Die Maschine und das Mettbrötchen

Es gibt Autos, die bringen einen Menschen dazu, von seltsamen Dingen zu träumen. Der Mercedes 450 SEL 6.9 gehört definitiv dazu. Bei seinem Anblick will man rohes Fleisch, weichen Pelz und harten Alkohol. Und das ist auch gut so.

„Das Ding ist eine Orgie. Guck ihn Dir an.“ Ich stand vor einem silbernen Wagen, neben mir stand Jens. Jens sah unbeeindruckt aus. Ich schob hinterher: „Ein 450 SEL, 6.9 Liter, V8 und 286 PS. Ich möchte kurz auf die Knie sinken.“ Jens schüttelte den Kopf und sah auf die Uhr. Wahrscheinlich überlegte er, wo man jetzt am Besten ein Mettbrötchen herbekommen könnte. Jens ist ein netter Kerl, aber in seiner Dringlichkeits-Skala kommen zuerst Mettbrötchen, als zweites Jever – und dann lange gar nichts. Deswegen interessierte es ihn in diesem Moment nicht wirklich, dass dieses Geschoss von einem steinreichen Typen gekauft worden war, der jeden Ferrari dieser Welt hätte erstehen können und sich doch für diesen silbernen Traum entschieden hatte. Jens schwieg. Vom Reden hält er nicht viel, was ihn wiederum zu einem guten Freund macht.

Ich entschied mich, doch vor dem Wagen in die Knie zu sinken. Ein Hauch von Gunther Sachs, Brigitte Bardot und Helmut Schmidt umweht dieses Auto, es ist schneller als der Schall und bequemer als jeder Frottee-Schlüpper. Motor und Fahrwerk des 450 SEL 6.9 stammen vom legendären 600er-Pullman, von null auf 100 km/h braucht der Mercedes gerade einmal 7,4 Sekunden. Ein Auto, als hätte man Moby Dick verchromt und einen Raketenantrieb eingebaut. Zentralverriegelung, Klimaanlage, elektrische Fensterheber, Scheinwerfer-Waschanlage, das ganze Programm. 1975 kostete er schon eindrucksvolle 69.930 Mark, eine Unmenge Geld in diesen Zeiten. Eigentlich noch immer, wenn man es recht überlegt. Der Benzinverbrauch liegt bei 20 Litern, aber wenn man für diese Maschine brennt, ist das auch egal. Ich überlegte kurz, mir die Haare baguetteblond zu färben, einen schwarzen Nerz um die nackten Schultern zu schwingen und mich auf die Motorhaube zu legen. Ich kann nur erahnen, warum manche Autos dieses Gefühl in einem hervorrufen. Vielleicht ist es der Wahnsinn, der mitschwingt. Damals die Ölkrise, heute der Klimawandel, du darfst nicht tanken und nicht rauchen, musst Rad fahren, schrumpelige Kartoffeln vom Acker nebenan kaufen, für Frauenfußball und gegen Atomstrom sein. Aber dieses Auto ist immun gegen all das, besteht jeden Stresstest durch totale Verweigerung. Eine verchromte Symbiose aus Anarchie und Anachronismus. Dieser Wagen will etwas, gegen jede Vernunft. Das wusste sein Käufer ganz genau. Ich konnte ihn so gut verstehen.

„Jens“, sagte ich zu ihm und stand wieder auf, „Ich habe einen unglaublichen Hunger.“ Das Gesicht meines Freundes hellte sich auf. Und so gingen wir und ließen den silbernen Wahn hinter uns zurück, um einen Schnaps zu trinken. Zum Mettbrötchen, versteht sich.

Ein Gedanke zu “Die Maschine und das Mettbrötchen

  1. Hallo Wiebke, beim stoebern durch deutsche 6.9 Literatur bin ich auf Deinen Blog gestossen. Gratulation – Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen.

    Werde morgen mit meinem Sohnemann von Sydney nach Hobart in Tasmanien fahren und mir einen gut erhalten 6.9 Bj. 80 abholen. Die Entdeckung Tasmaniens, eine Faehrfahrt und 1000km australische Strasse liegen vor uns – der 6.9 wird es wohl mit Ruhe und Gelassenheit meistern.

    Dein Beitrag hat mich bestens auf das erste Roadmovie mit meinem Filius eingestimmt.

    Vielen Dank hierfuer!

    Werde heute Nach von rohem Fleisch und hartem Alkohol traeumen – den Pelz lasse ich aus, da hier gerade Sommer ist 🙂

    Gruss aus Down Under – Rolf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code