Gute Nacht, John-Boy: 1946er Chevrolet 3100

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Gute Nacht, John-Boy!

Ein Pick-up vom Feinsten, eine rollende Legende und im Amerika der 40er und 50er Jahre everybody´s darling: Der Chevy 3100 ist Kult. Und ein astreiner Rod, der 70 Jahre nach seinem Stapellauf den zweiten Frühling erleben darf

 

Alles hat seine Zeit. Auch die Vorliebe für bestimmte Film- und Fernsehformate. „Die Waltons“ waren so eine Serie. Ein TV-Wattebausch, so romantisch, so schön und gemütlich. Das einfache Landleben einer amerikanischen Großfamilie in den 30er- und 40er-Jahren, das geprägt ist von harter Arbeit, dem Kampf mit Schulden und hin und wieder auch der Furcht um die Existenz ihres Sägewerks. Natürlich hält die Familie zusammen wie Pech und Schwefel, und alle haben sich unglaublich lieb. So dermaßen, dass es nach jeder Folge bis in den Abspann schallt: „Gute Nacht, John-Boy! Gute Nacht, Mary-Ellen“ … und dann gehen in den Zimmern nacheinander die Lichter aus. Wie friedlich, was für ein Idyll! Irgendwann, als der Schmalz nur noch tropfte, kam der Krieg und John-Boys Verwundung als Soldat in Europa. Die heile Welt in Waltons Mountain ging den Bach runter und die kleinkarierten Probleme, die spießige Enge des Bible Belt erschienen einfach nur noch furchtbar. Aus und vorbei.

Was geblieben ist, ist die Erinnerung an das unverwüstliche, unkaputtbare und jedem Schlammloch, Berggrat und Wasserlauf gewachsene Workhorse der Waltons: ein für europäische Maßstäbe gigantischer Pick-up, ein Chevy 3100. Da hatte der Rennfahrer und Ingenieur Louis Chevrolet schon Geschichte geschrieben. 1878 im schweizerischen La-Chaux-de-Fonds geboren, wanderte er 1900 nach Amerika aus, wo er zunächst in Autowerkstätten arbeitete und eine Karriere als Rennfahrer startete. Im Jahre 1905 galt Louis Chevrolet bereits als einer der besten Piloten der Welt. 1911 gründete er seine Firma, seit 1918 gehört Chevrolet zum GM Konzern.

1937 schickte Chevrolet seine neue Truck-Serie ins Rennen, 1938 wurde sie schon wieder überarbeitet, 1947 kam mit den so genannten Light Trucks eine Revolution im Bau der vielseitigen Kleinlaster. Dank ihres unzerstörbaren Wesens waren die kleinen Trucks mit 112-inch Radstand über Jahrzehnte ein vertrauter Anblick auf dem Land. Neue Formen, starke Motoren und sogar ein klein wenig Komfort im Innenraum prägten die neuen Fahrzeuge. Mit der Vorstellung der “Half-Ton”- bis “One-Ton”-Klasse erfüllte sich für viele Farmer und Lieferanten ein lang gehegter Traum. Über die Jahre kamen die Trucks immer wieder in den Genuss von Modellpflege-Maßnahmen, unter anderem spendierte man ihm Teleskop-Stoßdämpfer, eine verbesserte Innenraumbelüftung und stärkere Motoren.

1946 rollte unser Half-Ton-Truck vom Band, zusammen mit mehr als 300.000 Artgenossen. 1945 waren es gerade mal 46.000, aber da lief die Nachkriegsproduktion ja gerade erst wieder an. Die robusten Pick-ups gabs als 1/2-ton, 3/4-ton, 1-ton und 1 1/4-ton, und alle basierten auf den 1941er-Modellen, dem letzten Jahr der Vollproduktion vor dem Krieg. Vermutlich verbrachte der große Pick-up die nächsten Jahrzehnte damit, alles zu transportieren, was sein Besitzer ihm auf die Ladefläche lud. Er brummte mit seinem Reihensechszylinder jahrein, jahraus über die Landstraßen und Highways und hatte wohl schon eine mulmige Vorahnung, was ihn im Alter erwarten würde: Entweder gleich auf den Schrott, wenn sein Nachfolger auf den Hof fuhr, oder abgestellt und irgendwann vergessen und verrottet hinten in der Scheune, verdeckt von einem Berg aus Plunder und Schrott. Unserer hatte Glück, denn die Zeiten änderten sich und Sammler begannen, die knorrigen Lastesel vergangener Dekaden zu suchen und aufwändig zu restaurieren oder umzubauen. Pick-ups aus der Regierungszeit von Präsident Truman sind schwer in Mode.

