Besuch bei Barrett Jackson – Auktionsmarathon in Arizona

Sechs Tage Versteigerungsmarathon von 1.400 Oldtimern und Neuwagen sowie kiloweise wertvolle Automobilia – so etwas gibt es nur in Amerika. Grund genug für TRÄUME WAGEN, zwischen herrlich geschmackvollen Muscle Cars, völlig missratenen Hot Rods bis hin zu Highlights wie dem originalen Batmobil zu wandeln

Der Kerl schläft tief und fest. Yeah man, das macht den Verkäufer glücklich. Wahrscheinlich hat der müde Ami sich über ein paar Outdoor-TV-Geräte schlau gemacht, sich dann zum Test in einen der vielen trockenen Whirlpools gelegt, Schmuck für sein „Sugar“ zu Hause gekauft, sich Cowboystiefel anpassen lassen, lange über den Preis von Hugh Hefner Häschenjacken sinniert, die feinen Maklerdamen von „Luxury home“ angemacht, seinen nächsten Angelurlaub in Alaska gebucht und schließlich ein paar Truthahnbeine vom größten Grill der Welt, einem schier endlos wirkenden Maxitruck, verspeist. Sowas kann schon müde machen.

Gut 90 Prozent aller angebotenen Autos kommen aus den USA

Gelbes Spielmobil als Buggy von George Barris: 9.900 Dollar

Willys DJ3 Surrey: 25.760 Dollar

Sehr gefragter 1936er Ford Custom Roadster: 92.400 Dollar

Der Chef persönlich: Craig Jackson

„Barris mussten wir drei jahre bearbeiten, bis er sein Auto zur Auktion frei gab…“

Ja, müde macht sie, die Barrett-Jackson-Auktion auf dem firmeneigenen Westworld-Gelände in Scottsdale, Arizona. Eigentlich wegen der Autos: 1.400 Stück kann man hier ersteigern, innerhalb von sechs Tagen, dazu stundenlang Automodelle und Leuchtreklame, die manchmal teurer ist als großes rollendes Blech. Es ist schon eine seltsame Mixtur aus Verbrauchermesse, Auto-Flohmarkt und High-End-Auktion, die Chef Craig Jackson hier jährlich unter die Zelte bringt. Kurz: Es wird alles angeboten, was irgendwem irgendwie Dollar bringt oder aus der Tasche zieht. Kapitalismus zum Mitmachen.

Dabei hat es Jackson geschafft, für dieses Spektakel nicht die solventen und Champagner schlürfenden Kleinfingerwegstrecker zu begeistern – die „Crème de la crème“ gibt ihr Geld vorrangig bei den gleichzeitig stattfindenden Auktionen von Gooding, R&M etc. aus. Nein, bei Barrett-Jackson gilt zunächst Masse statt Klasse, Autos fürs Volk, und das besteht aus einer fast ebenso solventen Mittelklasse. Und die schlürft lieber Bier aus Plastikbechern als Perlwein aus Gläsern, die Damen kommen gerne beinfrei bis zur Fontanelle statt im Ballkleid, und manchem der mehr als 3.000 Bieter würde man wegen seines Outfits (das nicht selten an einen Mix von ZZ-Top-Musiker Billy Gibbons und Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“ erinnert) eher als Sozialfall aus der Provinz vermuten als einen mit Tausenden von Dollar bewaffneten Auto-Enthusiasten auf dem Klappstuhl am Rande von Arizonas „Beverly Hills“, wie sich Scottsdale gerne nennt.

1971er Plymouth Hemi Cuda Convertible: 1,32 Millionen Dollar

1957er Buick Century Custom Wagon: 71.500 Dollar

1976er Cadillac Eldorado Convertible: 9.570 Dollar

1954er Packard Mitchell Panther Concept Car: 750.000 Dollar

 

Damit kein Bieter übersehen wird: Mehr als 50 Helfer sind im Zelt verteilt

„Letsgofortyfiftyfoftyfiftygimmefiftyfiftyonehundretthousendforty- allinonealldoneletsgoeverybodyhappygimmegimmefiftyfiftyfifty…“

Staunt der unwissende Mitteleuropäer schon über die Vielfalt der angebotenen Waren und die Vielfalt der anwesenden Menschen, so sind die Auktionatoren die eigentliche Sensation. Während bei Gooding & Co. dem Publikum ruhig, sachlich und verständlich das Geld von der Kreditkarte weggequatscht wird, scheinen die von B-J gemieteten Profis eine andere Sprache und ein anderes Sprachtempo gelernt zu haben als der Rest der Menschheit. Die Geschwindigkeit, mit der sie die im Drei-minutentakt auf den „Block“ präsentierten Autos anbieten, lassen jeden Profi-Rapper wie einen stammelnden Fünfzehnjährigen beim ersten Date-Versuch anhören. Diese Temporedner haben ihre Stimmbänder auf 78 gestellt (und jeder, der noch einen Plattenspieler kennt, weiß, was wir meinen) und benebeln in einem höchstens viertönigen Singsang das Publikum, bis die Dollars rauschen.

