Ein Jutebeutel voller Träume

Frau 8Viele Autos, viele Kerle, große Augen und kleine Kameras. Auf der 24. Techno-Classica Essen tummeln sich mal wieder die Massen zwischen Mustangs, Maseratis und Minis. Gibt es eigentlich den typischen Messebesucher? Die Antwort lautet: Jein.

 

Ein zum Sterben schöner Ford Shelby GT500 Super Cobra Jet von 1969, auf dem türkisfarbenen Lack spiegelt sich das Licht. Menschen bleiben stehen, zücken ihre Kameras, fahren Stative aus, laufen sich gegenseitig ins Bild, gehen weiter. Ein giftiggrüner Capri, ein umbrafarbener Porsche, ein zum GTO-Coupé umgebauter Midas Mini, ein Cobra auf einem mehrachsigen Citroën. Pins, Aufkleber, Prospekte, Bücher, Ledertaschen, Pflegemittel. Bei Mercedes ein Ur-300 SL von 1952 und ein Rallye-500 SL der Baureihe R 107. Ein paar Hallen weiter ein Horch, endlos lang, schimmernd, blitzend, ein imposantes Ungetüm aus grauer Vorzeit, die Scheinwerfer groß wie Kürbisse. Ein Wust von Ständen und Gängen, sanftes Gedrängel und geduldiges Geschiebe. Über 175.000 Besucher sollen es wohl insgesamt sein.

In den Innenhöfen und Freiflächen reihen sich SLs und Porsche-Modelle in allen Formen und Farben aneinander. Amerikaner. Europäer, Exoten. Hier und da mal ein Käfer, ein Golf oder auch zwei, ein VW Bully, dazwischen ein Rolls-Royce. Ein bisschen verloren sieht er aus, ein wenig verblasst wirkt die Glorie.

Und überall: Männer. Besucher einer Fitnessmesse sehen anders aus, doch das war es auch schon mit allgemeingültigen Aussagen. Auf der Techno Classica in Essen findet sich jede Baureihe der Spezies Mann. Männer mit Schnurris. Männer ohne. Gemütliche Exemplare mit dicken Bäuchen. Sehnige Varianten ohne. Modisch geht alles und nichts. Männer mit Jeans. Bundfaltenhosen. Gebügelte Maßhemden, rote Hosen, ein Sherlock-Holmes-Hut, dazu etwas Tweed und von Hand genähte Schuhe. Männer mit Glatze, Halbglatze, Matte, Strähnchen. Schnösel mit kleinen Tragetüten von Porsche. Holländer. Franzosen. Italiener und Briten. Männer mit einem Bier in der Hand, auf der Zunge ein bisschen Fachjargon, im Schlepptau eine schicksalsergebene Ehefrau. Wer sind diese Kerle? Fahren sie alle einen Oldtimer oder schnüren sie in ihrem acht Jahre alten Mittelklassewagen mit Metalliclackierung durch den Pott? Man weiß es nicht.

Ein älterer Mann schiebt sich durch die Menge, er trägt eine braune Cordhose und eine Strickjacke. Darüber ein Blouson aus besseren Zeiten in einer undefinierbaren Farbe. Um seinen Hals hängt ein zitronengelber Jutebeutel mit Firmenaufdruck, offenbar eine Messe-Trophäe. Keine Frage, der Mann ist ein Relikt und damit so kostbar wie die Oldtimer, an denen er vorbei schlurft. Vielleicht steht vor den Toren der Messehallen sein Kadett, den er seit Jahrzehnten hegt und pflegt. Vielleicht ist er mit dem Bus gekommen. Aber eigentlich ist es egal. Denn der Mann träumt von Autos. Von besseren schlechteren Zeiten, von Beschleunigung, Motoren und Fahrtwind. Wie alle hier.

 

Mehr Impressionen und Eindrücke finden Sie in der nächsten “AUTO MOBILES – TRÄUME WAGEN“. Das Heft Nr. 04/2012  erscheint am Freitag, den 30.03.2012

 

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