MM mit Muskeln – 1964 Mercury Marauder Montclair

Der Mercury Marauder Montclair 4 Door Hardtop Sedan ist so schön wie elegant. TRÄUME WAGEN-Leser Bernhard Zaß hat sich einen aus den USA geholt - und es nicht bereut.


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Die Verhandlungen waren schwierig. Nicht etwa deswegen, weil man sich über den Preis nicht einig werden konnte. Oder weil Papiere oder zugesicherte Eigenschaften fehlten. Nein, der freundliche Herr, der den  64er Mercury Marauder Montclair 4 Door Hardtop Sedan verkaufen wollte, vergaß schlicht im Gespräch, warum sein Verhandlungspartner überhaupt gekommen war. Doch Bernhard Zaß blieb hartnäckig. Schließlich hatte er lange genug nach seinem Traumwagen gesucht.

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Zaß, wohnhaft im oberösterreichischen Ried im Innkreis, gibt unumwunden zu, schon lange vom Virus “US-Cars” befallen zu sein und dieses Hobby exzessiv auszuüben, was ihm inzwischen einem Job bei seinem Autoimporteur beschere. Deswegen blieb er bei seinem US-Besuch standhaft und überzeugte den leicht dementen Handelspartner, dass sein Marauder in gute Hände übergehen würde.

“Meinen ersten Marauder sah ich im Kurzfilm “George Lucas in Love”,” erinnert sich Zaß, “ein hellblauer 4-Door-Hardtop. Von diesem Auto fasziniert begann meine lange Suche.” Die führte ihn zwar zu einigen MMs, die meisten waren aber “verbastelte Leichen und Schrott”. Er stolperte nebenbei über einen 64er Impala, einen 65er Grand Prix und andere, aber der Kick wollte nicht kommen. Aus Frust vergnügt er sich mit einem 78er Caprice Coupé und einem 84er Caprice Station, doch als er 2008 mal wieder einen Marauder sieht – in Barry White’s Speed Shop auf DMAX – gibt’s kein Halten mehr: So einer muss es sein.

Und er wurde es, weil ein Freund mit Importgeschäft in den USA zufällig so einen Wagen gesehen hatte. Vom Erstbesitzer, lächerliche 38.700 Meilen alt, Baujahr 1964, ein bisschen Rost und stumpfer Chrom. Nach problemlosem Verschiffen schaffte der Marauder die ersten 180 Kilometer auf eigener Achse perfekt.

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Trotzdem – wenn ein Auto perfekt fährt, heißt das nicht, dass es perfekt ist. So ließ Zaß, gelernter Kfz-Mechaniker und Elektriker, seinen Sachverstand an das gute Stück – nachdem er eineinhalb tote Ratten, gefunden unter der Rücksitzbank, entsorgt hatte. Er reparierte den maroden Kofferraumboden, strahlte alle Achsteile und ließ sie lackieren. Er erneuerte sämtliche Gummis und Leitungen – die Querlenkergummis, nach langer Suche für 250,- Euro das Stück gefunden, hat Zaß dann auch selbst gebaut. Für einen neuen Kühlergrill turnte er auf dem Schrottplatz “Desert Valley Auto Parts” herum und wurde fündig. Die Stoßstangen arbeitetete er auf, ebenso den Dachhimmel und das Radio. Letzteres ist dank Zaß’ Elektrikerfähigkeiten jetzt sogar MP3-fähig, für den Dachstoff mit Mercury-Emblem hat er “mehrere 100 Stunden im Internet verbracht…”.  Das satteln der Sonnenblenden ging dagegen schneller. “Nur der Rest des Innenraums hat Zeit,” sagt Zaß, “der ist wegen des wenigen Gebrauchs noch in gutem Zustand.”

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Restaurieren für die Ewigkeit: grundierte Achsteile, lackiertes Scharnier, 8 Stunden Handarbeit pro Hub-Cap…
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…fertig bearbeitetes Lenkrad, neuer Kofferraum und fertiger Unterboden mit pulverbeschichteten Blattfedern

Nun ist das Auto wieder ready to race. By the way: Ohne Rennambitionen von Mercury würde die Baureihe vermutlich gar nicht existieren.

