Lauter tasmanische Teufel

Im letzten Winkel der Erde gibt es tatsächlich noch einen Flecken, wo Helden eine echte Straßenrallye ausfahren können: die Targa Tasmania. Dabei jagen sich Klassiker, Youngtimer und moderne Boliden im Abstand von 30 Sekunden. Porsche ist voll dabei – mit vier Museumsautos und dem besten Rallyefahrer aller Zeiten, Walter Röhrl

Tasmanien für Petrolheads

Es ist April. Also Herbst. Kleine Känguruhs, so dumm wie große Kaninchen, hüpfen in der Dämmerung vors Auto. Im Gras warten Blutegel auf Opfer, die Bäume sind höher als fast alle anderen auf der Welt. Und die Festlandsaustralier sagen, hier gehen die Uhren halb so schnell. Es ist eben alles etwas anders im südlichsten Staat Australiens, der auch noch eine Insel ist: Tasmanien.
Vielleicht ist das der Grund, warum nur hier eine Rallye kreuz und quer über Landstraßen, durch Dörfer, in den Bergen und durch Wälder möglich ist: die Targa Tasmania. Das ist allerdings keine gemütliche Gleichmäßigkeitsprüfung, sondern ein knallhartes, 2.000 Kilometer langes Rennen inklusive 500 Kilometern Sonderprüfungen für straßenzugelassene Autos im Alter vom Anfang des vorigen Jahrhunderts bis hin zur Neuzeit. Und damit keiner auf die Idee kommt, sich dabei ausruhen zu wollen, starten stets die Langsamsten zuerst, immer im 30-Sekunden-Abstand. Druck schafft Entertainment.
Dafür kommen selbst die sonst so geruhsamen “Tassies” aus ihren Farmen, nehmen die Stulle mit aufs Scheunendach, den Treckeranhänger oder an den Weidezaun und beobachten das Spektakel alljährlich mit größtem Interesse. Kein Wunder: Die Raserei findet in einem für Autofahrer sehr restriktiven Land statt, in dem schon eine kleine Tempoüberschreitung mit deftigen Geldstrafen belangt werden kann, einmal Telefonieren ohne Freisprechanlage im Auto umgerechnet rund 130 Euro kostet oder viermal beim Telefonieren erwischt werden innerhalb von drei Jahren den Führerschein in Gefahr bringt.

 

Einmalig: Sportwagen in Sporthalle

Kein Wunder also, dass mehr als 300 Petrolheads ihre mehr oder weniger original belassenen Autos (das Reglement erlaubt eine Menge Modifikationen, so dass  Lamborghini Gallardo Superleggera mal auf geschätzte 600 PS kommen) mal ausfahren wollen, angstfreie Beifahrer auf die linke Seite schnallen (in Aus-     tralien herrscht Linksverkehr!) und wie tollwütige Wallabys über den Asphalt fetzen.
So schön moderne Sportwagen auch sind, das Salz in der tasmanischen Rallyesuppe sind die Old- und Youngtimer der manchmal sehr zusammengewürfelten Klassen wie Vintage Rallye, Legends Competition, Early Classics, Late Classics, Early Modern, 4WD Showroom oder Modern. Das beginnt beim Frontenac Indianapolis von 1920, geht über einen Fiat Abarth von 1955 und endet noch lange nicht beim Renault 5 Turbo 2 aus dem Jahr 1985. Ganz zu Schweigen von den unzähligen 911er-Derivaten aus vier Jahrzehnten. Und Porsche goutiert das Jahr für Jahr mit der Teilnahme von mehreren Klassikern aus dem “Rollenden Museum”. Deren Chef Klaus Bischof ist einer der glühendsten Fans der Targa Tasmania: “Das hier ist eine einmalige Mischung aus Nürburgring, Mille Miglia, Targa Florio und Mugello, wie es früher einmal war,” sagt er.
In diesem Jahr hat er vier Schmuckstücke – jedes ein bis zwei Millionen Euro wert – mitgebracht. Der Grund für den Aufwand: 20 Jahre Targa Tasmania und 60 Jahre Porsche in Australien. So röhren der originale 718 RS 60 Spyder, der 1960 die Targa Florio gewann, der Porsche 908/02 Spyder, der das sizilianische Straßenrennen 1969 für sich entschied und ein 356er mit einem der letzten gebauten königswellenangetriebenen Zweiliter-Carrera-Motoren mit 185 PS durchs Unterholz.

