Aston Martin DB2/4 vs. Aston Martin One-77 – Martins zwei Gesichter

Aston Martin DB2/4 Hardtop-Coupé Mk. II

Sie können unterschiedlicher nicht sein, die Supercars DB2/4 aus dem Jahr 1957 und der One-77. Aber sie stammen aus einer Schmiede: Aston Martin. TRÄUME WAGEN nahm die beiden Sportwagen an zwei ungewöhnlichen Orten unter die Lupe

Kämpferische Gene

So ein bisschen kriegerisch war Aston Martin ja schon immer. Nicht böse, kein Aggressor, und immer mit dem nötigen und typischen britischen Understatement, aber als David unter lauter Goliaths muss man sich zu wehren wissen. Kein Wunder – schließlich kommt der Name Martin aus dem lateinischen „Martinus“, dem Adjektiv zum römischen Kriegsgott Mars. Entsprechend bedeutet der Name „Sohn des Mars“, „dem Mars geweiht“ oder eben „kriegerisch“.

Ob Lionel das wusste? Der Mann hieß mit Nachnamen Martin, war einer der beiden Gründer der späteren Edelmarke (die zuerst als „Bamford & Martin“ firmierte) und stellte vor seinen Nachnamen die halbe Bezeichnung des Buckinghamshire-Berges Aston Clinton, weil er 1913 auf einem Singer 10 das dortige Bergrennen gewann.

Kämpferische Gene legte sich Aston Martin schon früh zu – alleine die Verteidigung gegen große, starke Konkurrenz kostete die Marke im Laufe ihrer Zeit viel Kraft. Aber eines hat sie sich immer bewahrt: Den Ruf, die schönsten Sportwagen ihrer Zeit zu bauen.

Aston Martin DB2/4 Hardtop-Coupé Mk. II Aston Martin DB2/4 Hardtop-Coupé Mk. II
Das Interieur und die Details sind – wie von einer Luxusmarke zu erwarten ist – extrem edel ausgelegt. Das Kofferraumabteil ist rot lackiert, die Federn der Heckklappenhalterung zeigen Mechanik at its best Das Interieur und die Details sind – wie von einer Luxusmarke zu erwarten ist – extrem edel ausgelegt. Das Kofferraumabteil ist rot lackiert, die Federn der Heckklappenhalterung zeigen Mechanik at its best

Das Interieur und die Details sind – wie von einer Luxusmarke zu erwarten ist – extrem edel ausgelegt. Das Kofferraumabteil ist rot lackiert, die Federn der Heckklappenhalterung zeigen Mechanik at its best

Erstmals mit Heckklappe: Beim DB 2/4 Mark II kommen die Insassen endlich von außen an die Koffer heran. Der Rest des Wagens unterscheidet sich kaum vom Mark I

Erstmals mit Heckklappe: Beim DB 2/4 Mark II kommen die Insassen endlich von außen an die Koffer heran. Der Rest des Wagens unterscheidet sich kaum vom Mark I

Das galt auch 1955, als Aston Martin den DB 2/4 Mark II vorstellte. Ein 2+2-Sitzer mit zwei Türen, wobei hinten wirklich nur genügsame Kinder transportiert werden konnten. Sündhaft schön, sündhaft teuer. Eben genau so, wie der Traktorenhersteller David Brown – seit 1946 Eigner der Marke und deshalb bei den Modellen zu Recht verewigt mit seinen Initialen bis zum DB6 (der DB7 wurde ihm zu Ehren so genannt, er hatte mit dem Wagen nichts mehr zu tun) – sich das vorstellte.

Der Mark II ist im Grunde ein kaum veränderter Mark I, der erstmals am 12. April 1950 als reiner Zweisitzer der Presse vorgestellt wurde. Und der ist der erste Aston Martin, bei dem die bisherige Dreiteilung des Kühlergrills wegfällt. Designer Frank Feeley hatte eine windschnittige Pontonform entworfen, zuerst eingesetzt als Prototypen-Renncoupés bei den 24-Stunden von Le Mans auf Basis des 2-litre Sports. Die Sechszylinder unter den großen Hauben stammten vom Aston-Martin-Techniker W. O. Bentley.

