Die Schrottplätze sterben

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Ersatzteile: Sind wir plötzlich faul oder reich?

Auf meinem morgendlichen Bordercollie-Auswringen bin ich heute an einem zugewachsenen Auspuff und einer alten Blechhaut vorbeigekommen – stumme Zeugen des Schrottplatzes, der hier am Waldrand bis in die 80er Jahre gammelte. Meine seriell-männlichen Gedanken schweifen seitdem um jene Kultstätten, auf denen ich mich damals rumgetrieben habe, weil Neuteile für mich unbezahlbar waren. Die Schatzkammer der alten Autos lag seinerzeit in Dänemark, heute liest man vereinzelt von Italien oder Frankreich… Und was ist in Deutschland? Gibt es hier nur noch zertifizierte, mit Öko-Ölabscheidern unterkellerte, stacheldrahtumzäunte Autoverwertungen?

Anfang der 90er sind wir aufgebrochen, weil wir rare Teile für unsere Taunen, Granaden und Saabs benötigten. Damals eher ungeliebte Fahrzeuge, von daher boten auch die hiesigen Schrottplätze nur bedingt Material. In Dänemark wiederum fanden wir das Eldorado, massenhaft alte Autos in den seltenen schnörkellosen Grundausstattungen. Dänen waren sparsam, fuhren ihre Autos 30 Jahre lang und brauchten keinen GXL. Diese Ruhestätten hatten einen ganz besonderen Charme. Hier roch es nach Öl, Gummi, Metall und warmem Kunststoff – und alles konnte man kaufen, eben richtiges Shoppen für echte Männer.

Heute landen die ausschlachtbaren Autos im Osten oder in Afrika. Wo sind sie denn hin, die Autoverwertungen, wo man mit einem Werkzeugkasten auf den Hof geht, alles abschraubt, was man benötigt, und dann (fast alles) brav bezahlend wieder glücklich abzuckelt? Sitzen junge Männer noch fluchend in verrosteten Radkästen, sprühen mit Caramba um sich und hebeln festgerostete Stehbolzen ab, um Federbeine auszubauen? Oder ist das alles vorbei, weil bei ebay der ganze Kram als billige Neuteile verscheuert wird? Was kann man denn im Zeitalter der verzinkten Karossen noch brauchen? Eine Armlehne? Einen Tacho? Ein Steuergerät? Oder haben wir auf einmal Angst, uns schmutzig zu machen?

Mit Verlaub: Mir fehlen der Rost und der Dreck. Selbst die Dänen sind vernünftig  geworden und fahren jetzt Toyota Corolla, Ford Focus und Citroën Berlingo. Die Zeiten der sterbenden Saurier ist vorbei.

Längst darf der gemeine Pöbel nicht mehr zu den verwerteten Autos: Verletzungsgefahr. Alles ist schon ausgebaut, eingelagert und fein beschriftet mit nicht zu verhandelnden Preisen. Do-it-yourself-Ersatzteile sind in der Wegwerf-Gesellschaft nicht mehr gefragt. Lieber kaufen sich die Neubaugebiets-Besiedler einen schicken Jahres-Getz, einen als Jungwagen deklarierten Agila oder einen sparsamen Aygo. Designer-Yuppies leben ihr cooles Leben gut gekleidet an der Idee vorbei, eine Motorhaube könne man auch öffnen. Dabei ist ein verölter, rappelnder Motor sooo geil…

Anscheinend können wir plötzlich Neuteile locker bezahlen. Dabei ist nur Weniges so zufriedenstellend wie ein Tag unter dem Auto mit einem funktionierenden Ergebnis. Männer müssen was schaffen. Muss ich wohl wegen der Hotdogs mal wieder nach Dänemark…

tanzumsauto@träume-wagen.de

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