Vollgas … … eher nicht angesagt

War früher wirklich alles besser? Bei der dritten Rallye ADAC Hamburg Klassik konnte man fast den Eindruck bekommen. Keine Elektronik, dafür Ecken und Kanten, kein sanftes Gleiten über Stock und Stein, dafür Öl- und Benzingestank. Für viele Fahrer ist das aufregender und damit schöner als moderner Komfort

Was ist gelb-schwarz, rauscht durch wie eine Wespe, lässt sich im Gegensatz zu ihr aber dann nie wieder blicken? Ein Porsche 911 S Targa Baujahr 1972 – unser Porsche. Am Lenkrad Peter Oettinger, unterwegs für das AUTO-MOBILES-Team. Dass er allerdings bald nicht mehr gesehen wurde, gehörte nicht zum Plan.
Was war geschehen? War der Wagen nicht ordentlich vorbereitet? Hatte sich ein Elch dem Porsche im Ahrensburger Forst in den Weg gestellt? Oder wurde das Team schon am Anfang der Rallye von einem Käfer abgehängt?
Die Lösung war einfacher:  Nach etwa 20 Kilometern litt der gelbe Ur-Neun­elfer an Zündaussetzern, der Verdacht lag auf der mechanischen Benzineinspritzung. Vor Ort war der Fehler nicht zu beheben und das Team musste die Segel streichen. Schade, denn das Modell ist eine Rarität: Zwischen 1972 und 73 verließen gerade einmal 1.914 Stück das Werk. Befeuert wird das Auto durch den Porsche-eigenen 6-Zylinder-Boxermotor mit 2,4 Litern Hubraum, der – ebenfalls bis heute Neunelfer-typisch – als Heckmotor verbaut wurde. Die eben noch gescholtene Benzineinspritzung verhalf dem damals schnellsten deutschen Serienauto zu einer Spitzengeschwindigkeit von 230 Stundenkilometern.
Das Team wäre die Rallye übrigens liebend gern zu Ende gefahren – neuer Versuch im nächsten Jahr.

Der Verlust war ebenfalls schade für die Zaungäste – obwohl es noch eine Menge anderer interssanter Atuos im Starterfeld gab. Zum Beispiel die Startnummer 3 – ein Opel Kadett C, Baujahr 1974. Das war schon damals eine Heckschleuder, gerne mal durchgerostet und nur mit viel Zureden für eine schnellere Gangart zu begeistern.
Oder die Startnummer 6, ein Ford Escort 1300 GF aus dem Jahr 1968 – ein Wunder, dass der schon früher gescheuchte Wagen im Rallyetrimm heute noch läuft, wo die Karosserie eigentlich weich und krumm sein müsste.
Einen besonderen haben wir noch: Startnummer 25, Jaguar E-Type Baujahr 1968 in knallrot. Die Farbwahl erinnert zwar eher an deutsche Feuerwehr als an british racing, aber dafür begeistert die Formgebung umso mehr, auch wenn der Wagen genau an der Grenze zwischen Serie 1 und 2 liegt. Lärm macht er auch, vielleicht sogar einen wahren Ohrenschmaus, aber um Ecken kann man mit der Raubkatze nun wirklich nicht guten Gewissens fahren. Schaukeln und Spuruntreue reichen sich die Hand – Zuverlässigkeit ebenfalls Fehlanzeige, können die Engländer doch gar nicht, heisst es…

Die ADAC Hamburg Klassik Rallye erfreute sich – wie schon in den vergangenen beiden Jahren – großer Beliebtheit. Das Starterfeld der in “sportliche” und “touristische” Fahrzeuge unterteilten Rallye bestand in diesem Jahr aus 72 historischen Fahrzeugen der Baujahre 1950 bis 1989. Allerdings geht es bei dieser Rallye nicht darum, einfach schnell von A nach B zu gelangen – immerhin lag die angepeilte Durchschnittsgeschwindigkeit bei circa 30 Stundenkilometern. Grundsätzlich werden StVO und StVZO und damit auch die Tempobegrenzungen respektiert. Die Schwierigkeit liegt darin, mit Hilfe des Beifahrers durch den Zeichenwald des Roadbooks die richtige Streckenführung inklusive Kontrollpunkte zu finden. Dass dies nicht immer gleich gelingt versteht sich von selbst. Teilweise muss eine Strecke in einer vorgegebenen Zeit oder mit einer vorgeschriebenen Geschwindigkeit abgefahren werden. Die Rallye zählt als Wertungslauf zum ADAC FIVA Historic Cup 2011.

