Der Preis ist Rost

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Der Traum vom eigenen Ford Mustang bleibt oft einer. Überzogene Preise, so weit das Auge reicht. Es muss doch auch ehrliche 
Schnäppchen geben. Oder?

Überall Mustang. Ich will auch einen. Was millionenfach gebaut wurde, kann nicht so teuer sein. Man betrachte den VW Golf – den bekomme ich mit frischem TÜV und vollgetankt schon ab 300 Euro. Also suche ich in unserem Magazin und im Netz nach einer preiswerten „Mal-eben-kaufen-Variante“ fürs kleine Redakteursgehalt.

Autsch: Ausgeweidete Exemplare ohne Motor und 
Räder starten bei 5.000 Euro. Fahrbare „Project Cars“ sind entweder verbastelt, zerlegt oder mit Moos überzogen und kosten mindestens 7.000 Euro. Aber halt: Ein Händler in der Nähe von Bad Salzuflen hat ein fahrbares 65er Coupé stehen. Cremeweiß, unrestauriert, Rost. Der Kandidat soll 6.500 Euro kosten. Ich tanke spontan meine Alltagskarre und fahre hin.

In der hintersten Ecke steht er. Cremeweiß ist er tatsächlich – von weitem. In drei Metern Abstand gesellt sich noch ein flächiger Braunton auf mattem, teilweise gesplittertem Lack dazu. Direkt vor dem Auto stehend platzt mein Traum vom billigen Mustang wie eine Lackblase über porösem Blech: Front- und Heckschürze sind von Aufsetzern verformt, die Kunststoffmaske sitzt schief auf der Nase. Rund um den Wagen blühen sämtliche Blechkanten, und auch sonst ist er völlig durchgerostet. Die Regenrinnen des Daches – durch; der hintere Scheibenrahmen – durch; rund um die Rücklichter – durch; Radläufe – durch. Ich öffne die Fahrertür und wundere mich, dass sie nicht auf den gepflasterten Vorhof plumpst. Der Mann, der dieses Fahrzeug feilbietet, wirkt ein wenig verunsichert, weil ich seit zehn Minuten den Kopf schüttele und hysterisch lache. Ob ich den Wagen einmal fahren wolle, fragt er. Na klar: Wenn ich schon mal hier bin, gebe ich mir auch gleich die volle Packung!

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Ein bisschen unwirsch erwacht der lahme Reihensechser zu bockigem Leben. Ein paar Gasstöße, ein paar blaue Wolken hinten aus dem Endrohr, dann schnattert er im Leerlauf vor sich hin. Ich lege die Fahrstufe der Automatik ein – und nichts passiert. Aber der Händler steht schon mit einer Flasche ATF bereit und kippt böse guckend mit einem Trichter einen guten Liter in den Stutzen des Getriebes. Haube zu. Jetzt krabbelt das waidwunde Pony langsam los. Draußen auf der Straße will ich ihm aber nicht so richtig die Sporen geben – wer weiß, wie erst die Achsaufnahmen aussehen, wenn sogar schon das Dach durchgerostet ist… Immerhin, der Mustang kann noch bremsen.

Aber das war‘s dann auch. Dieser amerikanische Teenagertraum der 60er sollte mit einem gezielten Schuss niedergestreckt und zum Abdecker gebracht werden. Auch das generöse Angebot des Händlers, mir den Wagen für 6.000 Euro auf die Hand gleich mitzugeben, lehne ich höflich ab, setze mich wieder in mein Auto und sehe, wie der Mustang im Rückspiegel langsam immer kleiner wird.
Die Lehre: Wer einen Mustang haben und nicht auf eine totale Grotte reinfallen will, sollte sein Budget bei mindestens 15.000 Euro ansetzen. Wer das nicht hat: Es gibt ja immer noch die Alternative mit dem frisch geTÜVten Golf…

 

tanzumsauto@träume-wagen.de

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