Die Evolution vom Mark I zum Mark II bemerkten nur Insider: Die Kopffreiheit wuchs etwas, das Heck erhielt angedeutete Flossen und die große Fronthaube wurde nun besser fixiert, so dass sie nicht mehr bei der Fahrt klapperte. Und sich verwand. Innen unterstützten die Sitze die Körper besser und die Handbremse wurde so geändert, dass das Berganfahren leichter wurde. Und neben dem Saloon und Drophead-Coupé (Cabriolet) gab es eine neue Karosserieform: Ein Hardtop-Coupé mit Heckklappe – im Mark I konnte der Gepäckraum nur von innen beladen werden. Von den 199 Mark II wurden 34 Hardtop-Coupés und 24 Cabrios gebaut. Die Karosserien lieferte Tickford, die bald da-rauf von Brown geschluckt wurden.

Nur 77 Stück

Der Dreiliter-Motor ist ein Traum. Der schiebt den Wagen mächtig an, und die Piloten finden dank in der Länge verstellbarem Lenkrad und der nun erneuerten Sitze immer eine gute Fahrerposition. Werksfahrer Roy Salvadori gibt 1955 zu Protokoll, dass sich der DB2/4 gutmütig untersteuernd präsentiert und erst dann mit dem Heck nach außen drängt, wenn der Pilot es zu bunt treibt. Zupacken muss er allerdings ständig bei Kupplung, Lenkung und Bremsen – es ist ein Auto für echte Männer.

Das Mark-II-Exemplar, das Steenbuck Automobiles uns zur Verfügung stellte und das wir im künftigen Meilenwerk Hamburg fotografieren können, wurde 1956 gebaut. Es wurde in wunderbares Dunkelrot getaucht und mit schwarzen Speichenfelgen bestückt. Die Instrumente auf dem hölzernen Armaturenbrett ziehen sich herrlich bis in den Beifahrerraum, der Gepäckraum wartet auf Koffer für den großen Trip. Der Preis? Der wird persönlich verhandelt. So ein Auto kommt ja nicht gerade von der Stange.

Unverwechselbar Aston Martin, unverwechselbar Supercar: Der One-77 ist breit, stark, teuer und unvergesslich. Man darf gespannt sein, ob man jemals einen auf der Straße sieht

Unverwechselbar Aston Martin, unverwechselbar Supercar: Der One-77 ist breit, stark, teuer und unvergesslich. Man darf gespannt sein, ob man jemals einen auf der Straße sieht

Luftbremse und Lichtspielereien: Beim One-77 durften sich die Designer und Techniker mal so richtig austoben Luftbremse und Lichtspielereien: Beim One-77 durften sich die Designer und Techniker mal so richtig austoben Luftbremse und Lichtspielereien: Beim One-77 durften sich die Designer und Techniker mal so richtig austoben
Luftbremse und Lichtspielereien: Beim One-77 durften sich die Designer und Techniker mal so richtig austoben

Luftbremse und Lichtspielereien: Beim One-77 durften sich die Designer und Techniker mal so richtig austoben

Das gilt auch für das aktuelle Supercar von Aston Martin. Dass der One-77 stärker, teurer und schneller als der Klassiker ist, mag nicht verwundern – dass er noch seltener als ein DB2/4 Mark II ist, macht ihn zum ebenfalls begehrten Objekt.

Der Name ist Programm: Jeder Kunde erhält einen von 77 Stück. Und weil der 760-PS-Wagen so ungewöhnlich ist wie die Kunden, hat sich Aston Martin auch einen ganz und gar ungewöhnlichen Ort zur Präsentation ausgesucht: die Start- und Landebahn des Spaceport America in New Mexico. Über gut drei Kilometer reihen sich fünf mal fünf Meter große Betonplatten in einer Breite von 60 Metern anei-nander, damit von hier aus die ruhmvolle amerikanische Weltraumfahrt ihren Fortgang nehmen möge: Hier startet Richard Branson mit seinem Spaceship One  bald den privaten Weltraumtourismus.

