Die Macht der Profilierung

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Petrus lässt immer im Herbst und im Frühling uns Autofahrer den ewigen Winterreifen-
wechsel-Murmeltiertag durchleben. Das ist so nervig wie die Sommerzeit

Im Gegensatz zur künstlichen Sommerzeit, die hierzulande nachweislich nichts bringt außer zwei Mal pro Jahr 80 Millionen gestörte Biorhythmen, ist automobiler Puschenwechsel sinnstiftend. Das jeweilige Schuhwerk meines Autos ist nicht für warme Sommerpisten und kalte Schneestrecken geeignet, was mir zumeist schon ab August von fachmännisch daherredenden Werbebotschaftern im Radio vorgebetet wird. Natürlich wollen sich die top ausgebildeten Mechaniker von Reifen-Schrubbich oder der Mehrmarkenwerkstatt Ratz & Fatz mit ihrem volksnahen Geschwafel auf meine geistige Ebene herab begeben, damit ich sofort loslaufe und den neuen ECO TOP PREMIUM CONTACT kaufe, der besser als alles andere zuvor und schon jetzt – aber nicht lange – für nur 150,- Euro plus Montage vorrätig ist. Später wird’s teurer.

Dass ich diese Reifenwechsel-Propheten („Wir lagern Ihre Reifen auch ein!“) gedanklich jedes Mal ausblende wird mir zumeist Ende November bewusst, wenn die ersten Flocken tanzen und ich mich mit meiner sommerbereiften Heckschleuder quer über die nächste Verkehrsinsel katapultiere. Ab diesem Moment dauert es noch rund drei Wochen, bis ich die (selbst) eingelagerten Winterreifen in meiner Garage überhaupt gefunden habe, und noch Mal rund zwei Wochen, bis ich mich bereit erkläre, mein Auto im warmen Weihnachtsregen mal aufzubocken und fluchend am Straßenrand die Schlappen zu tauschen. Das ist dreckig und mühselig, aber irgendwie befriedigend. Und ich habe mich über die klugscheißenden Werbe-Mechaniker hinweggesetzt. Und viel Geld gespart. Rund um Silvester liegt ja doch ab und zu mal Schnee, oft singen dann allerdings schon die ersten Kohlmeisen im Vogelhäuschen das Lied vom nahenden Frühling. Das ist ja alles nicht mehr so wie früher.

am1213_tanz_ums_auto

Später, auf dem Weg in den Sommerurlaub an die Côte d‘Azur, bedeutet mir das laute Abrollgeräusch der Winterpneus, dass da ja schon etwas länger noch die Sommerreifen in der Garage lägen. Irgendwo. Ach ja richtig, die hätte ich schon lange tauschen sollen. Vielleicht mach ich das noch bis Oktober, oder ich lass die Grobstollen jetzt einfach mal drauf. Manno.
Sollte ich meinen Chef mal um eine Gehaltserhöhung bitten und dem Ruf der Radiowerbung folgen? Reifen wechseln l a s s e n und einlagern l a s s e n? Dann wäre ich in Sachen „Tücken der Jahreszeiten“ super vorbereitet, bekäme keine Teilschuld bei Unfällen mehr und könnte vielleicht meinen jährlichen Erinnerungs-Rutscher über die Verkehrsinsel vermeiden.

Aber irgendwas würde mir dann auch fehlen, das ist wie mit der Sommerzeit. Jeder schimpft drüber, aber alle leben es und sprechen davon. Bin ich wirklich so ein „Machen-Lasser“ wie alle anderen, oder nehme ich ein paar diffuse Monate der Falschbereifung in Kauf, aber fühle mich frei und eigenständig?
Vielleicht tun es ja auch Ganzjahresreifen. Nur merkwürdig, dass dafür niemand Werbung macht…

 

tanzumsauto@träume-wagen.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code