Back to the 50s: Chevrolet Styleline Deluxe 1952

Steve McQueen hatte schon immer ein Händchen für Autos. In seinem letzten Film fuhr der „Hunter“ einen quietschgelben Styleline, den er anschließend kaufte. Würde der King of Cool noch leben, hätte er ihn ganz sicher noch in der Garage

Irgendwann brauchst du mehr. Mehr Platz. Mehr Luft. Mehr Retro. Kannst du haben. Wenn dir der Sinn nach gemütlichem Family Cruiser statt hautengem Heißsporn steht: Versuchs mal mit nem Dickschiff von GM, dem 1952er Deluxe zum Beispiel. Es ist schon ein Kreuz mit den Typenbezeichnungen der Amis, erst hieß der Nachkriegsbomber Fleetmaster, ab 1949 Deluxe 2100 mit diversen Buchstabenkürzeln –GK, HK, JK, KK- erst als Woody, dann als Bel Air, wahlweise als Styleline oder Fleetline, ab 1953 nannte er sich Deluxe 210 und ab 1957 Two-Ten. Alles klar? 1957 blickten die Konzernoberen wohl selbst nicht mehr durch und stellten den Deluxe in allen Karosserievarianten – Limo, Kombi, Coupé, Cabrio, Zwei- und Viertürer, fünf bis acht Sitzplätze – ein. Abgelöst wurde er vom Biscayne, aber das lassen wir jetzt mal.

Das Baby von Coast Classics in Estepona ist ein 52er Chevrolet Styleline Deluxe Convertible der ersten Serie, cherryrot lackiert, mit fettem schwarzem Leder, sechs Zylindern und gut dreieinhalb Litern im Kontor. In vier Jahren, von 1949 bis 1952, entstanden 3.756.771 Deluxe, was beweist, dass der Mittelklasse-Chevy Everybody´s Darling war. Erkennbar ist die Chevrolet Deluxe-Version am üppigen Zierrat aus Chrom, was ihn auch deutlich unterscheidet vom günstigeren Chevrolet Spezial 150. Mit seinem gutmütigen Gesicht wirkt er weder angriffslustig noch allzu ambitioniert, alles ist rund, fließend und sozialverträglich. Die Zeit des grenzenlosen Autodesigns spiegelt sich in wuchtigen Stoßstangen und ein paar angedeuteten Zähnen in der Vollchrom-Kühlermaske, die geschmeidige Dachlinie bis zu den hinteren Stoßstangenhörnern wird erst mit aufgezogener Kapuze deutlich, offen wirkt das Cabrio wie mit dem Lineal gezogen, daran ändern auch die schwellenden Kotflügel achtern nichts.

Sobald du den geräumigen Volant mit nahtlos durchgehendem Gestühl enterst, fühlst du dich wie ein Teenager in den Fünfzigern, der sich mal eben Daddy´s Chevy ausleiht, um unterm Neonlicht des nächsten Diners Highschool-Girls in Petticoats aufzureißen. Es umgibt dich Chrom und Leder im Fifties-Flair, das Lenkrad ist spirrlig, aber riesig, das Armaturenbrett gibt sich sympathisch verspielt und liebevoll chromumkränzt. Als Mittelklasse-Fahrzeug hat der Styline natürlich weniger an Features als der luxusverwöhnte US-Car-Driver sonst erwarten kann, aber Teppich, Vinyl und  Leder sind an Bord. Vorne, unter der gewaltigen Haube mit ihrem unfassbaren Rocket Hood-Kühlerschmuck, brummelt unaufdringlich, aber deutlich vernehmbar einer der zuverlässigsten Motoren der Welt: der bewährte 215.6 cui Sechszylinder aus Detroit. 3.547 Kubik, die rund 90 Pferde freisetzen, katapultieren dich nicht gerade in den Olymp, setzen die Fuhre aber zügig in Gang. Das Blech vibriert, die Hinterachse poltert, die Lenkung gibt unverbindliche Empfehlungen, aber wir fahren. Sportlich geht anders, aber es hat ja keiner behauptet, der Styleline wäre eine Rakete, so what.

1950 hatte Chevrolet erstmals das Powerglide System, die Automatik-Schaltung für alle Modelle in Programm. Der Dreistufenautomat bietet verlässlichen Schub, die Servo-Unterstützung vermittelt den typischen Fahrbahnkontakt eines 50er-Jahre-Amis – also eher  keinen –  und arbeitet mit riesigen Lenkwinkeln. Die butterweiche Fahrwerksabstimmung schluckt selbst saftige Schlaglöcher und macht auch nach 65 Jahren wieder mal deutlich, was man unter American Way of Drive versteht. Auf Knopfdruck gleitet das elektrische Verdeck nach hinten und spielt alle Trümpfe des sympathischen Dickschiffs aus: Open-air ohne Limit, Glamour-Faktor, ein Hauch von Hollywood.

In den 50ern passte der Deluxe perfekt vor die weißen Einheitshäuser der amerikanischen Vorstädte. Wie die hölzernen Eigenheime war auch er nicht teuer, machte aber mächtig was her. Er hatte alle Eigenschaften, die man sich von einem modernen Reisewagen wünschen konnte, war die ideale Familienkutsche für die amerikanische Mittelschicht, schön anzusehen und perfekt zum Cruisen. Wer wollte, konnte sich natürlich auch im Styleline von der Masse abheben: Es gab eine endlos lange Liste an Zubehör und unglaublich viele Ein- und Zweifarbvarianten. Mehr als 40 Accessoires standen zur Wahl, darunter das coole Radio mit den Druckknöpfen oder der unverzichtbare Kosmetiktuchspender. Motorraumbeleuchtung, Nebelleuchten, Weißwandreifen und Rückfahrscheinwerfer kosteten extra.

Das kirschrote Wunder von Coast Classics hat zwar keinen Kleenexvorrat, dafür Weißwandreifen, gepflegten Chrom und eine Aura, die selbst die Youngster im Fond nicht kalt lässt. Die Werbestrategen priesen den Styleline seinerzeit als „den verführerischsten Performer im Low-Preis-Segment“ an, als soft, geschmeidig und ausgewogen zugleich. Damit haben sie den Mund nicht zu voll genommen, der wuchtige Cruiser beeindruckt auch mit bald  70 noch gewaltig. Nur das mit dem günstigen Preis stimmt leider nicht mehr so ganz. 61.000 Euro werden für den spanischen Ami aufgerufen. Das ist fast das 40-fache des ursprünglichen Neupreises. Späte Ehre für einen braven Daily Driver.

Text: Marco Wendlandt, Fotos: Nico Meiringer

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