Schönste Innenräume

Es wird Zeit für einen Ausritt im letzten Vorserienwagen – ans Steuer darf allerdings nur Projektmanager Steve Porritt, der nach eigenen Angaben mehrere 100.000 Kilometer in den diversen Prototypen absolviert hat. „Sonst beschweren sich Kunden, wenn die Presse die Autos vor ihnen fährt“, sagt er. So ein AM-Kunde scheint ein wirklich sensibles Wesen zu sein.

Das Platzangebot ist ausgezeichnet. Zwar muss man sich wegen der geringen Fahrzeughöhe beim Einsteigen etwas biegen, aber nicht – wie bei einigen Konkurrenten – verbiegen. Einmal im gut geformten Schalensitz Platz genommen, kommt GT-Feeling auf – eine sportliche lange Reise bietet sich an. Und das inmitten des typischen Geruchs feinsten Aston-Martin-Leders – wie bei dem kleinen Hersteller üblich, mit absoluter Akkuratesse verarbeitet. Aus zehn gepflegten Kuh-Häuten werden mehr als 100 Einzelstücke geschnitten, von Fachleuten mit filigranen Stichen zusammengenäht.

Endlich gibt Porritt dem Zwölfzylinder die Sporen – Vollgas aus dem Stand. 3,7 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h vergehen viel zu schnell, um die Beschleunigung richtig genießen zu können. Dabei brüllt der One-77 sowohl außen auch als innen wie ein Rudel eifersüchtiger Löwen – mit der sprichwörtlichen britischen Zurückhaltung hat das nichts mehr zu tun.

Aston Martin DB2/4 Hardtop-Coupé Mk. II Aston Martin DB2/4 Hardtop-Coupé Mk. II
Aston Martin DB2/4 Hardtop-Coupé Mk. II

 

Der DB2/4 ist aus jedem Blickwinkel ein Genuss: Besonders die vier riesigen Rundinstrumente auf Echtholz möchte man gerne täglich ansehen

Der DB2/4 ist aus jedem Blickwinkel ein Genuss: Besonders die vier riesigen Rundinstrumente auf Echtholz möchte man gerne täglich ansehen

Mit Schaltwippen rast Porritt durch die sechs Gänge des automatisierten Getriebes, bis die Tachonadel bei 290 km/h steht. Dann muss er schon wieder abbremsen, der Runway ist zu kurz für mehr.  Ein schneller Bogen, schon beginnt die Rückfahrt. Diesmal beschleunigt Porritt ohne Hände am Lenkrad. Der One-77, das weltweit stärkste Straßenauto mit einem Saugmotor, fährt trotzdem stur geradeaus – ein Beweis, wie steif die Carbon-Monocoque-Konstruktion mit den mehr als 3.500 angebauten Carbon-Einzelteilen ist und wie effektiv das für einen Straßenwagen ungewöhnlich befestigte Fahrwerk arbeitet. Es gibt nicht nur die aus dem Rennsport bekannten doppelten Dreieckslenker rundum, sondern ebenso horizontal liegende Stoßdämpfer, so dass eine extrem flache Bauweise möglich ist. Die sind individuell einstellbar, so dass jeder Kunde die für ihn optimale Abstimmung erhält. Im Testwagen hat AM eine komfortable Auslegung gewählt.
Es ist kaum genug Zeit, die Details im Innenraum mit bewundernden Blicken genug zu würdigen. Ein breiter, mit Instrumenten und Schaltern gespickter Mitteltunnel trennt die beiden Insassen, Hochwertigkeit atmet aus jeder Verbindungsnaht. Pro Auto investiert Aston Martin 2.700 Mannstunden, nur 27 Spezialisten haben die 77 Stück zusammengebaut.

Modern, aber stilvoll: Auch das Interieur des One-77 möchte man gerne öfter vor sich haben... Modern, aber stilvoll: Auch das Interieur des One-77 möchte man gerne öfter vor sich haben... Modern, aber stilvoll: Auch das Interieur des One-77 möchte man gerne öfter vor sich haben...

Modern, aber stilvoll: Auch das Interieur des One-77 möchte man gerne öfter vor sich haben…

 

Modern, aber stilvoll: Auch das Interieur des One-77 möchte man gerne öfter vor sich haben... Modern, aber stilvoll: Auch das Interieur des One-77 möchte man gerne öfter vor sich haben...

