AUDI-O-RETRO-SPEKTIVEN

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Tonträger im Wandel der Zeit – im geschichtlichen Nebel zwischen analogem Dampfradio und digitaler Bluetooth-mp3-Übertragung existiert bei mir noch immer: die Audiokassette

Die Welt dreht sich rückwärts. Alle holen ihre alten Papierfotos aus dem Keller, finden im Netz Freunde von früher und wollen genau das Auto fahren, das Papa hatte, als man noch auf dem Rücksitz saß. Als der Blick von hinten zwischen den Sitzen nach vorn auf das Cockpit und das Radio ging und „Truck Stop“ die Frau besang, die nichts weiteres an hat als den Gurt.

Mit Papierfotos und Freunden können wir von TRÄUME WAGEN nicht dienen, mit dem passenden Auto schon eher… aber was machen die stolzen Retrobesitzer gleich nach dem Kauf? Sie drücken gewaltsam ein blinkendes mp3-Radio mit USB- und Bluetooth-Support in den altehrwürdigen Schacht des Mustang, des Jaguar oder des Diplomat V8. Sie sägen Löcher für Bassreflexboxen in die makellosen Türpappen oder drehen Blechschrauben in die jungfräuliche Heckablage. Das lässt mein Herz bluten. Ich erinnere mich an einen zeitgenössischen Tonträger weit vor der CD und dem, was danach kam. Der auch auf Werkslautsprechern gut klang: Die einst so beliebte Musikkassette.

Es gibt sie noch im neonblassen Elektronik-Discounter. Audiokassetten, im 5er-Pack, 90 Minuten Chrome-Position. Das Laptop ist schnell an mein altes Doppelkassettendeck angeschlossen, ich überschlage grob zwei mal 45 Minuten Spielzeit und pegele ein paar Songs analog und in Echtzeit auf das Tape. Unfassbar zeitaufwändig, aber irgendwie schön. Am Ende macht es laut KLACK, ich entnehme den vielteiligen magnetischen Tonträger, beschrifte ihn liebevoll mit einem Kugelschreiber und begebe mich nach draußen und in mein nicht-Retro-sondern-wirklich-schon-35-Jahre-altes Auto. Da ist ein Kassettenradio aus den frühen 80ern drin. Krass, ich bin richtig ein bisschen aufgeregt…

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Motor anlassen, raus auf die Umgehungsstraße und das Tape ins Deck gedrückt. Es rauscht, es knistert und schon singen mir „Placebo“ was über zu viele Freunde vor. Neue Musik auf einem alten Band, geht doch, ich freue mich halbtot und fahre ein bisschen sinnlos durch die Gegend.
Na ja, manchmal klingt‘s doch recht dumpf. Und irgendwie auch ein bisschen eierig. Da hilft heute genau wie damals kurzes Vorspulen oder ein kurzer Druck auf „Autoreverse“, dann legt sich das Band wieder neu vor den Tonkopf. Ah. Schon viel besser. Lied Nummer drei mag ich nicht so und spule vor, spule übers Ziel hinaus und spule wieder zurück. Und finde irgendwann den nachfolgenden Song. Der bricht abrupt ab, die Kassette macht KLACKKLACKKLACK und kommt mir entgegen. Ich nehme sie an der nächsten Ampel heraus und ziehe ein paar Meter Band aus dem Schacht, die trocken abreißen.

Ach ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Es gab damals Gründe, warum man erst ein CD-Radio und später eines mit USB gekauft hat, mit Musik-„Genuss“ hat das hier nicht viel zu tun. Vielleicht war früher nicht ausnahmslos alles besser. Ich muss darüber nachdenken, und bis dahin fahre ich erstmal ein Auto mit einem moderneren Radio…

tanzumsauto@träume-wagen.de

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