagonalreifen ausgeliefert wurden. Optisches Tuning fand in Form von „schnellen“ Aufklebern statt, CASTROL oder STP, vielleicht wagte sich auch ein kleiner Spoiler auf den Kofferraumdeckel.

Heute sehen fast alle Autos gleich aus, Kofferraumdeckel gibt es nicht mehr und mit Aufklebern macht man sich den teuren FlipFlop-Lack des Leasingfahrzeugs kaputt. Diese Erkenntnis hat die Leichtmetallindustrie schon vor einiger Zeit umgesetzt und bietet dem solventen Automobilkäufer ein breites Angebot von  Felgen an.

Felgen. Ursprünglich halten die nur den Reifen fest. Inzwischen übersteigen sie oft den Wert des Fahrzeugs um das Vielfache, weisen mehr Einpresstiefe als das Haupt-Abwasserrohr von Hamburg Altona auf und funkeln brillanter als die Kronjuwelen des Britischen Königshauses. Sie nehmen Dimensionen an, die sich im Gesamtbild aus dem Verhältnis Felgendurchmesser/Karosserieform damals nur ein ebenfalls britischer Jaguar erlauben konnte. Eigentlich heute immer noch, denn die Radkästen moderner Fahrzeuge sind ab Werk viel zu klein für diese 30-Zoll-Glitzerscheiben.

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Darauf wiederum hat die Reifenindustrie reagiert und dem Kunden mit aufwändigen Werbekampagnen und Drift-Epen wie „The Fast and the Furious“ suggeriert, dass ein ganz schmaler Gummi-streifen um die Felge herum irgendwie cool sei. Solche Niederquerschnittsreifen meist asiatischer Herkunft sind nicht nur fast so teuer wie die Felgen, sie bieten auch den Fahrkomfort eines Kettcars mit Vollgummi-
puschen. Aber das Komplettrad aus dem Zubehörregal passt wieder in den Serienradkasten. Wo es allerdings nicht einfedern darf, viel Platz zu tragenden Teilen der Karosserie ist nicht übrig.

Worauf letztendlich die Fahrwerks-Industrie reagiert hat und dem Kunden Tieferlegungssätze mit ABE anbietet, die so teuer wie Felgen und Reifen zusammen sind und das so gepimpte Auto wie ein Kart über bundesdeutsche Bodenwellen hoppeln lassen. Das sieht superalbern aus (auch wenn die Besitzer solcher Hüpfburgen das anders sehen, aber die haben ja auch schon die Werbung für die Reifen geschluckt), und ungesund ist es auch. Jeder noch so kleine Kieselstein wird 1:1 an die Bandscheiben des Fahrers weitergegeben, Erleichterung schafft nur zeitweiliges Aussteigen kombiniert mit Streckübungen an der Tankstelle, wenn im Halbtagesrhythmus der Straßenschmutz vom Chrom der Felge gewischt werden will.
Die so dem optischen Einheitsbrei entrissenen Autos sehen nun aus wie schlecht proportionierte HotWheels-Spielzeuge. Die hat man allerdings nicht ernst gemeint. Automobildesigner bekommen reihenweise Schreikrämpfe, wenn sie die Verunstaltung ihrer Entwürfe sehen – aber es kann ja jeder, wie er will.

Ich streichle gleich mal anerkennend die banalen, silbernen 14-Zoll-Stahlfelgen mit den 185/70 Reifen meines Audi 100 Typ 43. Ach ja, ich muss noch Winterreifen kaufen. Aber irgendwas ist ja immer.

tanzumsauto@träume-wagen.de

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