Abarths deutsches Meisterstück: Porsche 356 B 1600 GS Carrera GTL Abarth

Die Bezeichnung des Autos ist die Hölle, das Auto selbst aber himmlisch: Der Porsche 356 B 1600 GS Carrera GTL Abarth war dank italienischer Hilfe ein Hammer. Wir konnten passend zum 70. Abarth-Jubiläum die Nummer 18 von 20 gebauten Exemplaren um Stuttgart herum kennenlernen

Der Karl ist gerade mal zehn Jahre alt, als er seine Seifenkiste tunt: Um schneller zu werden, spannt er Ledergurte auf die Laufflächen der Holzräder. Als junger Wiener fordert er den Orient-Express heraus und besiegt ihn in Sachen Tempo auf der 1.370 Kilometer langen Strecke mit seinem Seitenwagen-Gespann. Und 1949 gründet Karl – inzwischen italienischer Staatsbürger mit dem Vornamen Carlo – nach erfolgreicher Pilotenkarriere im Rennsport eine Firma, die sich die Umrüstung von Rennautos und die Entwicklung von Auspuffsystemen zum Ziel nimmt. Schon bald darauf beschäftigt er 375 Menschen und baut 300.000 Auspuffanlagen im Jahr. Sein Sternzeichen Skorpion wird sein Logo, sein Nachname wird ein Synonym für Power: Abarth.

Wenn Power auf Power trifft, kommt zwar nicht immer zwangsläufig etwas Gutes dabei heraus, bei Abarth und Porsche allerdings schon – nämlich der Porsche 356 B 1600 GS Carrera GTL Abarth. Dass es überhaupt einen Abarth-Porsche Typ 756 gibt, hängt mit der damaligen Freundschaft der zwei Häuser zusammen. Denn als bekannt wurde, dass Porsche einen Auftrag zu vergeben hatte, um seine 356 B in Rennen leichter und damit konkurrenzfähiger zu machen, meldeten sich alle möglichen und unmöglichen Interessenten wie Rudolf Hruska, der den Job für Bertone sichern wollte, oder Piero Dusio, der in seiner Hinterhof-Werkstatt selber die Karosserie machen wollte. Den Job bekam aber ein anderer aus alten Cisitalia-Zeiten, nämlich Carlo Abarth, der schon am Rennwagen Typ 360 im Jahr 1947 mitgearbeitet hatte und kleine Heckmotor-Rennwagen auf Fiat-Basis herstellte.

Ferry Porsche beauftragte Abarth, erst mal nur eine Probe-Karosserie zu fertigen, die ihn eine Million Lire kosten sollte. Abarth engagierte den Designer Franco Scaglione, der die Form entwarf. Er stellte die 356-Heckleuchten vertikal und verband italienisches Design mit den schräggestellten Porsche-Scheinwerfern. Die spitze Front beherbergte die Lufteinlässe für den Ölkühler und die vorderen Bremsen. Die Türgriffe gerieten nach italienischer Art ausklappbar.

Die Ausführung des Kleinserienauftrages sollte zunächst bei Ugo Zagato stattfinden. Umfang: 20 Stück. Doch noch vor Auftragsvergabe überwarfen sich Abarth und Zagato, weshalb ein Prototyp Zuffenhausen erst im Februar 1969 erreichte. Der erwies sich allerdings als ziemlich unbrauchbar, denn statt Zagato übernahm eine unerfahrene Firma den Karosseriebau. Das Ergebnis: Die Alu-Konstruktion war undicht, es gab zu wenig Kopffreiheit und zu wenig Platz in den vorderen Radhäusern für den Lenkeinschlag bei Last. Die vorher gelieferte Motorattrappe war bei der Berechnung nicht benutzt worden, so war für die Maschine plus Kühler plus Öltank zu wenig Platz im Heck. Mit einem Hammer besserte man bei Porsche nach. Das zweite Exemplar war deutlich besser – mit dem gewannen Herbert Linge und Besitzer Paul Strähle ihre Klasse bei der Targa Florio.

