Die neue Gewalt auf zwei Rädern

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Fahrradfahrer waren eigentlich immer schwächer als Autofahrer. Hat sich das in den vergangenen Jahren geändert?

Es war dunkel und es regnete Bindfäden. Als ich noch täglich mit dem Fahrrad zur Lehrstelle oder zur Uni fuhr, war so etwas höchstes Alarmwetter: Die Autofahrer konnten einen schlicht nicht sehen. Dazu kamen dann natürlich noch unaufmerksame, sich im Recht wähnende Innenstadt-Vorfahrtnehmer, die wirklich gefährlichen Feinde. Also fuhr ich umsichtig, passiv und ließ den großen und schweren Blechkisten auch mal den Vortritt. Man hing ja an seinem Leben.

Jetzt bin ich Autofahrer. Und fahre so umsichtig Auto, wie ich damals Fahrrad gefahren bin, denn ich will nicht einen unschuldigen Menschen platt fahren, den ich vielleicht bei diesem Mistwetter übersehe. Und trotzdem: Rrrrrrumms….

Im Augenwinkel habe ich ihn gerade noch gesehen, den schwarzen Schatten. Ein unbeleuchtetes Fahrrad, das trotz roter Fußgängerampel über die Straße rauscht. Verdammt, nun ist es doch passiert. Mein alter Passat steht sofort, ich springe (hilfsbereit) raus. Doch was sehen meine regennassen Augen? Ein auf Krawall gebürsteter junger Mann mit Wachsjacke und Strickmütze, der sich geschickt wieder auf die Beine flankt. Sein Fahrrad mit erhöhtem Rahmen und erhöhtem Lenker liegt theatralisch neben dem Auto. Er ist tatsächlich ohne Licht über die rote Fußgängerampel gefahren und hat mir mit offensichtlich geübter Karaterolle eine nette Beule in mein Auto gefahren.

Während ich noch versuche, das alles zu verstehen, bemerke ich, dass der Gute ununterbrochen auf mich einschreit. Seine nicht zitierfähigen Sätze wirken ebenso einstudiert wie seine verletzungsfreie Rolle über mein Auto. Weitere Passanten kommen langsam näher, erste Autos hupen, weil meines noch immer mit Warnblinker auf dem dunklen Abbieger steht. Ich gehe mit friedlich ausgebreiteten Armen auf ihn zu und rufe ihm in angemessener Lautstärke ins Gedächtnis, dass er rasend schnell bei Dunkelheit ohne Licht über eine rote Ampel gefahren ist und ich ihn gar nicht sehen k o n n t e! Jetzt fliegen Satzfragmente wie „…auf die Fresse…“ oder „…krieg dich noch…“ in meine nassen Ohren. Ein gut gebauter Mittfünfziger steigt aus seinem 7er BMW und baut sich schützend neben mir auf. Ich bin dankbar. Der Kamikaze-Pilot steigt auf sein Rad und setzt seine Fahrt schnell, unbeleuchtet, schimpfend und laut fluchend fort mit einem anscheinend unversehrten Fahrrad. Einfach so. Ich bedanke mich bei dem BMW-Fahrer für seinen körperlichen Beistand und steige tropfnass zurück in mein Auto.

Was war das denn bitte gerade? Werden die Innenstädte heimgesucht von selbsternannten frustrierten Exempel-Statuierern? Von pädagogischen Selbstmord-Sattel-Polizisten? Sind wir Autofahrer gefährdet durch eine neue Gewalt auf zwei Rädern?

Volvo hat gerade auf dem Genfer Salon den weltweit ersten Notbremsassistenten mit Fahrraderkennung präsentiert – wann kommt das automatische Fahrradschloss für hirnlose Zweiradfahrer?

tanzumsauto@träume-wagen.de

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