Die Frage aller Fragen

Wer war zuerst da, Henne oder Ei? Geschüttelt oder gerührt? Lieber Mercedes oder doch BMW? Mustang oder Cougar? Es gibt Fragen auf dieser Welt, die sich nur schwerlich beantworten lassen. Und dann war da noch das schwierigste aller Rätsel: Warum interessiert man sich für alte Autos?

Viel Regen fiel, wie immer. Es war ein Donnerstag. Das Glas war noch voll, da schaute mich der Kerl an und stellte die Frage. „Warum interessierst Du Dich eigentlich für alte Autos?“ Ich fror ein. Alles fror ein. Was soll man darauf erwidern? Wahrscheinlich konnte man in diesem Fall nur mit einer Gegenfrage antworten. Die da lautet: „Wie kann man sich NICHT für alte Autos interessieren?“ Danach zieht man langsam sein Feinripp-Unterhemd aus, reibt sich genüsslich mit ein wenig 10W-40 ein, gibt einen Schuss Bleizusatz in den Scotch, lehnt sich zurück, legt seine Füße auf das eine oder andere Ersatzteil und blättert schweigend durch eine Autozeitschrift. Ich sah mich um. Keine Ersatzteile, keine Autozeitschrift.

Ich dachte nach. In Deutschland teilt sich die Gesellschaft in folgende Gruppierungen: Da hätten wir die Kleinfamilien, die sich den Kopf darüber zerbrechen, ob sie sich einen Touran oder Dacia Logan kaufen sollten. Der Verbrauch wird erörtert, der Anschaffungspreis ist ein Dilemma, die Befestigung der Kindersitze ein Thema und die elektronischen Assistenzsysteme wie ABS und ESP, die es gegen Aufpreis zu erstehen gilt. Dazu gesellen sich die Kerle, die sich für einen Audi als Firmenwagen entscheiden – aber bitte nicht zu fett, was sollen denn die Kunden denken. Dann kommen ein paar urbane und finanziell unabhängige Single-Frauen, für die sich die Autofrage auf zwei schnuckelige Alternativen beschränkt: Mini oder Fiat 500? Das wird in sozialen Netzwerken wie Facebook erörtert, weil bei ihnen niemand zuhause auf dem Sofa sitzt, den diese Problematik ernsthaft interessiert. Die graue Restmasse fährt einfach irgendwas, Hauptsache ist doch, es bewegt einen von A nach B, schließlich ist so ein Auto ein Gebrauchsgegenstand und nicht mehr. Fahrbarer Untersatz nennt man das.

Tja, wir befinden uns im Jahre 2011 n. Chr. Ganz Deutschland ist von Neuwagen besetzt… Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Idealisten bevölkerte Gemeinde hört nicht auf, der Automobilindustrie Widerstand zu leisten. Diese wachsende Gemeinde macht sich weder Gedanken um Assistenzsysteme noch um den Verbrauch, denn der ist in den letzten 30 Jahren nicht wirklich gesunken. Der neue Golf verbraucht elf Liter? Sieh an, mein alter Buick auch. Was die Kunden denken, ist ihnen egal, Facebook braucht kein Mensch, und wenn jeder Gebrauchsgegenstand vom Buttermesser bis zum Ringelpulli hässlich sein darf, kann man sich gleich erschießen. Zugegeben: Die spinnen, die Idealisten.

Ja, das konnte man alles anführen, wenn einem diese Frage gestellt wird, warum man sich für alte Autos interessiert. Muss man aber nicht. Ich entschied mich für ein Schulterzucken und eine höfliche Bemerkung über das Wetter.

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