T1 Oldtimer Alpentour – Red Bulli

Volkswagen feiert 60 Jahre “VW Camper”. Für uns Grund genug, mit einem ganz frühen VW Transporter T1 mit “Camping-Box” -wie unsere Ahnen – über die Alpen zu zuckeln.

Es tut weh. Im Bein und im Kopf.
Im Bein, weil ich seit Stunden das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrete. Und weil es deshalb in einem rechten Winkel ausharren muss, sämtliche Gallertmasse aus dem Knie scheint übers Gaspedal in die Motorenschmierung abgewandert zu sein.

Im Kopf, weil Vollgas bedeutet, das zarte 34-PS-Heckmotörchen bis tief in den letzten  Kolben zu quälen und dabei bis zu 15 Liter Sprit auf 100 Kilometer zu verbrennen. Seit Kehre 8 auf der Großglockner-Hochalpenstraße ist der erste Gang drin, denn sonst würde das Drehmoment nicht reichen. Immerhin gilt es, das rund 1,35 Tonnen schwere Haus auf Rädern samt originalem Westfalia-Anhänger die Serpentinen raufzudrücken. Die Lastwagenfahrer hinter mir rasten langsam aus.

Ach, und ich vergaß zu erwähnen: Das 1962 in Hannover gebaute Auto ist innen nass wie ein begossener Pudel. Es schüttet draußen wie aus Eimern, aber die Safarifenster sind so undicht wie ein durchgerosteter Tank. Die Undichtungen der klappbaren Frontfenster – einst ein teuer erkauftes  Extra und gleichzeitig die schönste Klimaanlage der Welt – lassen das Wasser relativ ungehindert rein. Allerdings tropft es auch noch an anderen Stellen. Armdicke Lappen halten es nicht lange auf – sie saugen sich voll und das Alp(en)traumwetter landet auf den Schuhen.

Sind so unsere Eltern oder Großeltern gereist? Ja, sie sind. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ins gelobte Urlaubsland, nach Italien. Über die Alpen, ohne Brenner-autobahn und Autoreisezug. Haus dabei, drei Mann auf der Sitzbank vorne, vielleicht noch ein zartes Wesen auf dem Einzelsitz zwischen den Küchenmöbeln hinten. Keine Gurte, keine Servohilfen, keine Knautschzonen, aber irgendeinen Italien-Gassenhauer auf den Lippen. Und sie fanden es klasse.

Selbst wenn ich etwas geschimpft habe: Auch ich finde es klasse. So ein Ur-Bulli entschleunigt von 0 auf 100 km/h so sehr, dass er mit Top-Speed 95 diese magische Marke gar nicht erreicht – nur ein Grund, warum bereits nach ein paar Minuten die Alltagshektik vom Vierzylinder-Boxer zermalmt wird. Nicht umsonst habe ich mir das älteste der elf Autos ausgesucht, die mit uns und von VW Nutzfahrzeuge zur Jubiläumstour über Europas höchstes Gebirge geschickt werden. Mit dabei: Ein Samba-Bus, zwei Doppelkabiner (ja, auch auf denen kann man schlafen), ein paar T2 verschiedener Baujahre – aber mein Herz gehört dem Red Bulli. Ursprünglicher Campen geht nicht.

Den T1-Camper hat VW noch gar nicht so lange. Außen aufgehübscht, innen wird er so gelassen, wie er ist. Das Rosshaar guckt an einigen Stellen aus der harten Sitzbank, die so gemütlich ist wie ein Stau zur Rush-Hour. Unsereins sitzt ungemütlich gradrückig, wie auf einer Kirchenbank, und wenn man gleichzeitig Kupplung und Bremse treten muss, sieht es kurz aus wie Anlauf zu einer Yoga-Stellung: Beide Beine hoch, etwas nach außen gewinkelt, um sie dann auf den knapp 20 Zentimeter hoch stehenden Pedalen niederzulassen.

Das Lenkrad hat sogar einen Durchmesser von fast 40 Zentimetern und liegt nahezu flach vor dem Fahrer, der beim Kurbeln oben eigentlich immer den Scheibenrahmen (oder nasse Lappen) berührt. Manchmal, wenn es geradeaus geht, kann man sich wie ein Redner nach vorne auf- stützen, als wolle man anderen schon während der Fahrt erzählen, dass die Neuentdeckung der Langsamkeit keine Schmach ist.

In Kurven kann der T1 nicht wirklich gelenkt, er muss gewuchtet werden. Besonders in den Haarnadelkurven. Dabei führt die Kugelumlauflenkung samt Vorderachse ein seltsames Eigenleben. Kein Wunder, besteht die vordere Radführung doch aus mehr als einem Dutzend beweglichen Teilen – die des Nachfolgers (T2A) hat davon nur noch vier.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Sitzbank überhaupt keinen Seitenhalt bietet. Nach links hält einen die Tür im Auto, nach rechts hoffentlich ein Beifahrer. Hier wird deutlich, dass man – im Gegensatz zu modernen Autos – sich sehr wohl am Lenkrad festhalten muss.

Nach dem Großglockner streikt der gute rote Bulli erstmals: Die Batterie ist so fertig, dass der Wagen keinen Schritt mehr tut. Wie gut, dass ein paar Werkstattwagen der historischen Kolonne folgen. Die hilfreichen Mechaniker darin haben für fast alles Ersatz, was kaputt gehen könnte. Selbst wenn ein Motor hoch geht, stehen am Startpunkt in Aschau zwei Schlachtwagen bereit – in zwei Stunden wäre jeder Liegenbleiber wieder flott.

