Arbeitstier mit Showcharakter

Früher wurde er mehr benutzt als bewundert, heute ist es umgekehrt: Der vierradgetriebene Chevrolet Apache von 1958 ist für Arbeit eigentlich viel zu schön.

Wir schreiben das Jahr 1958, die Wirtschaftskrise hat die USA voll erwischt. Die Arbeitslosenquote steigt auf mehr als sieben Prozent und die Autoindustrie hat mit den Datsun- und Toyota-Importen zu kämpfen. Auf dem Land jedoch werden die robusten Pick-up benötigt, die nur in den USA hergestellt werden – und zudem ist die Landbevölkerung sehr patriotisch eingestellt. Somit kommt auch kein Auto aus dem fernen Osten auf den Acker.
Für den harten Einsatz auf dem Land bauen Ford, Chrysler und Chevrolet Fahrzeuge mit verschiedenen Ausstattungen in allen erdenklichen Größen, die sich trotz der Krise guter Resonanz bei den Käufern erfreuen. Chevrolet startet mit dieser Serie im Jahr 1955 sein so genanntes “Advance Design” mit moderneren, runden Formen und stattet die Fahrzeuge auf Wunsch mit Servolenkung und servounterstützter Bremse aus. Dazu kommt eine Version mit Allradantrieb, die dann für den besonders harten Einsatz gedacht ist und mit einem Aufpreis von 900 US-Dollar erheblich über dem Preis des 2WD liegt. Egal ob zum Hausbau, das im Schnitt 12.750.- Dollar kostet, oder zum Transport von sperrigen Gütern, Obst, Gemüse und allem, was man von den Plantagen und den Wäldern auf befestigten Untergrund transportieren muss, der Apache macht‘s. So kommt es, dass ganz nach US-Manier viele der ausgemusterten Apaches in irgendwelchen Gärten und auf Wiesen langsam zerfallen oder von den Hillbillies als Zielscheiben für ihre Schießübungen benutzt werden. Somit sind gerade von der 4×4-Version nicht viele erhalten geblieben – und schon gar nicht in perfekt res­tauriertem Zustand wie unser Foto-Exemplar.

Der Erstbesitzer scheint schon 1958 nicht zu den ärmsten Bewohnern seines Dorfes gehört zu haben, denn auf der Bestellliste finden sich damals fast überflüssige Extras wie ein Radio. Aus dem schallte seinerzeit wahrscheinlich hauptsächlich Musik von den Chartstürmern einer neuen Musikära. Angeführt von Elvis Presley, Jerry Lee Lewis und Ricky Nelson, die heute ebensolche Klassiker sind wie der Apache. Nur, dass Letzterer heute noch lebt. In einem Alter von mehr als 50 Jahren war der Zustand des Chevy natürlich nach Jahren harter Arbeit entsprechend einem alten Arbeiter, der seine Rente verdient hat. Doch anstatt ihn auf den Autofriedhof zu verbannen, erhielt der Chevrolet eine aufwändige Frame-off-Restauration. Keine Schraube blieb dabei unberührt, um jegliche mögliche Schwachstelle nach mehr als einem halben Jahrhundert harter Beanspruchung auszuschließen. Der Reihenmotor mit sechs Zylindern ist ein alter Bekannter und wurde in vielen Baureihen verwendet, wodurch sich die Teilebeschaffung recht einfach gestaltete. Auch wenn der 3.900 ccm-Motor mit seinen 140 PS keine Rakete ist, war dennoch eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h machbar. Was jedoch viel wichtiger war ist die Tatsache, dass der Motor auch heute noch als nahezu unverwüstlich gilt und dank seiner einfachen Technik in jeder Werkstatt repariert werden konnte und kann. Über den Kraftstoffverbrauch machte man sich bei 25 Cent per Gallon damals sicherlich weniger Sorgen.