Dieser hier hat nicht nur eine nachvollziehbare Geschichte, sondern auch eine Rundumkur  hinter sich, die sich gewaschen hat. Als Coast-Classics Chef Andreas Ullstein den 1946er Survivor durch Zufall vor einigen Jahren in Los Angeles aufspürte, war dem leidenschaftlichen Hot Rod Fan klar, dass er hier was ganz Besonderes vor sich hatte. Gerade mal zwei Vorbesitzer standen in den Papieren, den heiß begehrten „pink papers“, die das Auto bei seiner ersten Zulassung bekommen hatte. Ein wenig runtergerockt, klar, ein wenig mitgenommen und sicher nicht mehr der Zuverlässigste, aber von ordentlicher Substanz und mit atemberaubender Patina. Ullstein kam, sah und kaufte, transferierte das Urgestein ins sonnige Spanien und spendierte ihm eine behutsame, aber gründliche Restaurierung.

Der knapp 70-jährige Reihensechszylinder wurde durch ein neues 235 cid (3,9-l) Aggregat ersetzt, desgleichen die Heizung, die Kupplung, der Tank und die komplette Elektrik. Schließlich wollte man den Survivor fahren, und nicht irgendwo in den Sierras rund um Malaga liegenbleiben. Die Dreigang-Schaltung wurde ebenfalls ausgetauscht, zusammen mit sämtlichen Aggregaten. Das Interieur, von Haus aus eher spartanisch, erhielt eine Grundsanierung mit neuem Lenkrad, authentischem Gummiboden und einem frischen Anstrich des Armaturenbretts in „Persian Sand Beige“. Und  das soll es gewesen sein? Mitnichten. Was den Pick-up zum klassischen Rat Rod macht, ist sein unglaublicher Lack. Sieht aus wie original verblichen, ist aber brandneu und zeugt vom Knowhow der Farbmischer. Runter mit dem alten Anstrich, rauf mit passendem Oldschool-Rost-Braun, das Ganze überzogen mit fettem Klarlack und ein paar Spritzern frischem Türkis, das den Anschein erweckt, als wäre es der letzte Zeuge eines langen Autolebens. So muss es sein, rattige Optik, perfekte Technik und ein Outfit, das dem Alter keinen Abbruch tut und mehr verbirgt, als preisgibt. Ein Sleeper, wie er im Buche steht.

Der Wuchtbrummer fährt sich, wie er aussieht. Die 140 Pferde ziehen dir nicht gerade die Falten aus dem Gesicht, setzen die Fuhre aber zügig in Gang und schaffen mit Anlauf auch 130 km/h. Das Blech vibriert, die Hinterachse poltert, die Lenkung gibt unverbindliche Empfehlungen, aber er fährt. Sportlich geht anders, aber es hat ja keiner behauptet, der 3100 wäre eine Rakete. Der Dreistufenautomat bietet verlässlichen Schub, du hast den typischen Fahrbahnkontakt eines 40er-Jahre-Amis – also keinen –  und arbeitest mit riesigen Lenkwinkeln. Das Fahrwerk schluckt alles weg, kommt überall durch  und macht auch nach 70 Jahren wieder mal deutlich, was man unter American Way of Drive verstehen darf.

Der Klassiker mit seiner gekonnten Understatement-Optik trifft auf mindestens soviel Begeisterung wie eine rassige Italo-Diva. Unter seinem rattigen Blech steckt sauberes Handwerk, getreu dem Motto „Mehr sein als scheinen“ verblüfft der Chevy 3100 so ziemlich jeden, der anfangs zwar milde sein hohes Alter wertschätzt, dem Dickschiff aber ansonsten nicht viel zutraut. Was für ein Irrtum. Der Coast Classics Testimonial stiehlt bei Hot Rod Treffen selbst wilden Racern die Schau und alle, wirklich alle lieben ihn. Und jetzt wissen Sie auch, warum Andreas Ullstein den Dicken liebevoll „John-Boy“ nennt. Legenden sterben eben nie.

Autor: Marion Kattler-Vetter – Fotograf: Nico Meiringer
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