Was ein Top-Auktionator wie Tom „Spanky“ Assiter und seine Kollegen einem wirklich sagen wollen, ist dem erstaunten Erstbesucher zunächst ein Rätsel: Es klingt wie „Lrbllblblbrrrbrybrybrylblrblllblblblblblblrrrrblllrbryryryrybll…“ Was es wirklich heißen soll, weiß man erst, wenn man ein paar Stunden intensiv gelauscht hat: „Letsgofortyfiftyfortyfiftygimmefifty-fiftyonehundred-thousendfortyallin-onealldoneletsgoeverybodyhappygimmegimmefiftyfiftyfifty…“, und wenn nichts passiert, wirft Steve Davis, Präsident von Barrett-Jackson, schon mal kurz übers Mikrofon ein: „Ey, Leute, wir verkaufen hier Autos…!“

Das kann man wohl sagen. Wir sind beim größten – man muss schon sagen – „Verscherbeln“ der Welt von gewöhnlichen und ungewöhnlichen Oldtimern bis hin zu Neuwagen. Und alle, in diesem Jahr ausnahmslos alle, werden verkauft – ungewöhnlich für eine Auktion. Die Erklärung: Bis auf 18 Stück werden alle ohne „Reserve“ – also ohne vorgegebenem Mindestpreis – angeboten. Und nur bei Clark Gables Mercedes 300 SL wird die Reserve zuerst nicht erreicht, aber nach kurzen Verhandlungen wechselt auch dieses edle Stück den Besitzer.

Manchmal inklusive: Bilder zum Auto

Chef-Schnellsprecher: Tom Assiter

Willkommen in Westworld. Früher war das ein Ferienort im gleichnamigen Film, in dem Yul Brunner als durchgeknallter Roboter alles niedermähte, was ihm einst als geplantem Opfer die Birne durchschoss. Heute heißt so ein riesiges Areal in der Nähe der 101 bei Scottsdale, das sich die Auktionsfirma Barrett-Jackson als Heimat ausgesucht hat. Jährlich trifft sich hier die „sauce de la sauce“ der Autosammler, um zu sehen und gesehen zu werden, einen nagelneuen Ford Mustang Cobra für 150.000,- Charity-Dollar zu erwerben (aber dafür ist ihnen auch der Dank der Amis sicher), oder den einst rund 30.000,- Dollar billigen, leicht gebrauchten Farm-Truck von George Bush junior für 300.000,- Dollar zu bekommen. Immerhin reichte die Bildung des fragwürdigsten aller Ex-US-Präsidenten, um seine Signatur am Cockpit auf der Beifahrerseite zu hinterlassen.

1941er Chevrolet Flatbed Truck: 24.200 Dollar

1967er VW T1: 110.000 Dollar

Und die Amis kaufen alles. GTO am Fließband, Corvetten bis zum optischen Overkill, Chevy SS bis zum Horizont, dazwischen ein paar Roadrunner und Superbee. Hunderte von alten Mustang, tiefgelegt, hochgelegt, mit gechopptem Dach, angepinselt, shiny, oder auch wirklich besser als neu. Shelbys persönlicher Mustang (eine Gabe von Craig Jackson höchstselbst, der den Wagen verkauft, weil er ihn zu sehr an den verstorbenen Gott des Ford-Tunings erinnert), bringt satte 1,8 Millionen Dollar. Kein Wunder: Der 68er „The Green Hornet“ EXP 500 ist einer von nur zwei Prototypen.

1956er Chrysler Ghia Diablo Convertible: 1,25 Millionen Dollar

Porsche 959 Protoyp: 400.000 Dollar für den Deutschen

Unverkäuflich: Auktions-Helferin

1950er Willys Jeepster Covertible: 17.600 Dollar

Aber es gibt auch Billigeres. Für nur 8.250,- Dollar wechselt ein Willys Jeep Baujahr 46 den Besitzer, Autos wie ein 55er De Soto Fireflite Sportsman oder ein 50er Plymouth Suburban kosten keine 18.000,- Dollar und gehen weg wie Frei-Burger.

