Beifahrertraining zur ADAC Hamburg Klassik TRÄUME WAGEN Rallye 2012

Einmal noch die Schulbank drücken.

Nach vielen Jahren der erfolgreichen Teilnahme an der ADAC Hamburg Klassik Rallye ist die TRÄUME WAGEN  dieses Jahr Namensgeber und Sponsor der Oldtimerrallye. Auch 2012 schicken wir unsere verwegensten Piloten mit in ein Rennen, bei dem es nicht um Höchstgeschwindigkeiten, sondern um den geschickten Umgang mit den historischen Fahrzeugen geht. Ich hatte geglaubt, das wird eine wunderbare, geschmeidige  Schnitzeljagt. Wie damals auf den Kindergeburtstagen, wir sehen ein bisschen von der Landschaft, haben Spaß, hier und da ist ein Pfeil aufgemalt und am Ende gibt es einen großen Topf voller Naschis. Da eine echte Rallye alles andere als ein Sonntagsausflug ist, sollen wir vorher die Schulbank drücken…

Noch einmal die Schulbank drücken

Noch einmal die Schulbank drücken

Schnitzeljagt sowieso schon mal gar nicht.
Der MSC Trittau e.V. im ADAC hat ins malerische Forsthaus Seebergen bei Lütjensee in Schleswig-Holstein geladen, um den verschiedenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der in diesem Jahr anliegenden Motorsportveranstaltungen einige Einblicke in die Welt der Rallyevokabeln und Rallyeabläufe zu gewähren. Also lasse ich den Samstag Samstag sein, parke mein Auto in bewaldeter Idylle und folge dem Ruf des Seminars. Wenn man die anstürmenden Massen an großen Gänsen und ähnlichem Geschnattere auf dem Fußweg dorthin überlebt hat, sitzt man bei Kaffee und Cola im Hörsaal und fühlt sich ein bisschen wie in den allerbesten Schulzeiten.

Vortrag in Bild und Ton

Vortrag in Bild und Ton

Vorn spricht ein Dozent, ein alter Hase, vor dem man Respekt haben sollte. Statt einer Kreidetafel sehen wir PowerPoint Präsentationen. Und man muss sich auch benehmen und still sein. Denn wir haben es hier auf den Stühlen mit akribischen Piloten und Copiloten zu tun, die ihre Aufgabe sehr ernst nehmen und gewillt sind, der Konkurrenz auch noch auf dem letzten Meter ein paar Millisekunden abzuknöpfen!

Auch Profis sind nicht immer einig

Auch Profis sind nicht immer einig

Erste Stunde: Die Sprache lernen. Mein Glück: Ich sitze zwischen unserer Bente Heyer (Beifahrerin im Mustang Mach 1 vom Chef) und der wunderbaren Alexandra Lier (Speedseekers, 1967er Plymouth Barracuda) und bin somit geflankt von zwei wissbegierigen jungen Damen, fest entschlossen, den Pott zu holen. Doch das scheint gar nicht so einfach, wie ich das immer dachte. Der fröhliche Dozent lässt uns zunächst ein paar Vokabeln aufschreiben, um die “Chinesenzeichen”, also die Streckenangaben im Roadbook, überhaupt richtig deuten zu können. Denn ein Navi nützt auf einer Rallye dieser Art nichts. Der Weg wird ausschließlich von den gedruckten Seiten vorgegeben, und wenn der Beifahrer (in diesem Fall ich) die Angaben nicht richtig liest und dem Fahrer (in diesem Fall Roland Löwisch) die falschen Ansagen macht hat man sich schnell verfahren. Und bekommt sagenhafte Mengen an Strafpunkten, was doof ist, denn das Team mit den meisten Punkten hat verloren.

Physik Mittelstufe

Nach der ersten Doppelstunde Deutsch und Chinesisch haben wir jetzt Mathe und Physik. Hier geht es um die Umrechnung von Durchschnittsgeschwindigkeiten, Streckenlängen und Zeiten, immer fein mit der bekannten Formel für die gleichförmige Bewegung: S=V*t
Kurz nach der Erkenntnis links UND rechts von mir, dass Meter/Sekunde bei einem amerikanischen Meilentacho nicht funktionieren (“OOOH NEIIN da muss ich ja NOCH mehr rechnen!“) spricht sich rum, dass ich vor vielen Jahrzehnten in dem Thema mal ein Staatsexamen gemacht habe. Macht mich das schlauer? Nein. Wir notieren, dass wir Taschenrechner brauchen. Ich fotografiere die Aufgaben und schicke sie als SMS meiner Tochter, die hat das gerade in Physik. Vielleicht kann sie mir da ja helfen…

Das soll ich alles verstehen?

