Mercedes-Benz 280 SL 1971 (W113) – Auszeit mit der Mercedes Pagode

Kennen Sie das Verlangen, dem hektischen Alltagstrouble spontan für einen ganzen Nachmittag zu entfliehen?

Die Lösung für den Hamburger Logistikexperten – nennen wir ihn Dirk – wartet in einer Zeitkapsel in Form eines klassischen Mercedes-Benz 280 SL der Baureihe W113 in seiner Garage. Spätestens wenn das Verdeck geöffnet und die Tür mit einem satten „Plopp“ ins Schloss gefallen ist, beginnt für ihn die Zeitreise: Raus aus dem hektischen Hamburger Großstadtdschungel, an der Elbe entlang und direkt ins norddeutsche Cabriolet-Paradies Altes Land. Zwischen Apfelbäumen, Kanälen und Reetdachhäusern könnte man meinen, die Zeit sei stehen geblieben.

Sympathieträger erster Güte

Die 4,28 Meter lange Karosserie ist Sinnbild purer Cabriolet-Ästhetik und harmoniert perfekt mit der malerischen Kulisse. Sie ist ein zentraler 60er Jahre Baustein des „Nimbus Mercedes-Benz“ und funktioniert als gediegener Sympathieträger erster Güte. Interessierte Autofahrer halten spontan an, steigen aus und zücken ihre Kameras, um das zwischen Apfelbaumreihen geparkte Traumauto abzulichten. Mitten in der Obstblüte strahlt der hochglanzpolierte Lack des SL der dritten Generation mit den Blüten der Apfelbäume um die Wette. Mehr Stil geht nicht.

Schwäbische Gründlichkeit zeichnet die Pagode aus. Wirklich jedes kleinste Details ist stimmig

Aus Rot mach Dunkelblau

Unser Fotomodell ist die späte 280er Topversion der Baureihe aus dem letzten Modelljahr 1971. In ihrer jungfräulichen Anmutung wirkt sie ganz so, als habe sie erst gestern das Werk im Schwabenländle verlassen. Tatsächlich sind die serienmäßigen großen Kopfstützen und das Lenkrad mit Pralltopf unter Kennern ein klares Indiz für die späte Geburt.

Bis vor zehn Jahren trug das offenherzige Schwabenmobil mal verrucht roten Lack. Dann entschied der konservative Besitzer, dass nach der erfolgreichen Blechkernsanierung bei der Firma Scott in Schleswig ein Farbwechsel angebracht sei.

In hanseatisches Dunkelblau gehüllt, kommt die klare Linie aus der Feder des französischen Stardesigner Paul Bracq jetzt betont unaufgeregt rüber, ohne langweilig zu wirken.

Eine gekürzte Heckflosse

Ein SL meint es aber nicht nur gut mit seinen Betrachtern, sondern ganz besonders mit seinen Insassen. Das luxuriöse Interieur schwelgt in tollem cremefarbenem Leder und bildet zusammen mit gediegenen Echtholzeinlagen und blitzendem Chrom einen traumhaften Kontrast zum seriösen Blechkleid. Darunter versteckt sich die S(portlich)L(eicht)-verkürzte Plattform der Heckflossen-Limousine W111. Diese Basis bescherte dem Roadster wegweisende Features wie definierte Knautschzonen und Sicherheitslenksäule.So weit, so gut. Aber wer mag bei diesem Fahrzeug heute freiwillig auch nur an einen simplen Blechschaden denken? Besitzer Dirk sind ehrlich gesagt schon ein paar Regentropfen zu viel…

 Der Kofferraum verdient seinen Namen. Der Verdeckkasten ist – natürlich – voll abgeschottet

 

Abgespecktes Buchhalterflair

Normalerweise lechzen Young- und Oldtimerfans ja nach seltenen und neu ehemals kostspieligen extra Zusatzausstattungen. Nicht so bei diesem Exemplar: Hier fiel die Entscheidung nachträglich sogar zuunsten einer Umrüstung auf 14-Zoll-Stahlfelgen mit originalen Radzierkappen. Ein Hauch bodenständiges Buchhalterflair an der stark designorientierten und dennoch sachlich gebliebenen Ikone SL war früher gar nicht so unüblich, wie es uns die heutigen Ausstattungsorgien auf Oldtimertreffen gerne weismachen wollen. Aber auch ohne Vollausstattung fährt sich der W113 dank Servolenkung, hydraulischer Bremskraftunterstützung und serienmäßigen Gasdruckstoßdämpfern so gar nicht wie ein waschechter Oldtimer der sechziger Jahre, sondern verblüfft mit erstaunlicher Agilität. Ein echter Sportler ist er dennoch nicht – gut bemerkbar, wenn man den Vorgänger gefahren ist.

Der kräftige Reihensechser passt bestens zum Charakter des offenen Gleiters

 

Die kräftige Heizung heizt den Insassen bei Bedarf zusätzlich ein und kompensiert im Nu den einen oder anderen fehlenden Sonnenstrahl. Dazu schützt die Frontscheibe bei Landstraßengeschwindigkeit wirksam vor unerwünschten Windturbulenzen, ohne den Passagieren das Frischluftvergnügen vorzuenthalten.

Gegenläufig gewölbtes Hardtop

Wer wollte und konnte, dem bot die Aufpreisliste bereits Anfang der siebziger Jahre ein kostspieliges und exotisches Spektrum an Extras: Ein fest eingebautes Autotelefon vom Hoflieferanten Becker stand für fast 10.000 D-Mark wohl nur für schwerreiche Stars und Industriebarone zur Auswahl. Das wintertaugliche Hardtopdach für 1.460 D-Mark in Pagodenform hingegen war gleichwohl zweckmäßig und für das Image des Wagens richtungsweisend. Apropos: Die Bezeichnung Pagode ist der Form des gegenläufig gewölbten Dachs geschuldet. Eigentlich ist sie ein feiner Kunstgriff, denn sie sorgt so für etwas mehr Kopffreiheit im knapp geschnittenen Innenraum des flach bauenden Roadsters.


170 PS und 240 Nm zum Gleiten

Der legendäre 2,8-Liter-M110-Doppelnocken-Reihensechszylindermotor stellt die Topmotorisierung innerhalb der Baureihe dar. Er hängt gut am Gas und hat immer genügend Drehmoment auf Lager. Bei Bedarf sind es quicklebendige 170 PS und 240 Newtonmeter. Eine wunderbare Soundorgie lassen die Angst vor Tankstellenbesuchen verfliegen, Pagodefahren ist immer auch ein Ja zur automobilen Unvernunft.

Die schmalen Landstraßen entlang der Elbe sind wie gemacht für eine Pagodentour. Eine Bilderbuchkulisse mit den zahlreichen historischen Fachwerkhöfen und Obstplantagen zieht wie im Film an uns vorbei. Wir atmen noch einmal tief durch und beschließen, dass der Sommer diesmal ewig dauert…

Technische Daten

Mercedes-Benz 280 SL W113 E28
Baujahr: 1971

Motor: Sechszylinder-Reihenmotor
Hubraum: 2.778 ccm
Leistung: 125 kW (170 PS) bei 5.750/min
Max. Drehmoment: 245 Nm bei 4.500/min

Getriebe: Viergang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.285/1.760/1.320 mm
Gewicht: 1.360 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 9,0 Sek.
Top-Speed: 200 km/h

Preis Jan.1971: 26.640,- DM (ohne Hardtop)

Fotos: Salonlöwen

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