1970 Mercedes-Benz 280 SE 3.5 W111 – Big Benz

Steiler Stern auf massivem Sockel: Der 280 SE hat die Opulenz einer Fabrikantenvilla. Der 3,5-Liter-V8 machte endgültig Schluss mit dem Stigma der Bauernmotoren

Wuchtiger Kühler, imposante Rundung der Motorhaube, ein üppiges Raumgefühl und souveräner Fahrkomfort: Der Statement-Benz ließ in den wilden 70ern nicht nur distinguierte Mitglieder der Vorstandsetage fliegen, sondern versöhnte auch rebellische Söhne und Töchter, die die Welt ihrer Väter einreißen wollten, mit dem Establishment. Zu gern nutzten die Kids aus gutem Hause die Doppellampen-Wucht des 200-PS-Modells, um Porsche-Fahrer auf der linken Spur zu erschrecken. Die Kontraste sind es, die den Mercedes unsterblich machen. Auf den ersten Blick sieht der rüstige 70er aus wie alle S-Klassen jener Jahre, trägt selbst um die Fenster massive Leisten, hat eine altmodische Handbremse wie in den 50ern und ein spirrliges Bakelit-Lenkrad mit verchromtem Hupring. Gleichzeitig zaubert er beim Beschleunigen ein breites Grinsen ins Gesicht und macht Männer zu Kindern.

Ein Blick in den Motorraum zeigt, was da los ist: Wie eingemauert hängt der Achtzylinder in seinem Abteil, zwischen Spritzwand und Kurbelgehäuse passt kein Finger. Im Alter mischt sich die Faszination seiner Fans mit Angst vor der Sanierung, das reduziert die Anzahl der Überlebenden und hält die Preise niedrig. Noch Ende der 90er-Jahre gibt es gute Exemplare zum früheren Neupreis, seitdem steigt der Marktwert unaufhaltsam. Der typische 280-SE-Fahrer der Neuzeit ist nicht mehr Banker, Filmstar oder Schlagerfuzzi, sondern eher Experte für lohnende Geldanlagen.

Zeitlos ist er, der W 111. Kaum zu glauben, dass er schon vor 50 Jahren präsentiert wurde. Sein Design stammt vom charismatischen Mercedes-Stilisten Paul Bracq. Der 280 SE 3.5 überzeugt nicht nur mit seiner wuchtigen Optik, sondern mit Langlebigkeit und robusten Schalt- und Automatikgetrieben. Aber selbst der Schwabenexpress ist nicht gefeit vor Rost und Gilb, tadellose Stücke sind rar, die Restaurierung übersteigt oft den Marktwert. Der bei Sotheby´s feilgebotene 280 SE 3.5 in klassischem Dunkelblau hat den Relaunch bereits hinter sich. Sorgfältig restauriert und über mehrere Jahre gefinisht, hat er Leder satt, eine lückenlose Historie und den Charme der High Society im Gepäck und wurde vom Sotheby´s-Tester himself als absolut makellos, bis ins Detail stimmig und mit astreiner Performance bewertet. Das vom Vorbesitzer als luxuriöser Reisewagen geschätzte Benz-Coupé hat das ebenso geschätzte Original-Becker-Radio an Bord, Automatikgetriebe, ein elektrisches Schiebedach und die stylischen Sekurit-Seitenfensterchen, die den Fondpassagieren sanft Kühlung zufächeln.

FAZIT

Mit 133.000 Kilometern auf der Uhr ist der Achtzylinder gerade mal richtig eingefahren und verspricht seinem neuen Eigner noch viele schöne gemeinsame Erlebnisse. 140.000 britische Pfund sollte einem dieser Meilenstein deutscher Wertarbeit schon wert sein. Wer hat, auch 156.000 Euro.

 

Fotos: ©2018 Courtesy of RM Auctions

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