Das soll ich alles verstehen?

Während Schneeweißchen und Rosenrot also mit rauchenden Köpfen auf ihre Taschenrechner eintippen lerne ich ganz neue Schimpfwörter aus der SMS, die meine Tochter mir zurück schreibt. Offensichtlich will sie sich an einem Samstag Vormittag nicht mit Physik befassen. Ich auch nicht. Also kapituliere ich an dieser Stelle, höre aufmerksam dem gestikulierenden Vortragenden zu und beschließe, nach Erhalt des Roadbooks kurz vor der Rallye nochmal meine Formelsammlungen rauszusuchen. Außerdem muss ich noch ein paar Atomuhren, rückwärts zählende Stoppuhren mit Millisekundenskala und GPS-gestützte Radsensoren besorgen, sonst können wir mit den Anwesenden hier nicht im Geringsten mithalten. Mein Magen knurrt wie ein V8. Zeit für ein leckeres Mittagessen!

Mit vollem Bauch rechnet es sich besser

Mit vollem Bauch rechnet es sich besser

Wenn die Rallye so gut organisiert ist wie diese Vorbereitung kann eigentlich nichts passieren. Wer dem MSC Trittau noch immer nicht beigetreten ist kann es spätestens jetzt beim Essen mit den reingereichten Mitgliederformularen tun, alle anderen laben sich an Grünkohl mit Kasseler und Kochwurst oder Kabeljaumedallions. Lecker! Die Große Pause anschließend lädt ein zu einem kleinen Spaziergang um den See, einem entspannenden Vanille-Zigarillo und einem erneuten Survivaltraining mit allerhand großem, krakeelendem Federvieh. Euch werde ich das nächste mal essen, verlasst euch drauf. Ah. Die Schulklingel. Also weiter.

In Theorie und Praxis

In Theorie und Praxis

Am Nachmittag haben wir Erdkunde. Und nun fühlt es sich doch wieder ein bisschen nach Schnitzeljagt an, denn wir müssen den Pfeilen auf den Karten folgen und uns dabei an vorher reingereichte Regeln halten. Nie die selbe Strecke gegenläufig fahren, in Bundesstraßen darf nur nach rechts eingebogen werden und Feldwege spielen nicht mit. Leute, das fordert den Blogger mit dem vollen Magen ganz schön heraus. Aber der Unterricht beginnt zu wirken. Einigermaßen zielstrebig weben sich die Fäden der Erkenntnis zu einem Netz zusammen, das mich glauben lässt, in diesem Sommer tatsächlich den Weg finden zu können. Unterwürfig teile ich Roland Löwisch per SMS mit, dass ich im Juni einen anstrengenden Tag erwarte und frage ihn, ob er seine Atomzeitmesser, Millisekundenstoppuhren und Digital-Rückwärtstimer schon in seinen MG eingebaut hat. Seine Antwort, dass momentan noch nicht mal der Tacho funktioniere lässt eine gewisse Grundentspannung in mir aufkommen. Ich lächel. Vielleicht wird ja doch alles gut.

Qualmende Köpfe

Qualmende Köpfe

Die Herren vom Motorsportclub Trittau haben die Veranstaltung fest im Griff und lassen alle Anwesenden bereitwillig an den Geheimnissen erfolgreicher Rallyepiloten teilhaben. Wir lösen weiter Feld- und Straßenaufgaben, ich ein bisschen schneller als meine Nachbarinnen. Nicht weil ich so ein Wahnsinns-Rallye-Profi bin, sondern weil ich noch ein paar Fotos machen will. Was den aufmerksamen Veranstaltern allerdings nicht entgeht, und da wir mit unserem zeitweiligen Gegiggel und unseren Taschenrechnereskapaden schon vorher für Unruhe gesorgt haben, wird nun an meiner Person ein Exempel statuiert. Ich darf die erste Aufgabe gleich einmal schön mit einem Laserpointer an der Leinwand vortanzen, es wird ruhig und alle Argusaugen blicken mich erwartungsvoll an. Ich denke nur “Es ist das Lichtschwert deines Vaters!” und schlitze Zorro-gleich den rechten Weg in die Präse.

Der lauteste Lästerer darf vorführen...

Der lauteste Lästerer darf vorführen...