Einmalig: Sportwagen in Sporthalle

Dazu das absolute Rallyehighlight: der restaurierte Porsche 911 SC, mit dem Walter Röhrl vor genau 30 Jahren in San Remo startete und durch Achswellenbruch ausfiel, samt originalem Piloten und originalem Navigator. Der zweifache Rallyeweltmeister, “bester Rallyefahrer aller Zeiten” sowie “Rallyefahrer des Milleniums” Röhrl sowie sein kongenialer Kopilot Christian Geistdörfer geben der Rallye einen internationalen Glanz, den besonders die autoaffinen Downunders zu schätzen wissen. Immerhin sind die beiden 1987 zuletzt eine ernsthafte Rallye zusammen gefahren.
Und jetzt konnte das Trio noch einmal zeigen, zu was es fähig ist.  Bis zum Achswellenbruch des 280 PS starken 911 SC – Duplizität der Ereignisse: Das passierte damals in San Remo auch. Doch Bischoffs Mannschaft flickte das Auto wieder zusammen, lieh sich ein paar fehlende Schrauben von einem ausgeschiedenen Teilnehmer, der seinen 930 aufs Dach gelegt hatte und gerne mit Ersatzteilen aushalf. Und Röhrl, ganz gegen seine Philosophie, setzte sich wieder ans Steuer, obwohl er zwei Sonderprüfungen ausfallen lassen musste. War glücklich, als heftiger Herbstregen einsetzte, und der 65 Jahre alte Profi sieben Sonderprüfungen gewann, während rund andere 20 Piloten ihre Wagen auf Pfützen, nassem Laub oder ausgelaufenem Lkw-Diesel ins Aus schossen.

Hügel macht Flügel

Fast ein tasmanisches Wunder, dass schwere Unfälle nur selten vorkommen. Nur beim Prolog durch die Innenstadt von Georgetown und an einer wirklich kniffligen Stelle dämpfen Heuballen eventuelle Fahrfehler, sonst laden unzählige Bäume, Felsen, Erdwälle und Gräben zu teuren Ausflügen ein. In den Stages durch großzügig gebaute Vororte von Kleinstädten landen schon mal Wagen in den Vorgärten der Einwohner, wie diesmal ein gepimpter Holden SS. Immerhin sind Käfige in den Autos Vorschrift. Allerdings nicht für Porsches Original-Targa-Florio-Renner.
Dass Porsche hier eine Sonderstellung einnimmt, darf nicht verwundern. Denn die Boliden aus Zuffenhausen sind zweifellos die beliebtesten Sportwagen in Aussieland: Nirgendwo verkauft die Porsche AG mehr Top-Modelle wie Turbo, GT2 und GT3 im Modellmix als hier, obwohl bereits ein normaler 911er dank brutaler Luxussteuer in Aus- tralien fast dreimal so teuer ist wie in Deutschland. Immerhin hatte noch bis vor kurzem der Käufer eines allradgetriebenen Turbos aus dem Showroom ohne weitere Bearbeitung des Autos die Chance, die Rallye zu gewinnen.
So nahm zum Beispiel der lokale Überflieger Jim Richards, der bereits acht Mal die Targa Tasmania gewann, diesmal mit einem frisch gekauften GT2 teil, bei dem er nur das Fahrwerk leicht modifiziert hatte. Ihm ist es inzwischen wichtiger, in einem unterlegenen Auto Zweiter oder Dritter zu werden als in einem überlegenen Erster.
Dabei ist außer einer großen “Platte” (so lautet die deutsche Übersetzung des italienischen Wortes “Targa”) als Trophäe nur noch Ruhm und Ehre zu gewinnen – Preisgelder gibt es nicht. Für viele reicht es schon, eine kleine Platte mit nach Hause zu nehmen. Die bekommt jedes Team, das alle 30 Sonderprüfungen innerhalb der vorgegebenen Zeit absolviert hat.
Gesamtsieger wird übrigens ein Nissan GT-R, die Vintage-Klasse kassiert ein Alfa Romeo 6C 2300 Mille Miglia Spyder. In der Late Classic, in der auch Röhrl und Geistdörfer fuhren, gewinnt ein Porsche 911 Carrera von 1974.  Sie selbst schaffen in ihrer Klasse noch den zehnten Platz (in einem Feld von mehr als 80!), im Gesamtklassement landen sie auf Platz 85. “Im Trockenen hatten wir keine Chance,” resümiert der gebürtige Regensburger, “aber bei Nässe haben wir unser Potential genutzt.”

So ist eben doch nicht alles anders am anderen Ende der Welt…

 

Information
Targa Tasmania:
Erstes Rennen: 1991
Dauer: 6 Tage
Gesamtlänge: rund 2.000 Kilometer
Sonderprüfungen: rund 500 Kilometer
Top-Speed: zwischen 250 und 270 km/h bei modernen Autos
Durchschnittstempo: rund 140 km/h
Teilnehmende Autos 2011: mehr als 300
Starterklassen: 7

Bilder: Roland Löwisch, Porsche AG

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