Essen auf Rädern

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Es gibt so viele schöne Arten der Nahrungsaufnahme entlang des Weges.
Ich kann mich fast gar nicht entscheiden, welche ich denn nun am attraktivsten finde

Rasten statt rosten gefällt meinem schlecht konservierten 70er-Jahre-Oldtimer genauso gut wie mir, und wenn der Tank leer ist, geht es rechts raus auf den Rastplatz irgendwo an der Autobahn. Der Mensch muss parallel auch mal die Gliedmaßen strecken und ebenfalls dem Kreislauf Brennstoff zuführen. Klassisch geschieht dies im auch bereits in den 70ern an die Tanke angedockten Restaurant, spätestens hier fühle ich mich a) wie im Urlaub, b) fern der Heimat und c) wie in einer Zeitblase.

Draußen riecht es nach Benzin und Urin, drinnen nach Bohnerwachs und uralten Süßigkeiten. Hinter einem echtholzfurnierten Tresen braten 80-jährige Herren mit Kochmütze Pommes, Nürnberger und Frikadellen. Mit einem Klatsch Sauerkraut werden die mir von einer 90-jährigen Kassiererin patzig auf einen Teller mit Blümchendekor befördert. Zusammen mit einer Spezi kostet das dann so rund 14 Euro. Gegessen wird am Tisch aus Kirschholz, gesessen wird auf Stuhlkissen in neonbuntem 90er-Jahre-Design. Es schmeckt nicht wirklich, ist aber schön heiß und vermittelt ein Gefühl der Ewigkeit. Vielleicht auch deshalb, weil hinter mir ein mechanischer Spielautomat dudelt. So gestärkt freue ich mich als Reisender noch ein wenig mehr auf die nationale Küche des Landes, in das ich gerade reisen möchte und entdecke beim Wiedereintritt in die Atmosphäre meines Autos direkt neben dem kulinarischen Zeitloch einen McDonald‘s.

Ups! Ob nun das gelbe M, die echt gegrillten Burger oder frittierte Hähnchenschenkel  – Fastfood hat Vorteile:  schnell zubereitet, schmeckt in jedem Land gleich und ist billig.

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Das war‘s dann aber auch schon. Urlaubsgefühl ist nicht, die Läden gibt‘s schließlich überall. Im Drive-In müsste ich mein Auto gar nicht erst verlassen und würde nun doch rosten, außerdem kleckern die Big Macs immer auf die Sitze. Das ist beides doof, also gehe ich hinein. Im Inneren der Bude nerven mich schreiende Kinder, die sich mit Plastikschrott aus dem Happy Meal bewerfen. Ich bin selbst nach drei Burgern mit Pommes und Cola irgendwie unbefriedigt und muss dann auch noch wieder quer durch den angrenzenden Frikadellen-Rasthof zur Toilette laufen. Und drei Ausfahrten später bekomme ich irgendwie Bock auf eine Bratwurst. Ach manno.

Da lobe ich mir die ordinäre Markentankstelle mit dem „Bistrorant“, was auch immer das ist. Hier gibt es als Tankrechnungs-Begleiterscheinung einen XXL-Kaffee und ein frisch belegtes Baguette (zum Beispiel mit Frikadellen) im Gegenwert einer Pauschalreise in die Schweiz. Aber mayonnaisetriefend und lecker. Auf der warmen Motorhaube meines Autos hält der Kaffee noch lange Zeit seine Temperatur, und auch ich kann mich nach ein paar Dehnübungen auf das Auto setzen und das Brötchen mümmeln. Draußen in der Sonne. Wo der Verkehr vorbei brandet wie das Meer und es wieder nach Urlaub riecht. Nach Benzin, Urin und ein bisschen nach glutheißem Vinyldach.

Ich glaube, so mag ich es am liebsten.

 

tanzumsauto@träume-wagen.de

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