...so sieht das auch die Witwe des Challenger-Kommandanten June Scobee Rodgers, hier im Gespräch mit dem Autor

…so sieht das auch die Witwe des Challenger-Kommandanten June Scobee Rodgers, hier im Gespräch mit dem Autor

 

Motor, wie hast du dich verändert: oben links der auf einer Bentley-Konstruktion basierende Sechszylinder, unten der von Carbonstreben und liegenden Stoßdämpfern halbverdeckte moderne 7,3-Liter-V12 Motor, wie hast du dich verändert: oben links der auf einer Bentley-Konstruktion basierende Sechszylinder, unten der von Carbonstreben und liegenden Stoßdämpfern halbverdeckte moderne 7,3-Liter-V12
Motor, wie hast du dich verändert: oben links der auf einer Bentley-Konstruktion basierende Sechszylinder, unten der von Carbonstreben und liegenden Stoßdämpfern halbverdeckte moderne 7,3-Liter-V12 Motor, wie hast du dich verändert: oben links der auf einer Bentley-Konstruktion basierende Sechszylinder, unten der von Carbonstreben und liegenden Stoßdämpfern halbverdeckte moderne 7,3-Liter-V12

Motor, wie hast du dich verändert: oben links der auf einer Bentley-Konstruktion basierende Sechszylinder, unten der von Carbonstreben und liegenden Stoßdämpfern halbverdeckte moderne 7,3-Liter-V12

Kraft zum Träumen

„Der One-77 ist der totale Ausdruck für alles, was Aston Martin bedeutet,“ hat uns Chefdesigner Marek Reichmann vor einiger Zeit am Tonmodell erklärt, als wir das erste Mal den One-77 in der AM-Fabrik in Gaydon, England, gesehen haben. Der Wagen – den Rennern aus der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft nachempfunden  – verpasst eine Breite von zwei Metern nur knapp.  Planmäßig, „denn ab genau zwei Metern würde der Wagen als Truck gelten und müsste seitliche Blinker besitzen,“ erklärt Porritt grinsend.

Die auf dem Hochgeschwindigkeitsoval im italienischen Nardo gemessenen 354 km/h Spitzengeschwindigkeit verpassen wir auf dem Runway deutlich – dass der One-77 mehr kann, glauben wir allerdings auch ohne Beweis.

Wer sich noch einen dieser seltenen Aston Martin sichern will, kommt bereits zu spät: Alle Exemplare sind zum Stückpreis von rund 1,4 Millionen Euro bereits verkauft, „gebraucht“ wird der Wagen wahrscheinlich noch teurer. Und eine weitere Auflage wird es nicht geben. Nicht mal als offene Version – der neue Konstruktionsaufwand wäre selbst für so ein hoch gezüchtetes Supercar einfach zu groß.

Wie gut, dass man wenigstens noch klassische Aston Martin bekommt…

Aston Martin DB2/4
Hardtop-Coupé Mk. II

Aston Martin One-77

Motor: Sechszylinder-Reihenmotor V12
Hubraum: 2.922 ccm 7.312 ccm
Leistung: 142 PS 760 PS
max. Drehmoment: k.A. 750 Nm
Getriebe: Viergang-Handschalter automatisiertes Sechsgang-Getriebe
Bremsen: Trommeln rundum innenbelüftete
Carbon-Keramik-Bremsscheiben
Aufbau: Aluminium Carbon-Monocoque mit Alu-Paneelen
Antrieb: Hinterrad Hinterrad
Radstand: 2.511 mm 2.791 mm
Länge/Breite/Höhe: 4.300/1.650/1.360 mm 4.601/1.999,5/1.222 mm
Gewicht: 1.179 kg 1.630 kg
Höchstgeschwindigkeit: 193 km/h 354 km/h
Sprint (0-96 km/h): 9,5 s 3,7 s
Baujahr: Bauzeit 1955 – 1957 2011 bis 2012
Stückzahl: 199, davon 34 Coupés 77
Preis: nach Absprache rund 1.400.000 Euro

Fotos: Löwisch, Aston Martin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code