Jensen Intercetor II Musclecar im Maßanzug

Einem Jensen Interceptor 2 in freier Wildbahn zu begegnen ist schon fast so unwahrscheinlich, wie einen sibirischen Tiger in Berlin anzutreffen. Uns ist es trotzdem gelungen…

Jensen – bei dem Namen sollten allen Technikfans die Ohren klingeln. War es doch der  britische Kleinserienhersteller, der schon 1966 in seinem FF alle vier Räder serienmäßig antrieb und auch das ABS als erster einsetzte. Beste Vorausetzungen, ein Großer in der Branche zu werden – es sei denn, man ist englisch. Und damit teuer. So fertigte Jensen nur 320 Interceptor FF und versuchte dafür, einfacherere Varianten an den Mann zu bringen. Wie den hinterradgetriebenen Interceptor 2.

Im Gegensatz zu den früheren Fahrzeugen wurde der Interceptor als erstes Auto außerhalb des Unternehmens gezeichnet, und zwar bei Carozzeria Touring in Mailand.  Die Entwürfe des Hausdesigners Eric Neale, die noch 1965 auf der Earls Court Motor Show vorgestellt worden waren, wurden von den Jensen-Brüdern Richard und Alan verworfen. Der Jensen Interceptor 2 sollte ein echter Sporler werden – so entschloss man sich, anstatt des damals recht schwachbrüstigen Austin-Motors auf amerikanische Power zu setzen. Der 6,3-Liter-V8 mit satten 330 SAE-PS stammt von Chrysler und fand ebenfalls im Dodge Charger Verwendung. Im Gegensatz zu den US-Cars versetzte Jensen den Motor weiter hinter die Vorderachse, wodurch der Engländer eine sehr gute Gewichtsverteilung besitzt und in Verbindung mit dem Torqueflite-Automatikgetriebe und der Hinterachse mit einem Powerlock-Sperrdifferenzial eine extrem gute Straßenlage sowie bessere Traktion erhielt.

Trotz der Kraft eines echten Muslecars kommt der Brite dezent und zurückhaltend daher, wie man es von englischen Lords und der feinen adeligen Gesellschaft kennt  – obwohl das Spenderherz ursprünglich für Fahrzeuge gedacht war, die an die etwas lautere Fraktion von Insulanern erinnert, die man immer mal wieder in verschiedenen Urlaubsorten trifft.  So ausgerüstet ist der 1971er Jensen ein echter Grand-Tourisme-Sportwagen mit praktischer Heckklappe und viel Platz für vier Personen. Unseren Jensen spüren wir bei Car Classics Berlin auf, wo uns der Automobilspezialist und das „wandelnde Automobillexikon“ Burkhard Steins auf eine Probefahrt einlädt. Der Experte betont, dass es sich um ein unfallfreies und ungeschweißtes Exemplar dieser seltenen Gattung handelt, das unverständlicherweise immer noch niedriger gehandelt wird als die zigtausendfach produzierten Charger und Challenger mit identischer Motorisierung. Schon als der Wagen das Meilenwerk verlässt, ist am Sound zu erkennen, dass es sich hier nicht um eine zahme Limousine handelt, sondern dass man am Steuer auch erheblich maskuliner wirkende Sportwagen am Auspuff riechen lassen kann. Die Innenraum bietet im Gegensatz zu vielen anderen GT auch groß gewachsenen Fahrern ausreichend Platz und in dem herrlich beglasten Kofferraum kann bei Bedarf mehr als nur Handgepäck verstaut werden – auch wenn die Ladekante ziemlich hoch angesetzt ist. Es riecht nach frischem Leder, was kein Wunder ist – wurde doch das gesamte Interieur mit frischer Kuhhaut bezogen. Nur der Platz fürs Kassettenradio ist nicht besetzt: Car Classics will nun wirklich keinen „modernen LED-Schnickschnack“  einbauen.
Die ersten Meter am Meilenwerk bestehen aus übelstem Kopfsteinpflaster, schon hier kann der Jensen seine ersten Stärken so wie die Qualität der Restauration beweisen.

Da klappert nichts, da rumpelt kein Fahrwerk, der Fahrspaß beginnt gleich nach dem Losfahren. Mit warmem Motor geht es auf die Berliner Stadtautobahn – sofort ist der Engländer in seinem Element. Burkhard Steins als Motorsport erfahrener Gentlemandriver tritt das Pedal auf den Boden, die 518 Newtonmeter des V8-Triebwerks drücken den 1.800 kg schweren Breitensportler vehement nach vorn. Ohne das störende Speed-Limit auf der Avus-Autobahn würde der Jensen bis auf 225 km/h beschleunigen. Der Sprint von null auf die dort erlaubten 100 km/h gelingt in gerade einmal neun Sekunden, was für ein so großes Fahrzeug von 1971 einen beachtlichen Wert darstellt. Das aus Kalifornien stammende Auto verfügt über ein verstärktes Kühlsystem, was nicht nur im Berliner Berufsverkehr von Vorteil ist. Damit nicht nur der Motor, sondern auch der Fahrer einen kühlen Kopf bewahrt, ist der Jensen ab Werk mit einer Klimaanlage ausgerüstet und verfügt zum leichteren Rangieren über eine Servolenkung – zu seiner Zeit keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Und während wir vor dem Olympiastadion so herumkurbeln, um den Wagen für Fotos zu platzieren, entdecken die vielen Touristen den Jensen, lassen auf einmal die olympischen Ringe in Ruhe und genießen Form und Sound des Anglo-Amerikaners. Kaum jemand weiß, um was für ein Auto es sich handelt. Kein Wunder, nur 432 Exemplare unseres Fotomodells sind damals von Hand hergestellt worden, höchstens 300 fahren noch. So schön und edel der Interceptor auch ist – 1976 musste Jensen Motors Konkurs anmelden. Vorher ging die Firma noch eine vom Amerikaner Kjell Qvale eingefädelte Liaison mit Healey ein: Von 1972 bis 1976 entstanden 10.000 Stück des Roadsters. Auch eine Wiederbelebung der Firma durch Keith Rauer und Robin Bowler gut 20 Jahre später klappte nicht – vom 325 PS starken und 70.000 Euro teuren Jensen S-V8 wurden nur gut 30 Exemplare hergestellt.

Neuesten Meldungen zufolge aber soll Jensen Motors wieder einmal eine Chance bekommen. Enthusiasten wollen eine Neuauflage des Klassikers Interceptor mit Corvette-Technik starten und etwa 15 Fahrzeuge pro Jahr fertigen, die allerdings für nicht weniger als 120.000 Euro pro Stück erhältlich sind.

Technische Daten
Jensen Interceptor 2
Erstzulassung: 1971
Kilometerstand: 108.000
Preis: 29.500 €
Motor: 6.300 ccm Chrysler V8

Leistung:

330 SAE-PSDrehmoment:518 NmHöchstgeschwindigkeit:225 km/hBeschleunigung:0-100 km/h in 9 Sek.Kraftstoffart:BenzinAntrieb:HinterradGetriebe:AutomatikGewicht:1.800 kgRadstand:2.670 mmLänge:4.775 mmBreite:1.850  mmHöhe:1.350 mmVorderachse:EinzelradaufhängungHinterachse:StarrachseBereifung:215/70 ZR 15  Car Classics Berlin GmbHWiebestrasse 36-37, 10553 BerlinTel.: 030 – 66 40 40 80E-Mail: info@car-classics.de

Bilder: Frank Sander

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