Und während die guten VW-Geister halb im Motorraum verschwinden, lasse ich mir die Historie der VW-Camper erzählen: Es war 1951, da ließ sich ein findiger Mensch ein paar Möbel und ein Bett von der Firma Westfalia  für seinen ansonsten ausgeräumten Transporter bauen. Ein britischer Offizier wollte auch so was, das war dann die erste wirklich verkaufte “Camping-Box” von Westfalia. 1953 kostet das Sideboard 595 Mark, der Kleiderschrank 125 Mark. Der Badezimmerschrank mit Schüssel und Spiegel kostet 62,50 Mark.

1959 sind bereits 1.000 Camper verkauft. Nur ein Jahr später werden bereits 70 Camper täglich gefertigt. Die meisten Abnehmer sitzen in den USA: Bis zum Produktionsende des T1 werden mehr als 15.000 T1 Camper in die Neue Welt verschifft.

Inzwischen stellt VW selber die kompletten Camper her, die Transporter sind in der fünften Generation angekommen und seit dem ersten T1 bis heute sind von mehr als zehn Millionen gebauten Transportern rund 600.000 als fertige Camper an Reisefans ausgeliefert worden. Bislang war das bestverkaufte Camper-Modell von VW der T2, doch der T5 soll ihn noch einholen – das Geschäft brummt: Ein California hat heute Lieferzeiten bis zu drei Monaten, mit DSG-Getriebe werden es auch mal fünf.

Genug Theorie – die Batterie ist inzwischen gewechselt, die Donor Cars werden nicht benötigt. Zwar sind zwei Kilometer später die Trommelbremsen so fest wie gefrorenes Scheibenwaschwasser, aber in einer Viertelstunde haben die Experten auch die Bremsanlage entlüftet. Das passiert zwar noch öfter und macht sich vor allem dadurch bemerkbar, dass der alte Bulli selbst auf der Ebene schnauft wie ein angestochener Stier in der Arena und das Bremspedal hart wie ein Dolomitenfelsen ist, zum Glück ist es aber jedes Mal reparabel.

Inzwischen scheint auch die Sonne, aus den Polstern verdunstet geruchsintensiv die Feuchtigkeit. Die Kurbelei am Lenkrad wird immer heftiger – die Pässe nehmen kein Ende. Wer braucht da noch Sport – so ein (t)oller VW ist die schönste Muckibude, weil nebenbei noch Palmen und der Gardasee vorbeiziehen.

Aber was wäre eine nachvollzogene Campingreise, wenn man nicht auch eine Nacht in dem fast 50 Jahre alten Auto verbringen würde? Das Bett ist schnell gemacht: Ein paar Polster hinten umbauen, die Lehne der Sitzbank dank zweier einfachster Mechanismen umdrehen und nach vorne klappen. Eigentlich will ich die Beine zwischen den Küchenschränken hinten verstauen, doch der Wagen steht etwas abschüssig – also geht das nicht. Schade ist auch, dass keine Gardinen für die Fahrerkabine dabei sind und eine furchtbar helle Platzlampe auf dem Caravanpark in Sexten-Moos mir ins Gesicht scheint.

Tatsächlich wird die Nacht durchwachsen – irgendwelche Gliedmaßen rutschen immer mal wieder in Polsterritzen, die Temperatur sinkt auf etwa Null Grad – jedenfalls glitzert draußen der Reif.

Die zweite Nacht schlafe ich übrigens zum Vergleich in einem T5 TDI Allrad California, in der ersten Etage auf einer einteiligen, wunderbaren Matratze. Zugegeben: Ich schlafe unterm hochgeklappten Dach perfekt. Die Platzaufteilung ist bis ins Detail durchdacht. Dabei hat ein T1 mit 4,5 Kubikmetern Innenraumplatz nur 0,9 Kubikmeter weniger als der T5. Kurz: Ist der California ein Designerhotel in München, dann ist der Bulli eine dünstende Einsternherberge in der italienischen Provinz. Wobei die einfacheren Dinge aber meist mehr Charme besitzen und günstiger sind: So ist ein gut erhaltener T1 mit Campingausrüstung für rund 40.000 Euro zu haben, der voll ausgestattete T5 mit Allradantrieb, BiTDI-Motor und DSG-7-Gang-Getriebe kostet neu gut 63.000 Euro.
Klar, letzterer ist komfortabel, schnell, modern, zuverlässig. Trotzdem würde ich das nächste Mal wieder um die Schlüssel für den asthmatischen Knuddelbus bitten…

 

TECHNISCHE DATEN
T1 Westfalia SO 32
Motor: luftgekühlter Vierzylinder-Boxer
Kubik: 1.192 ccm
PS: 34
Nm: 82,4
Getriebe: Viergang-Handschalter
L/B/H: 4.290/1.800/1.940 mm (ohne Gepäckträger)
Gewicht: ca. 1.350 Kilo
Radstand: 2.400 mm
Beschleunigung 0 auf 80 km/h: ca. 40 s
Höchstgeschwindigkeit: ca. 95 km/h
Verbrauch: bergauf rund 15 Liter/100 km
Wert heute: in diesem Zustand etwa 40.000 Euro

 

TECHNISCHE DATEN
T5 California BiTDI 4Motion
Motor: wassergekühlter Vierzylinder-Diesel
Kubik: 1.968 ccm
PS: 180
Nm: 400
Getriebe: 7-Gang-DSG
L/B/H: 4.892/1.904/1.830 mm (ohne Aufstelldach)
Gewicht: mind. 2.451 Kilo
Radstand: ab 3.000 mm
Beschleunigung 0 auf 100: 9,0 s
Höchstgeschwindigkeit: 185 km/h
Verbrauch: 8,8 Liter im Mix (Herstellerangabe)
Preis: 63.272,30 Euro
Bilder: Roland Löwisch

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