Alfa Giulietta Sprint 1958 vs. Alfa Giulietta Veloce 2016

Frankfurt also. Die kleine Italienerin hat genaue Vorstellungen, wo das Date mit mir stattfinden soll. In der angesagten Klassikstadt darf ich ihre neuen Kleider bewundern. Giulietta ist die ältere und zugleich kleiner gewachsene Schwester der neuen Alfa-Limousine Giulia – aber nicht minder modebewusst

Nur zu gerne betont Giulietta ihre Herkunft aus gutem Hause und verweist auf ihre ruhmreiche Ahnengalerie, die bis in die fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts zurückreicht. Eine rationale Annäherung oder gar der Vergleich mit gewöhnlichen Großserien-Kompakten? Verbietet sich doch von selbst. Und überhaupt, welch frevelhafte Vorstellung! Das Cuore Sportivo prangt an ihrer frisch gestraften Front mit dem hexagonförmigen Grill wie das Logo einer teuren Designermarke auf dem Büffelleder einer italienischen Edelhandtasche – und die würde auch niemand ernsthaft auf ihr nutzbares Volumen hin auslitern wollen.

Modeltyp: Hübsches Frontdesign jenseits des Mainstreams. Um das milde 2016er Facelift mit neuem Grill und schwarzen Akzenten zu identifizieren, muss man eventuell zweimal hinsehen. Macht nichts, Giulietta hat von ihren optischen Reizen nichts eingebüßt

Neue Smokey Eyes-Scheinwerfer wirken wie verruchter Lidschatten: sie geben der 2016er Giulietta einen noch verwegeneren Augenaufschlag. Dass sie schon im fünften Modelljahr ist und damit in Autokreisen eigentlich zu den älteren Semestern gehört, vermag sie gekonnt zu kaschieren. Sie weiß um ihre glamourös-betörende Wirkung: kein anderer Kompakter sieht auch nur ansatzweise so sexy aus.

Modebewusste Italienerin

Grundsätzlich wäre Giulietta durchaus auch praktisch talentiert. Als echter Alfa verdreht sie mir jedoch viel lieber den Kopf. Ihre Klapptürgriffe für die Fondtüren sind nahezu unsichtbar und stören die bella figura-Pose aus keinem Blickwinkel: diskret tauchen sie im Bermudadreieck zwischen Fensterausschnitt und C-Säule ab. Es scheint, als wolle die Italienerin aus ihrer Viertürigkeit lieber ein Geheimnis machen, dabei reicht das Platzangebot zumindest theoretisch sogar für eine Kleinfamilie mit Mama, Papa und zwei Bambini samt Wochenendgepäck aus.

Natürlich trägt die modebewusste Italienerin kein x-beliebiges Schuhwerk: eine bremsstaubunempfindliche Leichtmetallradvariante im trendigen Titan-Look zitierte bereits die legendären QV-Modelle, im ausgehtauglichen 18 Zoll-Format. Gut sichtbare feuerrot lackierte Brembo-Faustbremssättel sind das I-Tüpfelchen auf dieser hübschen Komposition. Sie funkeln verheißungsvoll hinter der Felge und lassen sich vermutlich von keiner noch so steilen Alpenpassabfahrt beeindrucken.

Sportliche Talente

Vor unserem Treffen berichtete Giulietta von ihren sportlichen Talenten. In Bestform läuft sie als Topmodell Veloce auf. Geschickt schafft sie es, mit dem aus ihrem Mittelmotorbruder 4C bekannten, 1,8 Liter große Turbo-Motor meinen Puls zusätzlich zu beschleunigen. Mit strammen 240 PS (176kw) und Frontantrieb geht der TBI-Benziner auf unter Vollast auf wie eine Furie, keift energisch aus der serienmäßigen Duplex-Abgasanlage. und taugt als Schrecken teutonischer GTI-Jünger. Ihre Federung agiert trocken wie ein guter toskanischer Rotwein, doch der Lenkung fehlt das letzte Prozentpünktchen an Präzision und Reife, den die jüngere Premium-Konkurrenz mittlerweile bietet. Zwar liessen sich Giuliettas Launen durch den bei Alfa als D.N.A. genannten Fahrerlebnisregler im Untergeschoss der Mittelkonsole nach Gusto zügeln, doch mir wäre ein konstant sportliches-charismatisches Fahrererlebnis persönlich lieber als diese unfreiwillige Wahlpflicht-Prozedur zwischen ECO, AUTO UND FUN via Alu-Kippschalter.

