Nimm doch mal die Frau da weg!

Nichts ist faszinierender als der Moment, in dem man ein herrliches Auto entdeckt, dass man niemals zuvor gesehen hat. Der Puls schlägt schneller, die Wangen röten sich. Da soll noch einmal jemand behaupten, Liebe auf den ersten Blick existiert nicht.

„Was ist das denn?“ Ich zeige auf eine Seite. Jens blickt auf. „Das ist eine sehr blonde Frau mit einem Leoparden-Bikini“. Entnervt schnaufe ich. „Nein, ich meine das dahinter.“ Mit dem Zeigefinger tippe ich aufgeregt auf dem Foto herum, mein Herz schlägt bis zum Hals. „Ach, jetzt sehe ich es auch,“ sagt Jens und bestellt noch ein Bier. „Ein Auto.“

Ja, ein Auto, aber was für ein Auto. Ich habe einen Porsche Tapiro entdeckt, ein Prototyp aus dem Jahr 1970. Silbrig, Flügeltüren. Warum setzen die Fotografen immer halbnackte Frauen vor schöne Autos? Wie lästig, dieser Fremdkörper. „Guck Dir das an, Flügeltüren, sogar für den Kofferraum. Über vier Meter lang, das Ding. Ein Traum.“ Ich lese weiter, dass der Wagen auf der Plattform des 914/6er basiert. Ich persönlich halte den 914/6 nicht unbedingt für den hellsten Stern am Firmament der Automobile, aber das nur nebenbei.

Der Tapiro wurde nur einmal gebaut, voll funktionstüchtig. 2,4 Liter, 6 Zylinder-Mittelmotor, enthüllt auf dem Turiner Autosalon. Verkauft hat man ihn später an einen spanischen Industriellen, der den Wagen täglich fuhr. Die Legende besagt, dass der Wagen von streikenden Arbeitern zerstört wurde. Na, wenn das mal so stimmt.

„Und wer hat’s entworfen? Der Giorgio Giugiaro,“ brummel ich vor mich hin und nehme noch einen Schluck aus der Bierflasche. Der Mann ist eine Legende. Gründer der Industriedesignfirma „Italdesign of Turin“. Aus seiner Feder stammt der Golf I und der Alfa Romeo 2000, der Maserati Ghibli und der De Tomaso Mangusta. Für das italienische Designbüro Carrozzeria Ghia entwickelte er die Designstudien Fiat 850 Vanessa, den Oldsmobile Toronado Thor sowie das Isuzu 117 Coupé und den Iso Fidia. Den Scirocco. Den DeLorean. Mehr als 200 Fahrzeuge, und bei den meisten seiner Entwürfe bekomme ich Plüschaugen. Aber den Tapiro, den kannte ich noch nicht. Langsam beruhigt sich meine Atmung wieder. Wie kann es eigentlich sein, dass man einen Wagen erblickt und kaum noch zu halten ist? Muss eines der letzten Geheimnisse dieses Planeten sein – abgesehen von der Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

Naja, denke ich. Immerhin weiß ich jetzt, wie diese ganzen verdammten Blondinen auf die Fotos gekommen sind. Die hat keiner gezwungen. Die waren auch nicht jung und brauchten das Geld. Die haben einfach diese unglaublichen Kisten gesehen, „Lasst mich zu ihm!“ geschrien, sich die Klamotten vom Leib gerissen und an das Metall gewanzt. Vollkontakt, sofort. Ich hätte nichts anderes getan.

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