Im Rahmen der Originalrestauration wurden weder die Zündanlage noch der Vergaser auf modernere Komponenten umgerüstet, sondern lediglich überholt und teilweise ausgetauscht.
Größere Probleme beim Restaurieren tauchten, im Gegensatz zum Innenraum und zu den Motor- oder Karosserieteilen, bei dem Fahrwerk und bei den Getrieben auf, so dass viele Teile angefertigt werden mussten oder komplett überholt wurden, da die Teilebeschaffung erheblich schwieriger ist als bei den 2WD-Fahrzeugen.
Zwar war alles funktionsfähig, doch sollte kein Risiko eingegangen werden. Sogar die Typenschilder und Warnhinweise waren bei Chevy noch verfügbar, so dass der Apache in absoluten Neuzustand versetzt werden konnte, was ein Classic-Data-Gutachten mit der Note 1 bestätigt.

Überzeugt hat auch die Fahrt in dem 1958er Chevrolet. Der Motor erwacht mit einem müden Röcheln und dreht mit extrem niedriger Drehzahl im Leerlauf. Die Kupplung erfordert echte Fußballerwaden und sollte aufgrund der fehlenden Synchronisation des ersten Ganges beim Runterschalten zweimal durchgetreten werden. Also Kupplung treten, Leerlauf einlegen, auskuppeln, wieder einkuppeln und Gang einlegen. So war das halt damals. Genau so gemächlich sollte man auch den Rest seiner Fahrt planen, denn dieses Auto wurde nicht für den hektischen Großstadtverkehr geschaffen. Man fühlt sich in dem Apache zwischen den ganzen Fiesta, Polo und anderen Kleinwagen wie bei einem Ritt auf einem Dinosaurier, was durch die Höhe des 4×4-Fahrwerks noch verstärkt wird. Die Insassen ernten auf der anderen Seite jedoch unzählige Blicke der umstehenden Passanten und der anderen Autofahrer, die recht ängstlich die riesige Front des Apache betrachten. Die Rundumsicht ist erstaunlich gut, was auf die bei Chevrolet erstmals verbaute Panoramascheibe zurück zu führen ist. Insgesamt spürt man zwar, dass man mit einem Arbeitsgerät unterwegs ist, zum anderen jedoch klappert und quietscht absolut nichts an dem Apache, der dank Unterbodenschutz und Hohlraumversiegelung sicherlich nochmals 50 Jahre überleben wird. Und wenn das Benzin dann knapp werden sollte, ist er garantiert einer der letzten Dinosaurier. Und bekommt sein Gnadenbrot in einem Automuseum.

 

TECHNISCHE DATEN
Chevrolet Apache 4×4
EZ: 1958
Preis: 27.500,- Euro
Motor: 235 cui (3.900 ccm) 6-Zylinder-Reihe
Leistung: 140 PS
Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h
Kraftstoffart: Benzin
Antrieb: Allrad
Getriebe: 4-Gang-Schaltgetriebe
Radstand: 2.896 mm
Länge: 4.950 mm
Breite: 1.950 mm
Vorderradaufhängung: Starrachse
Hinterradaufhängung: Starrachse
Bereifung: 32×11,5/R15
Felgen: 8×15 Stahl
Classic Data 1 mit Original Bedienungsanleitung und Verkaufprospekt
 
American Machines, Albert-Ziegler-Str. 11, 89537 Giengen a.d. Brenz
Telefon: 07322 – 957 774, www.American-Machines.de, Email: info@american-machines.de

 

Bilder: Frank Sander

2 Gedanken zu “Arbeitstier mit Showcharakter

  1. Hallo liebes Team.
    Mit großem Interesse habe ich den Artikel von Frank Sander gelesen.

    “Arbeitstier mit Showcharakter”
    Text: Frank Sander
    Früher wurde er mehr benutzt als bewundert, heute ist es umgekehrt: Der vierradgetriebene Chevrolet Apache von 1958 ist für Arbeit eigentlich viel zu schön.
    Nach langer Suche ein super Bericht!

    Ich möchte mir einen solchen Wagen als 2WD herrichten.
    Leider habe ich bisher keine Anbieter ausfindig machen können, die Ersatz- und Verschleißteile verkauft und liefert.

    Es wäre mir eine sehr große Hilfe in dem Projekt, wenn sie mir Adressen nennen können.

    Gruß
    Günther

  2. Hallo. Kann man diese US Cars bei ihnen kaufen (z.B.Chevy Apache 1958 ) und in welcher Preisklasse bewegen sich diese Fahrzeuge.

    Gruß

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