AUF KEINEN FALL VORBEILASSEN

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Es gibt Menschen, die möchten anscheinend nicht von einem alten Auto überholt werden, egal wie schnell es ist. Ist das die neue Generation Sonntagsfahrer?

Die Tage werden länger und wärmer, der über Monate nicht bewegte Klassiker will wieder auf die Straße und die Trägheit des Winters möchte aus den verschlafenen Radlagern, Zylindern, Kupplungsglocken und Auspufftöpfen rausgeblasen werden. Am besten auf der Autobahn, am Sonntagmittag.
Alle Flüssigkeiten zirkulieren nominal, der Motor ist behutsam warm gefahren und die Zweispurigkeit des Zubringers gibt einen ersten Ausblick auf die gleich folgenden Höchstgeschwindigkeiten. Geil. Ich möchte nur noch kurz die auf der rechten Spur schleichende Limousine mit den vier Ringen überholen. Vielleicht grüßt der Fahrer ja sogar entzückt den Uralt-Bruder seines Wagens?

Nein, tut er nicht. Als ich neben ihm bin, wird er schneller, verbissen nach vorn guckend. 70 km/h, dann 80 km/h, dann 100 km/h. Hallo? Mehr darf ich hier nicht – und der Kollege rechts von mir bleibt stur auf Höhe meines Wagens, als es einspurig auf die Autobahn geht. Na gut, ich lasse mich zurückfallen, weil ich die Einfahrt der Autobahn ungern im parallelen Formationsflug durchmessen möchte und fädele mich leicht verärgert ein. Der provokante Herr der Ringe von eben ist inzwischen am Horizont verschwunden.
Während die Querrillen der BAB unter den Rädern dahinpollern, gerate ich ins Grübeln. Können Sie sich noch an die „Sonntagsfahrer“ erinnern, über die Papa früher immer geschimpft hat, weil er dachte, es läge an mangelnder Übung, wenn jene zu langsam fuhren, nicht blinkten, sich für keine Fahrspur entscheiden konnten und überhaupt eine Schande für die Auto fahrende Menschheit waren? Heute sind wir entspannter, der eine oder andere von uns auch toleranter – bis uns solch unverständliche Reaktion über den Weg läuft. Haben wir es hier mit einer neuen Spezies der Sonntagsfahrer zu tun?

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Ich mache die Probe aufs Exempel. Als das Tempolimit aufgehoben wird und ich einen BMW mit geschätzten 120 km/h sehe, ziehe ich mit meinem alten Neckarsulmer Technologieträger auf die linke Spur und will mit 130 Sachen (für das Jahr 1977 eine spektakuläre Geschwindigkeit) an dem Bayer vorbeidröhnen. Aber kaum tauche ich in seinem Rückspiegel auf, entschlüpft dessen Auspuff ein blaues Wölkchen und der Siebener wird schneller. Okay, ich jetzt auch, das ist ja heute die Challenge. Ich gebe nicht auf, aber bei 170 km/h auch kein Gas mehr – ich will meinem Auto keine Höchstleistungen mehr abverlangen. Es freut sich zwar über den Ausritt, aber ich hege – wie so oft – Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit einiger Menschen.

Ist es wirklich so verwerflich, von einem alten Auto überholt zu werden? Mit Verlaub: Wenn das das moderne Schwanzmessen sein soll, ziehe ich gerne den Kürzeren. Aber verstehen muss ich es nicht. Oder?

 

tanzumsauto@träume-wagen.de

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