Promis wie der ortsansässige Rennfahrer Arie Luyendyk, zweimaliger Indy-500-Sieger, freut sich, wenn sein mit der Spraydose angemalter 59er Nash-Rambler für 15.000,- Dollar aus der Garage verschwindet, und Joe Bortz, Eigner von rund 15 Concept-Cars, streicht 1,25 Millionen Dollar für seinen Chrysler Ghia Diablo Convertible ein, das wohl längste jemals gebaute Cabrio: „Den besaß ich 25 Jahre – der begann, mich zu langweilen…“

Bob Johnson aus Georgia hat gleich sieben Wagen mitgebracht und sagt mit Dollarzeichen in den Augen: „Hier bekommt man einfach am meisten dafür.“

Und wer keine Autos mag, kann auch anderweitig shoppen gehen…

 

Auch ein paar europäische Wagen sind zu ersteigern. Ein hübsch bunter, aber mit viel zu grellen und großen Rädern verhunzter VW-Bus T1 geht für 110.000,- Dollar weg, einer von nur sieben existenten Porsche 959-Prototypen bringt saubere 400.000,- Dollar. Winzige Crosleys aus den 40ern sind im Angebot, ein 55er Messerschmitt KR-200 bringt satte 42.900,- Dollar.

Dann rollt ein Aston Martin DB7 Cabrio für stattliche 57.00,- Dollar aus dem Zelt. Grund für den hohen Preis: Ben Affleck schenkte ihn einst Jennifer Lopez und knutsche die Schöne dort auch, wie es beigelegte Zeitungsausschnitte belegen.

Stimmung wie beim Super-Bowl: Versteigerung des Batmobils

Aber das Highlight der Woche rollt erst am Sonnabend Abend herein: das Batmobil. Die TV-Musik zur Batman-Serie aus den 60er Jahren kündigt es an, und als es mit ordentlichem Tamtam und in Begleitung von ein paar rund 60-jährigen Batwomen sowie einer Armee von Security-Muskelprotzen auf die Bühne rollt, thront doch tatsächlich kein Geringerer als der Schöpfer und Gerade-Noch-Besitzer George Barris obendrauf. Der Kustom-King ist inzwischen 88 Jahre alt, was ihn aber nicht davon abhält, die Anwesenden davon zu überzeugen, „das dieses das erste Auto war, das ein Star wurde.“ Und es macht ihn noch reicher: 1965 kaufte er das damals abgeschobene Lincoln-Concept-Car Futura für einen Dollar, bekam den Auftrag, ein Batmobil zu entwerfen, steckte 15.000,- Dollar rein und wartete. Bis jetzt. Jackson: „Wir haben drei Jahre gebraucht, Barris emotional zu überzeugen, dass er das Auto bei uns zum Verkauf anbietet.“

Der Meister himself kam im Batmobil: George Barris

Endstand: 4,2 Millionen Dollar

Yeah, was bis jetzt nur ein Showchen war, wächst zur Supershow. America at its best: In 20 Sekunden ist die erste Million geboten, nach weiteren 40 Sekunden die zweite. Das Volk johlt, die Stimmung ist beim Super-Bowl auch nicht besser. Bei 3,2 Millionen stockt die Bieterschlacht kurz. Niemand sitzt mehr auf dem unbequemen Plastik-Gestühl. Selbst die unauffällige Lady, die zwar schon ein paar Autos für je mehr als 100.000,- Dollar gekauft hat, aber aussieht, als käme sie gerade vom Casting für eine Hauptrolle als Mad Max’ Putzfrau, vergisst kurz ihre Kilopackung Popcorn und grinst das erste Mal an diesem Abend. Barris wirft seine Batman-Jacke noch in die Waagschale, und als hätten alle drauf gewartet, geht die Schlacht weiter, die kurz darauf zum Duell wird. Erst bei 4,2 Millionen Dollar (exklusive der Bieterkosten von zehn Prozent, der Verkäufer zahlt zusätzlich noch einmal acht Prozent ans Auktionshaus) fällt der Hammer.

Der Käufer heißt ausgerechnet Champaigne. Er soll aber mit Bier gesehen worden sein.

Objekt der Begierde: das Batmobil

Fotos: Roland Löwisch

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