And the Oscar goooooes tooooo…… MSC Trittau. Ich danke der Academy. Tanz, setzen, alles falsch gemacht, falsch abgebogen und diverse Regeln nicht befolgt. Mann ist mir das peinlich! Die anderen Jäger der verlorenen Millisekunden haben ein kurzes, unterhaltsames Erfolgserlebnis und ich die Erkenntnis, dass wir vielleicht gar nicht so verkehrt hier sind. Denn ohne die Informationen brauchen wir so eine Veranstaltung gar nicht erst zu beginnen, das geht sowieso in die Hose. Dankbar darum, nicht mit Eselsmütze in die Schmäh-Ecke gestellt worden zu sein (aber ich glaube auch nur, weil ich neben einem Sponsor sitze) gelobe ich weitere Vorbereitung. Das wird wirklich nicht leicht, dann, am 16.06.2012, wenn es von Hamburg nach Kiel kreuz und quer durchs Land geht, minutiös geplant und mit Adleraugen bewertet. Ich muss nochmal mit Roland sprechen. Ich bin ja nur Beifahrer.

http://www.adac-hamburg-klassik.de/

8 Gedanken zu “Beifahrertraining zur ADAC Hamburg Klassik TRÄUME WAGEN Rallye 2012

  1. Ja das ist nett mit den ganzen Zeichen 🙂 Fischgräten, Chinesen und viele Formeln.
    Mit einer Kinderstoppuhr und einem nach dem Mond laufenden Tacho kann man (nur) Spaßrallyes bestehen. Aber die gibt es zum Glück auch und wir standen schon einmal auf dem Treppchen. Bei den anderen kann man die verbissenen Leute mit ihren ganzen Uhren bewundern und sich drüber freuen wenn man wenigstens überhaupt die Strecke und das Ziel findet ;-). Zwischendurch geniest man die Landschaft und wundert sich wieso der rote BMW zum dritten Mal vorbeikommt. Außerdem habe ich auch schon wahre Ehekrisen mit Rallyeabbruch beobachtet 😉 so etwas verbindet lol.
    Bei manchen Oldtimerrallyes sind die modernen Hilfsmittel verboten. Was manche nicht hindert die zu benutzen (die sind ja schon im Auto). Unfair….äh ich gestehe als ich im Halbdunklen nicht mehr weiter wusste habe ich vorsichtig mein Smartphone um Hilfe gefragt räusper…
    Also in dem Sinne viel Spaß 🙂

    • Hey Snoopy,

      ich selbst bin ja auch schon ein paar mal die Hamburg-Berlin Klassik mitgefahren, aber da war der Anspruch tatsächlich ein etwas anderer…. Das weiß ich nun 🙂

      Da ich aber zusammen mit dem großartigen Roland Löwisch in dessen MG unterwegs sein werde (und der ist nun WIRKLICH ein alter Hase) mache ich mir nicht mehr so viele Sorgen. Ich glaube, wir werden auch Spaß haben und nicht nur Uhren lesen. Aber Fotos werde ich da nicht machen können, ich hoffe das übernimmt jemand anderes…….

      Jens

    • Hey Maik,

      die Rallye an sich wird auf jeden Fall Spaß machen, das wird auch noch in Fotos und Texten dokumentiert! Na ja und so eine rein theoretische Vorbereitung macht halt ungefähr so viel Spaß wie ein Schultag. Das war schon okay. Es lässt sich einfach nicht so wahnsinnig viel Entertainment da reinbringen, wenn gelernt werden soll… 😉

      Jens

    • Hey Bronx,

      wie ich gerade schon Maik schrieb… die Gesamtveranstaltung ist super, da freu ich mich echt drauf! Und die Vorbereitung hat schon Sinn gemacht, ich denke mal, dass wir ohne diese Informationen in eine sagenhafte Katastrophe reingefahren werden 🙂 Und das wäre mir vor dem Fahrer sehr unangenehm gewesen…

      Jens

  2. Was mir etwas Kummer macht das einige Veranstaltungen zu teuren Promievents werden.
    Vierstellige Startgebühren, Promis in bereitgestellten (Werks)-Fahrzeugen, Journa.. ähh upps…
    Also ich freue mich das es auch noch feine, kleine Veranstaltungen von örtlichen Motorsportvereinen für Leute wie mich gibt. 🙂

    • Hey Snoopy,

      dann bist du hier ja genau richtig. Ich glaube das Startgeld liegt bei 125 Euro oder so, aber gestern gab es noch genau 6 Tickets zu vergeben…

      Promis in bereitgestellten Werksautos finde ich nicht verwerflich, so sie denn die gesamte Rallye auch mitfahren. Ich erlebte das im vergangenen Jahr mit Til Demtröder und Eve Scheer. Ihr Golf ist mehrfach liegen geblieben, aber sie haben drei Tage durchgezogen 🙂 Das mag ich.
      Und bei den Startgeldern ist ja auch immer die Frage der Gegenleistung. Wenn es vierstellig wird, verdient zumeist jemand gut daran und siebt den Normalverbraucher aus. Klar.

      Jens

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