Denn Mercury – 1939 von Edsel Ford gegründet und zwischen der Basismarke Ford und der Luxusmarke Lincoln positioniert – verlor ab 1956 alle Stock-Car-Rennen. Was die Verantwortlichen bei der Ford-Tochter mächtig ärgerte. Sie wollten aber ihr “Performance-Image” aus den fünfziger Jahren hüten – deshalb kappte die Marke Anfang der 60er unter anderem das Dach vom Ford Starliner und ersetzte es durch ein um 40 Millimeter niedrigeres und eine schrägere Windschutzscheibe. Schon sah der Wagen rennmäßig aus, ohne die bisherige Mercury-Kundschaft zu verprellen.  Den Namen “Marauder” entliehen sie von ihrem stärksten V8-Motor, der bereits seit den späten 50er-Jahren so hieß.  Für das Modelljahr 1964 kam die Ford-Tochter – auch zur Feier des 25jährigen Jubiläums der Marke – mit vier Marauder-Modellen, abgesehen von zwei oder vier Türen. Den Einstieg markierte der Monterey, eine Klasse höher agierte der Montclair, die Top-Ausstattung war dem Park Lane vorbehalten. Vierter im Bunde: ein Station Wagon.

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Und Mercurys Rechnung ging auf. Parnelli Jones siegte 1963 in einem Marauder Fastback. 1964 kassierte Mercury fünf NASCAR- und sieben USAC-Rennen. Ford allerdings glänzte mit 30 NASCAR-Siegen, was sich auch in den Verkäufen niederschlug: Ford 73.000 Stück, Mercury 34.000 Stück. Aber eine Tochter ist eben nur eine Tochter und kann nicht so viel können wie die Mutter.

Trotzdem: Die Siegesserie von Mercury hielt bis in die 70er Jahre an. Die vom Marauder längst nicht so lange: Eine Horde von aufkommenden Pony-Cars machten nach 1964 dem Wagen sowohl auf der Straße als auch auf der Rennstrecke das Leben schwer, außerdem suchte Mercury mit Luxus-Full-Size-Autos wieder verwöhnte Kundschaft.
Seit Ende 2010 ist die Marke Mercury Geschichte. Zum Glück nie vergessen dank Fans wie Zaß.

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1964 Mercury Marauder Montclair 4 Door Hardtop Sedan
Motor:Super Marauder 390 cui OHV-V8
Hubraum:6.392 ccm / Leistung: 300 PS
Vergaser:ein Vierfachvergaser / Verdichtung: 10.1:1
Getriebe:Dreigang-Automatikgetriebe Merc-O-Matic MX Medium Iron Case
Fahrwerk:vorne: Einzelradaufhängung an doppelten Dreieckslenkern, Schraubenfedern, KYB Gasdruck-stoßdämpfer, Querstabilisator
hinten: Ford 9-Zoll-Starrachse an Blattfedern, KYB Gasdruckstoßdämpfer
Bremsen:Trommeln rundum, servounterstütztes Einkreissystem
Räder:Stahl 8.00×14 (Serie) mit Deluxe Medallion Hub-Caps
Reifen:Maxxis 215/75/R14 White Walls / Radst.: 3.048 mm
Länge:5.474 mm / Gewicht (Serie): ab 1.765 kg
Höchstgeschwindigkeit (Serie):knapp 200 km/h
Wert heute:etwa 35.000,- Euro
Stückzahlen:8.655

Bilder: Guido Tallier


6 Gedanken zu “MM mit Muskeln – 1964 Mercury Marauder Montclair

  1. Toller Wagen, den ich bisher noch nicht kannte, dazu sehr saubere Arbeit! Und überhaupt, wer braucht schon B-Säulen? Ich finde pfostenlose Limousinen einfach schön; in Europa gab’s sowas meines Wissens nie.

    Gruss, Stefan H.

  2. Servus Stefan!

    Danke für die Blumen! Kann deine Gedanken nur teilen, wer das Gefühl kennt bei Sonnenschein mit 4 geöffneten Fenstern und pfostenlos durchs Land zu cruizen, klanglich hinterlegt vom leisen grummeln des 390er Motors weiß was er an so einem Wagen hat. Wann wird’s endlich wieder Sommer ……

    • Hey Bernhard,

      JETZT bin ich auch angepiekst und durchstreife das Netz nach einem neuen alten Auto. Es muss ja nicht sooooo exklusiv sein, aber es sollte meinen Pendel-Passat schon irgendwie toppen :-)
      Lass und einen Sonnentanz aufführen, ich mach mich schon mal locker.

      Jens

  3. Irgendwie kann ich nicht von dem Bild des Kofferaums… nein, zu profan – das ist eher eine Ladezone – lassen. Wie lange man da nach ner verlorenen Kiwi suchen muss….

    Schick.

    Steffen.

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