Giuliettas Reize sind ihr zweifellos ausgesucht guter Geschmack, das besondere Ambiente und ihr gewiss vorhandenes sportliches Talent. Reichlich schwarzes Leder mit Kontrastnahteinfassung und Carbonlook-Ziertafeln demonstrieren außerdem, dass die ihr Elternhaus Alfa Romeo es gut mit ihr meint und ein Händchen für gelungene Einrichtungen hat.

Typisch für Italiener ist ihr Verständnis von Sitzergonomie. In Reihe eins sitzt es sich hoch auf dem wohlgeformten Sportgestühl, für nordeuropäische 1,90 0 Meter-Menschen wie mich definitiv eine Idee zu hoch. Besonders auf Langstrecken könnte dies eine ernsthafte Belastungsprobe für Wirbelsäule und Partnerschaft werden.

Den Kopf verdreht

Giulietta mag keine Kritik. Sie entgegnet aufgebracht, sie habe sich mächtig für mich ins Zeug gelegt, könne dank ihrer neuen Acht-Gang-TCT-Doppelkupplungsbox schneller schalten und mit ihrem neuen Uconnect LIVE-Infotainmentsystems und Bosesound an Bord für meine Unterhaltung sorgen. Wobei beim zwei weiteren wunden Punkten wären: das neue Getriebe agiert manchmal etwas unentschlossen und der Touchscreen wirkt fummelig. 6,5 Zoll maximale Displaydiagonale mit dickem Rand sind eher von gestern als von morgen. Sorry kleine Giulietta, ich mag dich wirklich, aber großes Infotainment-Kino sieht anders aus. Da hättest du dich ruhig mehr ins Zeug legen dürfen. Den Kopf hast du mir allerdings auch so verdreht.

Alfa Giulietta Sprint
Baujahr: 1958
Motor: Vierzylinder-Benziner
Hubraum: 1.290 ccm
Leistung: 59 kW (80 PS)
Max. Drehmoment: 102 Nm / 3.500 U/min
Getriebe: Viergang-Schaltgetriebe
Antrieb: Heckantrieb
Länge/Breite/Höhe: 3.90/1.535/1.320 mm
Gewicht: 880 kg
Beschleunigung: 12 sek 0-100 km/h
Top Speed: 165 km/h
Marktwert (2016): 65.000,- Euro

Alfa Giulietta Veloce 1.8 TBI 16 V (Typ 940)
Baujahr: 2016
Motor: Vierzylinder-Turbo-Benziner
Hubraum: 1.742 ccm
Leistung: 177 kW (240 PS)
Max. Drehmoment: 340 Nm / 2.000-4.500 U/min
Getriebe: Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Frontantrieb
Länge/Breite/Höhe: 4.351/1.798/1.465 mm
Gewicht: 1.395 kg
Beschleunigung: 6 sek 0-100 km/h
Top Speed: 244 km/h
Grundpreis (2016): 33.350,- Euro

Text: Lars Jakumeit
Fotos: Lars Jakumeit, Jan Altmann, Hersteller

Perfekt in Form: Die erste Giulietta startete 1954 und wurde der erste Großserienerfolg der feinen Marke. Kein Wunder, denn unter der kompakten Karosserie werkelte für damalige Verhältnisse höchst innovative Techni

Bella macchina: Unter dem Plastikdeckel werkelt ein kerniger 1,75-Liter Turbo-Benziner mit vier Zylindern und 240 PS. An Zeiten charismatischer und gleichsam trinkfester Arese-Sechszylinder mag er nicht anknüpfen


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