Poli-Touren ins Unglück

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Das Auto ist des Deutschen liebster Freund.
Er (oder sie) hegt und pflegt das rollende Schätzchen penibel und akribisch.
Ich behaupte, das macht unglücklich

Felgenreiniger und Felgenbürstchen, Handwäsche, Carnaubawachs und Flauschwatte – sobald der Regen in Deutschland eine kurze Pause macht, kommen die Auto-pfleger aus ihren Verstecken und geben ihren Vehikeln in nur drei Stunden mehr Liebe und Zuneigung als ihrem Partner im ganzen Monat. Mit Wattestäbchen werden auch die letzten Ritzen und Sicken gereinigt und unter dramatischem Kraftaufwand poliert, zumeist mit hochwertigen Wachsen in der Preisklasse von chinesischen Potenzmitteln. Türunterkanten, Kofferrauminnenbleche und andere Stellen, die noch nie zuvor ein menschliches Auge gesehen hat, strahlen streifenfrei wie direkt aus der Lackierwanne. Scheiben werden bis zur gefühlten Unsichtbarkeit gewienert und Kunststoffe mit ungezählten Pflegeprodukten wieder in den Auslieferungszustand versetzt – in dem sie eigentlich schon immer sind, seit dieses mindestens einmal pro Woche stattfindende Ritual der glanzgesteuerten Höhlenmenschen über sie ergeht.

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Es ist den Kraftfahrern eine wahre Lust und Freude, solche intimen Stunden mit dem eigenen Auto auf diese Art zu verbringen. Denn wenn es wieder raus geht, runter vom Staubsaugerplatz an der Tanke, weg von der sicheren Waschbox, raus in die schmutzige Welt da draußen – dann verfinstern sich Blick und Laune mit jedem gefahrenen Kilometer. Warum klatschen denn ausgerechnet jetzt so viele Insekten auf die Nase des Autos? Oh nein, eine Baustelle, da fliegt ganz viel Teer und Splitt auf die Schweller! Die haben gar keinen Regen angesagt, wo kommen diese Wolken her? Und ist das da auf der Haube Sahara-Staub? Lieber nicht so viel bremsen, die Alufelgen leiden unter dem Abrieb und was macht der Dicke da auf dem Supermarktparkplatz, der ist doch mit seiner Jeans nicht etwa an der Beifahrertür entlanggekratzt?
Purer Stress. Man möchte den Wagen doch eigentlich viel lieber mit ins Wohnzimmer, mit aufs Sofa oder gleich mit ins Bett nehmen. Da ist es warm und frei von schmutzigen Feinden…
Sie sind niemals wirklich glücklich, diese Polierer. Denn sie gestehen sich nicht ein, dass ein Auto ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand ist, der Kraftstoff verbrennt und Umwelteinflüssen ausgesetzt wird. Ihre Autos sind niemals dauerhaft so, wie sie sie gerne hätten. Klinisch rein, perfekt funkelnd.
Ich habe ja nichts gegen saubere Autos, aber Jungs – übertreibt ihr nicht ein bisschen? Zack Waschanlage, ein bisschen saugen und wischen und dann ab in die Welt. Ich widme meine Zeit lieber meinen Kindern und meiner Freundin und bin auch bei Regen glücklich. Denn der spült den Staub ab. Die dabei zurückbleibenden kalkigen kleinen Fleckchen sind mir total egal.

Aber es kann ja jeder wie er will.

tanzumsauto@träume-wagen.de

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