Arena des Stillstands

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Sommerferien: Ganz Europa setzt sich ins Auto und dann nahezu gleichzeitig in Bewegung – soweit es welche gibt. Nicht alle Teilnehmer dieses Theaterstücks sind gut vorbereitet

“Und es war Sommer“ nuschelt Peter Maffay, der alternde Barde, auf einem lokalen Oldiesender, aber er meint dabei nicht die Freuden einer Familienreise mit dem Auto in die Ferien. Im Elbtunnel werden mal wieder seit Tagen die Kacheln geputzt, und das einzig direkte Süd-Nord-Ventil zwischen Göttingen und Flensburg sorgt für heiße Motoren und heiße Gemüter. Zeit, sich im Stau einmal die Nachbarn anzusehen.
Rechts von mir telefoniert ein gut gekleideter Mann mittleren Alters in seinem vollklimatisierten Cayenne. Hinter geschlossenen Scheiben fuchtelt er dabei hektisch mit seiner linken Hand, bestimmt kommt er zu spät zu einem lebenswichtigen Pitch einer Agentur. Die junge Frau neben ihm ist vermutlich seine rechte Hand, die Dame denkt wohl über die vergangene Nacht nach und ob das vielleicht ein Fehler war. Sie guckt starr nach vorn. Kühl.

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Was man bei der Familie im Mondeo links neben mir nicht behaupten kann. Alle Fenster sind unten und lassen ein lauwarmes Lüftchen aus waberndem Asphaltdampf und Elbschlickgeruch herein. Mama und Papa streiten sich darüber, wer den Adapter für den Fond-DVD-Player vergessen hat. Die Kinder auf dem Rücksitz haben schon lange keine Lust mehr, Auto-kennzeichen zu raten und bewerfen sich kreischend mit Spielzeugautos und Lego-Starwars-Figuren. Eine landet auf meiner Motorhaube.

Vor mir steht ein junges Paar in einem Twingo. Die beiden sehen aus, als fahren sie direkt aus ihrer Abiklausur auf ein Rockfestival und zicken sich in der Sprache der Jugend an. Sie am Steuer, er raucht. Aus dem Radio dröhnt irgendwas von Clawfinger, schwer zu sagen, aber Maffay ist es nicht. Er ascht mit genervtem Blick aus seinem Fenster auf die Fahrbahn, als weißer Rauch vorn aus dem Motorraum quillt. Sie steuert motzend den havarierenden Franzosen nach rechts auf den Standstreifen.

Im Rückspiegel sehe ich gerade noch, wie vom Beifahrersitz des niederländischen Wohnmobils hinter mir eine undichte Colaflasche über den Fahrer vaporisiert und ahne, dass auch dieser Burgfrieden im Rolling Home dahin sein könnte. In der Tat. Ich höre die beiden bis hier vorn. Gut, dass ich die Sprache nicht verstehe.

Plötzlich öffnet sich in diesem aggressiven Reigen der Verrückten die Beifahrertür des Cayenne, und die junge Frau steigt schweigend aus. In ihrem knappen Kostümchen läuft sie langsam und ohne einen Blick zurück zwischen den stehenden Autos hindurch in Richtung Standstreifen. Der Business-Mann ruft ihr verzweifelt hinterher, noch immer telefonierend. Maffay singt: „Ich war verlegen, und ich wusste nicht wohin mit meinem Blick, der wie gefesselt an ihr hing…“.

Krass. Später, viel später geht es langsam weiter. Ich sammele noch die Lego-Figur von meiner Haube und denke nach: Geht gut vorbereitet, mit viel Zeit und ohne ungeklärte Geschichten von gestern Nacht in den Urlaub, Leute.

Aber irgendwas ist ja immer.

tanzumsauto@träume-wagen.de

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