Die Serienversion sollte von Rocco Motto in Turin karossiert werden. Der Chef dieser Firma verschwand der Legende nach allerdings spurlos nach der dritten Karosserie und Erhalt einer Teilzahlung im nicht angemeldeten Urlaub und tauchte auch nicht wieder auf. Den Bau übernahm nun die Firma Viarengo & Filipponi. Chassis und Karosserie wurden in Mailand zusammengefügt, die Feinheiten erledigten erst Abarth und dann Porsche selber. Das Modell rannte schließlich unter anderem bei den damals hoch angesehenen Europa-Bergmeisterschaften 1960 und 1961.

Unsere Nummer 18, ausgeliefert im April 1961, kaufte Porsche – warum auch immer – noch Anfang der 1960er-Jahre von einem Kunden zurück und setzte einen Zweilitermotor mit etwa 155 PS ein. Normalerweise besitzen alle Porsche-Abarth den 1.6-Liter-Königswellenmotor im Heck.

Ein Rundgang um das Auto lässt uns folgern, dass Abarth es nicht neu erfunden hat – technisch ist es fast identisch mit den GS-Modellen des 356 B. Äußerlich fällt natürlich die neue Karosserie auf – länger gestreckt, aerodynamisch eindeutig optimiert. Sie ist handgedengelt und besitzt die charakteristische Lufthutze auf dem Heck. Die Fensterflächen sind größer geworden, was auch noch die Sicht des Fahrers nach außen verbessert. Der Abarth-Porsche geriet 13,2 Zentimeter flacher als der 356 und zwölf Zentimeter schmaler. Die Stirnfläche verringerte sich um 15 Prozent, der Cw-Wert betrug 0,365 bei geschlossener Lüftungsklappe.

Innen ist der Wagen absolut karg, denn hauptsächlich aus Gewichtsgründen ist innen jeglicher Luxus der Funktionalität gewichen. Zwei Sitzschalen ersetzen die ursprünglichen Sitze, und bei normaler Größe trifft der Kopf fast den Fahrzeughimmel. Erster Eindruck nach dem Dreh am Zündschlüssel: Die Welt geht unter – die Lautstärke beeindruckt ebenso wie die Rarität des Porsche an sich.

Der Zweiliter-Fuhrmann-Motor geht mit dem Sebring eine stimmgewaltige Allianz ein. Der Königswellen-Doppelzünder leistet statt 115 PS (mit Sportauspuff 128 PS, mit dem montierten Abarth-Sebringauspuff 135 PS). Damit konnte der Porsche mehr als 220 km/h rennen. Mit den rund 155 PS aus dem Zweiliter-Boxer könnte der Porsche theoretisch wohl noch schneller rasen, aber das alles möchten wir dem Auto nicht mehr antun. Auch wenn die fühlbare Leichtigkeit des Porsche dazu anstachelt – statt mit Kurbeln sind die Türen mit Lederriemen ausgestattet, die Fenster in vordefinierten Höhen festhalten können.

Übrigens gibt es keine generellen Angaben zum Wagengewicht, die für alle Exemplare gelten. Das Porsche-Museum gibt 801 Kilo an, was für den Wagen mit vollem Tank gilt und damit immer noch deutlich weniger Gewicht ist als beim normalen 356 B. Die Unsicherheit liegt zum Teil daran, dass die Wagen verschieden große Tanks beherbergen.

Das eigentliche Fahren sorgt nicht für Überraschungen – es ist und bleibt sehr 356er-ähnlich mitsamt dem damals fragwürdigen Geradeauslauf. Der Motor will selbstverständlich, wie die anderen Fuhrmann-Maschinen auch, Drehzahlen. Und noch mehr Drehzahlen. Und die machen noch mehr Sound. Und Sound macht süchtig. So kann man sich wunderbar auf die Gesichter der Passanten konzentrieren, die nicht glauben, was sie da sehen. Und höre

Ganz klar: Das Auto ist eines Abarth und eines Porsche würdig …

Technische Daten Porsche 356 B 1600 GS Carrera GTL Abarth Coupé

Baujahr: 1961
Motor: Vierzylinder-Boxer
Hubraum: 1.588 ccm
Leistung: 99 kW (135 PS) bei 7.400/min
Max. Drehmoment: 146 Nm bei 5.800/min
Getriebe: Viergang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 3.881/1.550/1.200 mm
Gewicht: 801 Kilo
Sprint 0–100 km/h: 8,6 Sek.
Top-Speed: 220 km/h
Preis 1960: 25.000 Mark

Text: Roland Löwisch, Fotos: Markus Leser/Porsche AG

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