Patina zum Mitnehmen

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Wer sein Auto verkauft, räumt es vorher aus. Was da alles ans Licht kommt, gleicht einem andersartigen Tagebuch

Wir Oldtimerfahrer haben ja oft noch eine selten erwähnte Karre parallel stehen – was Sparsames, womöglich einen Diesel oder gar einen Kombi. Jedenfalls nichts, woran unser Herz wirklich hängt. Bei mir ist das nicht anders, und im Gegensatz zu Ford Taunus und K70 handelt es sich hier meist um „fire-and-forget“-Autos. Mit abnehmender TÜV-Gültigkeit schwindet auch die Motivation, noch mal Geld und Zeit zu investieren. Also verkaufe ich ab und an diese Lastesel zugunsten gleich-teurer Autos – irgendwelche, Hauptsache TÜV.

Und bevor mich das so verstoßene Automobil (meist) in Richtung Afrika verlässt, muss alles da raus, was sich so in einem oder zwei Jahren angesammelt hat. Ich nehme mir einen Karton und beginne von hinten nach vorn systematisch alle Ecken und Klappen leer zu klauben. Und werde romantisch.
Im Heck finde ich natürlich Werkzeug, Warndreieck, Spanngurte, Öl, Wasser und erwartungsgemäß einen Verbandskasten, den ich schon vor zehn Jahren ersetzen wollte. Ich glaube, diesmal tue ich das sogar. Starthilfekabel und Abschleppseil, beide nie benutzt (*klopfklopf*),  lege ich neben den Karton.
Vom Rücksitz und der Ablage hole ich eine Bibel (für schwierige Überholmanöver?), einen Hut und die umhäkelte Klorolle. Und die kleinen Fächer in den hinteren Türen erzählen von den heimlich gefutterten Süßigkeiten meiner Kinder – raus mit dem Müll in den Karton. Zwei Kugelschreiber und ein paar dänische Münzen, ein Turnschuh und eine Coladose entdecke ich unter dem Fahrersitz – und sogar meine „Best of Van Halen“-CD, die ich seit einem Jahr suche. Bingo.

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Vorne wird es noch interessanter. Unter der zerbrochenen Parkscheibe taucht das schon ewig vermisste Klappmesser auf. Ungezählte Servietten berichten von abendlichen McDrive-Durchfahrten, ich finde zwei Jahre alte Parkzettelchen aus Ulm und Hamburg, zwei Eiskratzer, die Keycard zu einem Hotelzimmer in Oberhausen (ups?) und einen Handyadapter von einem Telefon, das ich schon lange nicht mehr besitze.
Der Inhalt des Handschuhfachs krönt die Schatzsuche: Zwei gut verpackte, aber im Sommer viel zu warm gewordene Kondome, Benzinquittungen, Stadtpläne von Helsinki, Skagen und Nizza; noch mehr Kugelschreiber; Stecksicherungen und Relais; ein Keilriemen und eine schimmelig aussehende halbvolle Packung TicTac. Und dann ziehe ich schreiend meine Hand aus dem Gewühle und entferne eine tief in meinem Zeigefinger steckende Nadel, mit der ich die Wischwaschdüsen immer eingestellt hatte. Aua.
Irgendwann ist das Auto leer und einigermaßen sauber. Der Karton ist jedes Mal voller als seine Vorgänger, und ich trage ihn erstmal in die Garage. Dort steht er jetzt – neben den anderen vier.
Ich weiß: Für mein nächstes Auto kaufe ich den ganzen Kram sowieso wieder neu (vermutlich bis auf den Verbandskasten). Aber ich kann mich von diesen Zeitkapseln einfach nicht trennen. Sie bewahren ein bisschen vom Geist des verkauften Autos. So etwas wie Patina zum Mitnehmen…

 

tanzumsauto@träume-wagen.de

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