Reisezeit heißt Eltern nerven

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Sommerzeit – Reisezeit. Viele fahren mit dem Auto. Und haben Kinder hintendrin.
 Ohgottohgott…

Na, da hab ich mir ja was eingebrockt. Gerade noch haben meine beiden Mädels auf dem Rücksitz entrückt auf ihre Smartphones geglotzt, ihren Welten über Facebook uninteressanten, Zeit fressenden Kram mitgeteilt oder schweigend Filme geguckt. Das finde ich unkommunikativ, das geht schließlich schon seit unserer Abfahrt in Kiel so. Und wir sind bereits in Kassel. Also Ohrstöpsel raus: Mädels, spielen wir doch mal – so wie ich damals mit meinen Eltern – ein paar lustige analoge Reisespiele.

Was für eine Schnapsidee.

Beim Nummernschilder-Raten sind beide um Längen besser als ich (später komme ich drauf, dass die kleinen Hinterlistigen die Antworten heimlich hinter den Frontsitzen googeln). Beschämend – denn ich verliere nicht gern. Bei „Ich packe meinen Koffer“ werden so schräge Sachen wie Bench-Jacken, Yankees-Fan-Caps oder iTunes-Geschenkgutscheine mitgenommen, und die Kids merken sich einfach alles. Ich bin zu alt dafür – und weil ich schlecht vorbereitet bin, fallen mir noch nicht mal mehr als diese zwei Spiele ein. Und das ist fatal, denn heutige Teenager können sich innerhalb von Millisekunden zu Tode langweilen. Was haben meine Eltern damals gemacht? Haben sie sich vielleicht 1980 scheiden lassen, weil diese Urlaubsreisen ohne Tablets oder Smartphones schlicht unerträglich waren? Vielleicht.

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Ihres freien Willens/Handys beraubte und gelangweilte junge Frauen sind schlimm. „Boah, wie lange fahren wir denn jetzt noch?“ Oder später: „Können wir endlich mal anhalten? Ich muss mich nachschminken…“ Ja: Die Geister, die ich rief…. Auch mein Vorschlag, die beiden die Musik aussuchen zu lassen, verkürzt meine Lebenserwartung um mehrere Jahre. Meine Musik kennen oder wollen sie nicht („Alte-Leute-Musik“), also stöpseln sie eines ihrer Smartphones an das Radio. Nachdem 42 basslastige Tracks, in denen meist ein minderjähriger schwarzer Checker was über das harte Leben in den Straßen erzählt, nur kurz jeweils angespielt werden („nee warte mal das nicht, hier, das. Nee, das. Oder….“) schlage ich vor, doch selbst was zu singen und ernte Gelächter. War auch ne blöde Idee.

Und natürlich kommt schließlich der Stau kurz vor Göttingen an der Baustelle. Die Mittagssonne brennt, ich biete Mineralwasser und Äpfel an. Nein, das ist zu öde. Ob es denn noch weit sei bis nach Südfrankreich, und ob es denn auf dem Campingplatz definitiv ein W-LAN gebe…? Die Unruhe da hinten wächst minütlich, und irgendwann ziehe ich den Stecker: Kapitulation vor dem ewig Gestrigen. Raus auf den Rastplatz, alle mal pieseln und pinseln. Dann jeweils ein glücklich machendes BigMac – Menü beim Burgerbrater, mit Cola und Eis. Anschließend ab auf den Rücksitz, Handys raus und wieder Filme gucken – ich erteile die offizielle Erlaubnis. Und all überall ist Frieden und Ruhe. Über hunderte von Kilometern.

Wie war das eigentlich damals, als es diese Elektronikdinger noch nicht gab? Ich werde meine Mama fragen. Irgendwas zum Eltern-nerven werde ich wohl auch gefunden haben…

tanzumsauto@träume-wagen.de

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