Ich war aber zuerst da – na und?

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

In den großen Städten unseres Landes gibt es zu viele Autos und zu wenige Parkplätze. Zumindest direkt vor den Supermärkten. Und erst recht, wenn’s regnet.

Kalter Regen am Freitagabend, zwischen dem verdienten Wochenende und jetzt liegt noch der Einkauf im Supermarkt in der Innenstadt. Es gibt darunter eine dunkle Tiefgarage, kostenfrei. Aber meine Faulheit lässt mich direkt vor die Schiebetüren fahren, um eine der wenigen Parkbuchten vor dem Laden zu ergattern. Manchmal habe ich Glück und es fährt gerade einer raus.

Heute nicht. Nach zehn Minuten mit laufendem Motor begreife ich, dass solche Shopping-Pole-Positions Gold wert sind. Oder mehr – heute will sie anscheinend niemand jemals wieder verlassen. Hinter mir hält schon der nächste in zweiter Reihe. Ah, endlich: Eine junge Frau nestelt direkt neben mir an der hinteren Tür ihres SUV auf einem so begehrten Parkplatz und versucht, ihren störrischen Sohn an den Kindersitz zu fesseln. Ich muss also ein Stück zurücksetzen, damit sie gleich rausfahren kann. Freundlich gestikulierend und mit illuminierten Rückfahrscheinwerfern bedeute ich meinem ebenfalls wartenden Hintermann mein Anliegen – was der aber völlig ignoriert. Warum? Ich will ihn nicht fragen, es regnet zu heftig. Mutti hat inzwischen ihren Sohn besiegt und steigt vorne ein. Also fahre ich anstatt zurück ein Stückchen vor und markiere mit Blinker und Rückwärtsgang mein Revier. Nach gefühlten fünf Minuten rolle ich wieder zurück und sehe, dass Mama zwar am Steuer sitzt, aber in epischer Ausgiebigkeit telefoniert. Jetzt hupt auch noch mein Hintermann mehrfach. Warum? Erneut keine Ahnung.

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Während ich nun doch über die Tiefgarage nachdenke und den klopfenden Regentropfen lausche, beschließt die Parklückendame nun spontan ihren Aufbruch und hupt ihrerseits, weil ich hinter ihr stehe. Also fahre ich wieder ein Stück vor, sie fährt raus – und mein Hintermann steht nur Millisekunden später auf ihrem Parkplatz. Es sind genau diese Momente, die in einem friedliebenden, modernen Menschen Steinzeitgene wecken. Jetzt ist mir der Regen egal. Ich steige wütend aus.

Der junge Mann beachtet mich zunächst gar nicht. Erst als ich unüberhörbar frage, was er glaubt, worauf ich hier seit 15 Minuten warten würde, lacht er mich an und sagt: „Vermutlich auf einen Parkplatz, oder? Nun, ich war wohl einfach schneller.“ Dreht sich um und geht einkaufen.

Der Regen läuft mir in meinen Hemdkragen. Ein weiteres Auto in der Parklücke neben meinem hupt, weil es raus will und ich ihm den Weg versperre. Und vor meinem Wagen steht schon jemand und blinkt mit eingelegtem Rückwärtsgang. Ich kann mein Adrenalin gar nicht richtig genießen, das geht mir alles zu schnell. Tropfnass steige ich ein, fahre in die trockene, fast leere Tiefgarage und parke problemlos ein.
Kurz denke ich darüber nach, zu Fuß in den Regen zurückzukehren, nur für eine klitzekleine Rache. Dann lasse ich es doch und verbuche das Erlebnis unter „Erfahrung“. Nächstes Mal nehme ich gleich die Tiefgarage. Irgendwas ist ja immer.

tanzumsauto@träume-wagen.de

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