Der Vater aller Minivans

Der Mini allein war schon revolutionär aber als Mini Traveller wurde noch einer obendrauf gesetzt: Vorher hatte es noch niemand gewagt, einen Kleinwagen mit einem Transporter zu kreuzen

Als der Mini im April 1959 der Presse vorgestellt wurde, ahnte niemand, dass dieser Kleinwagen eines der erfolgreichsten Automobile aller Zeiten werden sollte. Bereits im August desselben Jahres lagen bei BMC (British Motor Corporation) tausende von Bestellungen des revolutionären Kleinwagens mit Frontantrieb vor und konnten ausgeliefert werden. Unglaubliche 80 Prozent des Fahrzeugs standen den Passagieren zur Verfügung, was an dem bis dahin nicht praktizierten Konzept mit dem vor der Achse quer eingebauten Motor mit Frontantrieb lag. In der Anfangszeit vertrieb BMC den Mini unter zwei zur Firma gehörenden Brands; als Austin Seven, was an den Kleinwagen aus den 20er und 30er Jahren erinnern sollte und als Morris Mini Minor, woraus sich später die Bezeichnung Mini formte. Mit mehr als fünf Millionen verkauften Fahrzeugen gehört der Mini nicht nur zu den weltweit am meisten verkauften Fahrzeugen, sondern erhielt nach dem Ford T sogar die Auszeichnung als “second most influential car” des 20. Jahrhunderts.

Die Variante Mini Traveller kann auch mit einem Superlativ aufwarten: Sie ist Vater aller Minivans, da das Konzept, einen Kleinwagen mit einem Transporter zu kreuzen, ebenso neu war. Bei Morris wurden allein von dem Traveller 99.000 Stück hergestellt, die  in der Luxusvariante als sogenannte Woodies gebaut wurden. Der Look des Mini mit den Holzbeplankungen im hinteren Bereich erinnerte stark an die US-Vans und den größeren Morris Minor.

Als im Jahr 1962 unser Foto-Traveller vom Band lief, traten in Hamburg vier Briten in einem Musikclub namens Starclub auf: die Beatles. Der Mini Traveller war in den 60ern eher ein praktisches Fahrzeug für kleine Handwerksbetriebe oder wurde von damals noch existierenden Milchfahrern genutzt und war somit eines von vielen Fahrzeugen. Ähnlich ging es der damals noch unbekannten Band, die nahezu jeden Abend in dem Club auftrat und sich den Traveller von ihrer Gage nicht einmal leisten konnte, obwohl er für die vier und ihre Gitarren völlig ausreichend gewesen wäre. Im Gegensatz zu den Jungs mit den eigenartigen Frisuren entwickelte der Traveller sich erst lange nach Produktionsende zu einem Kultauto, von dem es natürlich im Rahmen der Retrowelle im Automobilbau auch eine Neuauflage gibt der hört heute auf den Namen Clubman. Die wahrscheinlich einzige Gemeinsamkeiten sind die Hecktüren und der Name Mini. Was man aber in der Neuauflage sicherlich unverfälschter genießen kann ist die Musik der Beatles, die auch heute noch immer wieder aus den Radios und MP4-Playern des modernen BMW-Minis dringt.

Der Mini in der 1962er Auflage beschränkte sich seinerzeit auf das, was zum Fahren notwendig ist. So wurde das Fahrzeug mit Sitzen ausgeliefert, die heute eher an Campingstühle erinnern, die Scheibenwaschanlage wurde noch manuell bedient und Servolenkung und andere Dinge waren zu der Zeit auch bei anderen Fahrzeugen noch nicht an der Tagesordnung.

Der Charme des Mini ließ schon früher und lässt einen auch heute über einige Dinge hinwegsehen. Gerade in der Luxusversion mit der Holzbeplankung ist der Traveller ein absolutes Highlight. Schon damals dominierte der große Tacho in der Mitte des Armaturenbrettes den Innenraum des Mini. Das relativ flach gestellte Lenkrad erinnerte zu jeder Zeit allerdings eher an einen Truck als an einen Kompaktwagen. Dieses Exemplar steht nach annähernd 50 Jahren in einem tadellosen Zustand auf seinen 10″-Zoll-Rädern und wurde von seinem Vorbesitzer zu einem echten Showobjekt gepimpt, das schon Car Shows gewinnen konnte. Die Stoßstangen sind aus echtem Holz und befinden sich in einem exzellenten Zustand. An der Karosserie sind keine Spuren zu finden, die auf das fast 50-jährige Autoleben schließen lassen könnten. Das Fahrwerk mit den Gummifedern ist allerdings komplett überholt worden.

Um den Mini zu einer absolut einmaligen Rarität zu machen, meinte der Vorbesitzer es scheinbar besonders gut mit seinem Liebling auf vier Rädern und machte ein echtes Goldstück aus dem Woodie. Nach der Restauration wurden diverse Teile an der Außenhaut des Mini vergoldet, was in Verbindung mit der beigen Lackierung und dem Holz gut harmoniert. Selbst der 850 ccm-Motor blieb nicht unangetastet: Er erhielt am Kühler, dem Ventildeckel und den Luftfiltern ebenfalls einen Goldüberzug. Damit jedoch nicht genug, denn die Leistung von 33 kW (45 PS) wurde ebenfalls erhöht, indem der kleine Motor zwei Einzelvergaser sowie einen SC 40-Auspuff erhielt. Bei einem Eigengewicht von nur 650 kg und einem Fahrverhalten, welches einem Kart ähnelt, kann man trotz der bescheidenen Leistung gut im Verkehr mitschwimmen. Der Innenraum wurde bei dem Traveller nicht nur liebevoll restauriert, sondern erhielt im Heckbereich einen Ausbau mit klappbarer Ablage, Schubladen und Seitenkästen, die den Zwerg zu einem echten Raumwunder machen.

Damit ist der Mini genau das, was auch die Beatles aus Liverpool heute noch sind; ein nicht zu ersetzendes Stück Zeitgeschichte, das nach einem halben Jahrhundert noch wertvoller ist als im Geburtsjahr 1962.

Technische Daten
Morris Mini Van
EZ: 11/1962
km: 9.999 seit Restauration
Preis: 19.999 €
Motor: 848 ccm
Leistung : 33 kW (45 PS)
Höchstgeschwindigkeit: 120 km/h
Kraftstoffart: Benzin
Antrieb: Front
Getriebe: 4-Gang-Schaltgetriebe
Gewicht: ca. 650 kg
Radstand: 2.014 mm
Länge: 3.400 mm
Breite: 1.400 mm
Vorderradaufhängung: Gummifedern
Hinterradaufhängung: Gummifedern
Bereifung: 165/70R10
Sonderausstattung: Doppelvergaser, SC40-Auspuff, diverse Teile vergoldet, Innenumbau
Kontakt: www.derfaller.de

Bilder: Frank Sander

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