Die ADAC Hamburg Klassik findet im Norden rund um Ahrensburg statt, geht über eine Distanz von 121 Kilometern bis nach Ratzeburg und zurück nach Ahrensburg. Die Strecke führt über mittlere und kleinste Landstraßen durch das schöne Schleswig-Holstein. Die Veranstalter haben mit Akribie und Geschick Pfade gefunden, die selbst eingefleischte und ortskundige Motorradfahrer in diesem Revier noch nicht entdecken konnten.

Übrigens: Auch die weitere Starterliste liest sich wie ein Autoquartett aus unserer Jugend: Neben unserem gelben waren noch weiteren Porsche 911 (unter anderem auch ein SC mit eigentlich turbotypischem Heckflügel) und sogar ein Ur-Porsche 356 am Start.

Ehemalige Rallyefahrzeuge wie der Opel Kadett C GTE, der Ford Escort 1300 GF oder ein Lancia Delta Integrale HF waren ebenso angetreten wie der Tatra T2-602 aus dem Jahr 1965 Dessen früheres Einsatzgebiet war das Chauffieren von Parteioberen in Deutschlands Osten – der Normalbevölkerung standen solche Fahrzeuge nicht zur Verfügung. Ein weiteres Highlight war eine Göttin, die DS 21 Pallas von Citroën.  Zuschauen reichte völlig, wollte man die weiche französische Aufhängung  erleben – der Aufbau wankte sichtbar von einer Kurve zur nächsten. Doch kaum auf Kopfsteinpflaster angekommen, glitt der Franzose über jede Unebenheit wie eine Sänfte.
Apropos Sänfte: Ein Mercedes-Benz 190 “Ponton” in Blaugrau war auch dabei. Das Fahrwerk ist zwar etwas straffer als beim Citroën, doch legte auch er sich in Schräglage, und vor der nächsten Kurve musste früh genug der Anker geworfen werden, damit der ältere Herr Geschwindigkeit abbaut. Der Zustand des Lackes und des Chroms könnte man ohne weiteres als sehr gepflegt bezeichnen.

Apropos Qualität: Die meisten der Teilnehmer bringen Autos aus dem oberen Regal mit. Das macht Sinn – denn auch wenn die Klassik-Rallye auf den ersten Blick wie eine große Spaßveranstaltung aussieht, sind doch hauptsächlich ein gut vorbereitetes Auto, ein sicherer Fahrer und ein perfekter Navigator und Disziplin von Nöten. Und manchmal auch etwas Spleeningkeit. Wie wunderbar, wenn so etwas Seltsames wie ein Excalibur Phaeton mitfähert. Schon der Name des amerikanischen Retro-Sportwagens verheißt Mächtiges. Der handgefertigte Excalibur Serie IV liefert satte Leistung aus dem 5,0-Liter-Small-Block-Achtzylinder von Chevrolet. Der Excalibur im Design von Vorkriegswagen aus den Zwanzigern und Dreißigern ist eher jenseits des Atlantiks verbreitet – unter Teilnehmern von Oldtimer-Rallyes findet man ihn so gut wie nie.

So kam die Rallye bei den Teilnehmer prächtig an. Und die, die sich beschwerten, taten das grundsätzlich aufgrund ihres eigenen Unvermögens. Nun haben sie fast ein Jahr lang Zeit zum Üben – bis zur Hamburg Classics 2012.

 

 

Bilder: Aepler

Ein Gedanke zu “Vollgas … … eher nicht angesagt

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