Wohin mit den Gliedmaßen?

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Ein analytischer Abgesang
 auf den Verbleib des linken Arms

Lange Autofahrten bringen seltsame Erkenntnisse. Mein rechter Arm liegt wie immer auf der nach ihm benannten Armlehne. Aber der linke? Was macht denn der eigentlich so?

Der lässig auf der oberen Türkante liegende Ellenbogen. Das geht natürlich nur dann, wenn so eine Kante auch da ist. Also nicht im Fiat Panda oder im Renault Twingo. Im besten Fall liegen die Finger entspannt lenkend um die nahezu weiblichen Formen des Lederlenkrads, senden leichte richtungsgebende Impulse und lassen die Fuhre am liebsten geradeaus den Highway entlang gleiten. Ungeeignet für dänische Kreisverkehre.

Hat man festgestellt, dass man so von draußen ziemlich prollig aussieht, rutscht der Oberarm ganz automatisch runter auf dieses Mittelding in der Tür, von dem ich gar nicht weiß, wie es heißt. Die Hand, eben noch den äußeren Orbit des Volants erkundend, ruht nun elegant mittig. Auch jetzt sind nur marginale Kurskorrekturen möglich, aber an Wildwechsel denke ich heute um diese Uhrzeit nicht.
Fast in einem haptischen Erlebnis mündend ist das Fahren mit der Hand in der Mitte des Lenkrades, den Ellenbogen dabei auf dem linken Oberschenkel ruhend. Hierbei können die sensiblen Fingerkuppen voller Zärtlichkeit das Steuer ertasten. Völlig verzaubert von meiner Macht über die Technik fällt mir auf, dass ich so positioniert permanent am Hupen bin. Peinlich. Ich nehme die Hand von dieser sensiblen Stelle und bedaure zutiefst, jetzt vielleicht doch einen Wildwechsel ausgelöst zu haben.

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Oben ist die Hand besser aufgehoben, nicht minder prollig aussehend habe ich so das Ruder wieder fest im Griff und kann auch den Arm wieder einmal durchstrecken. Obwohl mich weit und breit niemand sieht, ist mir diese Position peinlich. Der Gasfuß wird härter, die Musik lauter, mein Blick aggressiver und… NEIN! Was geschieht hier? Das Rätsel ist gelöst, es ist die Position des linken Armes, die den Piloten eines tiefer gelegten Kleinwagens zu dem macht, was er ist! Schnell lasse ich los und greife in die… Fahrschulhaltung. Oberes Drittel des Steuers, beide Hände fest (aber nicht verkrampft) das Leder umgreifend und weiter geht’s. Tatsächlich habe ich in dieser Position umfangreiche Kontrolle über die vielen Hebel am Lenkstock, komme nun von beiden Seiten an die Hupe ran und kann in Notsituationen sofort ausweichen, bremsen und abblenden. Aber schon nach kurzer Zeit werde ich müde. Meine Ellenbogen hängen unmotiviert im Auto rum, die Brustmuskulatur fühlt sich beansprucht an und die Straße ist einfach zu gerade für die möglichen Boshaftigkeiten, denen es auszuweichen gilt.

Das Lenkrad meines Autos hat glücklicherweise auch ein lockeres Unten. Bin ich nicht langsam mal da? Nein, aber wenigstens bin ich noch auf der geplanten Strecke, trotz der vielen Gedanken und Positionen. Wir haben hier sozusagen eine Art Kamasutra der Langstrecke, Haut (Rind) auf Haut (meine Hand), tiefes Vertrauen zueinander und die haptischen Erfahrungen der Interaktion Mensch – Maschine. Vielleicht sollte ich mal eine Pause machen und einen Kaffee trinken. Und dann geht das alles wieder von vorne los, Türoberante, Türmittel-Dings, …

tanzumsauto@träume-wagen.de

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