Genitales Barock

avatar_6Ein auffälliges Auto, so ein Wiesmann Roadster. Die Fahrzeuge stammen aus einer Manufaktur in Westfalen, zwei Brüder haben sich mit der Firma einen Traum erfüllt – beneidenswert. Aber muss man den Wagen deswegen lieben?

Ein Wiesmann fuhr an mir vorbei. Dunkelblau, das sind sie in dieser Stadt immer. Eigentlich sollte man sich über diese Fahrzeuge freuen. Sie werden von Hand gefertigt, seit 1984 existiert die Schmiede in Dülmen, die Brüder Friedhelm und Martin Wiesmann haben sich mit den Kisten einen Traum erfüllt. Feine Sache das, oder? 1993 kam der erste Wagen auf den Markt, der MF30. Der Motor ein Reihensechszylinder von BMW mit einer Leistung von 231 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h. Beschleunigung von 0 auf 100 in 5,9 Sekunden. Wiegt nur 1000 Kilo. Ein Wiesmann sieht nicht aus wie ein normaler Roadster von der Stange, kein aerodynamischer Einheits-Schlotz, sondern Maßanfertigung aus deutschen Landen. Schließlich nennt sich die Firma auch die „Manufaktur für Individualisten“. Gerade in einer Stadt, in der die Porschedichte schon ins Lästige lappt, ist so ein Wiesmann eine feine Angelegenheit – allein für den Distinktionsgewinn. In dieser Stadt fahren Muttis einen Cayenne, die Vatis einen alten 911er. Wegen des Fahrgefühls natürlich. Die echten Charaktere steigen jedoch in den Wiesmann, mit einem Gecko im Logo, wer hat das schon. Das nennt man Abgrenzung, und so eine Gegenbewegung sollte man ja befürworten. Eigentlich.

Tat ich aber nicht. Man kann mir Sozialneid unterstellen, denn einen Wiesmann werde ich allein schon aus finanziellen Gründen niemals mein eigen nennen können. Unter 100.000 Euro läuft da nichts. Könnte auch daran liegen, dass ich mir für das Geld etwa zehn bis zweiundzwanzig andere Autos kaufen würde, die eindeutig älter, zerschrammelter, wertloser und geschmackloser wären. Leichenwagen. Station Wagons. Ludenmobile. Oldsmobile.

Vielleicht liegt es auch an der Form. Viele Menschen haben eine Schwäche für weiche Formen, für das Geschwungene, das Runde und Nachgiebige. Das finden die meisten elegant, sie kaufen sich Panton-Stühle und Ball Chairs, fahren Käfer und Harley. Ich hab’s gern kantig. Alles mit dem Lineal gezogen, mit Ausbuchtungen so ausufernd wie Nadelstreifen. Dazu erscheint mir der Wiesmann wie ein phallisches Konglomerat, irgendwie sieht er schwülstig aus, ohne wirklich „Porno!“ zu schreien. Genitales Barock. Lauter längliche Dinger zu einem verknetet – mit kleinen Augen drauf. Muss man mögen.

Vielleicht lag es aber an etwas völlig anderem. Denn in jenem Wiesmann in dunkelblau, der an mir vorbeifuhr, befand sich etwas, was mich entschieden irritierte.

Am Rückspiegel des Roadsters schaukelte ein Plüschbärchen. Da war der Ofen bei mir aus.

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