Ewig die Schöne – Borgward Isabella Coupe

Vor mehr als 50 Jahren betörte ein Auto aus Bremen sowohl Experten als auch Laien: Das Borgward Isabella Coupé gilt auch noch heute als elegantestes deutsches Nachkriegsauto. Träume Wagen setzte sich an den Bakelitkranz einer solchen vornehmen alten Dame

am012012_7040_borgward_00“Frauen umgeben sich gerne mit den besonderen, persönliche Atmosphäre ausstrahlenden Annehmlichkeiten des Lebens. Sie fühlen sich wohl in einem Coupé, das Eleganz, Temperament, und Sicherheit harmonisch vereint. Formen und Farben begeistern, komfortable Behaglichkeit verwöhnt, Gediegenheit der motorischen Kraft erweckt spontane Sympathie…”
Kaum zu glauben, aber wahr: 1957 hofften die Werbestrategen, mit diesen schwülstigen Sätzen Autos abzusetzen. Am liebsten sogar an Frauen. Da kommen doch tatsächlich Gedanken an “Sekretärinnen-Porsche” auf.

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Graue Eminenz: Die Zweifarben-Lackierung steht der alten Dame ausgezeichnet

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Als Chrom noch Statussymbol war: Isabella-Coupé-Front

Doch das hat das Borgward Isabella Coupé nun wahrlich nicht verdient. Obwohl tatsächlich viel Weiblichkeit in dem Auto steckt: Natürlich erstmal die geschwungenen Formen, diese betörenden Hüften, diese treuen Augen. Und dann der Name: Isabella – die “ewig Schöne”. Ein Name, den der Industrielle Carl Friedrich Wilhelm Borgward persönlich und angeblich spontan den Ingenieuren zurief, als sie ihn fragten, was sie denn auf die Erlkönige schreiben sollten, die zum Test auf die Straße mussten. Nicht auszudenken, wenn ihm “Elfriede” zuerst durch den Kopf geschossen wäre…

So schön die Schöne auch war, für ein Massenauto war sie zu teuer: 10.500,- Mark kostete die Isabella als Coupé, als sie im Januar 1957 auf den Markt kam. Schon bei ihrem Erscheinen war die Fachwelt entzückt von den Proportionen, der Wagen erhöhte das Image des Bremer Autobauers noch einmal. Dabei war das Coupé einst nur gedacht als Spielzeug für die Gemahlin des “Konsuls”, wie sich C.F.W. Borgward gern nennen ließ. Der Patriarch hatte den ersten Wagen bereits 1955 per Hand fertigen lassen. Der Zuspruch von allen Seiten jedoch überzeugte den Mann und so wurde die Ur-Isabella letztlich 9.536 Mal geklont.
Die Technik, das Fahrwerk und der Motor entsprachen genau der normalen Isabella TS, die ebenfalls mit 75 PS daher kam. Auch die Länge war identisch, das Coupé jedoch war 130 Millimeter niedriger und 15 Millimeter breiter.

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Länge läuft: Langgestreckte Designdetails machen den Wagen optisch schnell

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Da war einer stolz auf seine Kreation: Borgward-Schriftzug an der Isabella

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Typische Verzierung der 50er Jahre: Ornamente an der Coupé-Taille

Innen allerdings hatte Borgward den Pseudosportler gegenüber der Limousine kräftig aufgewertet, zum Beispiel durch Holzleisten mit Nussbaumfurnier an den Fenstern. Cremefarbene Funktionstasten waren für die Bedienung von Licht, Scheibenwischer etc. zuständig und mittig angeordnet. Das Armaturenbrett wurde durch goldene Plastikleisten verziert, die dort platzierten zwei (!) Aschenbecher wurden verchromt. Noch im Erscheinungsjahr 1957 wurde eine Scheibenwaschanlage eingeführt.

Unser Exemplar stammt von Schulz Classic aus Gyhum – der Wagen empfängt uns innen mit einem Rot-Flash, das gesteppte Leder blendet fast. Die sehr breiten, aber festen Sessel bieten null Seitenhalt. Das schwarze Bakelit-Lenkrad mit den zwei mal vier Speichen und dem Bremer Stadtwappen in der Mitte möchte arbeiten, wir schwelgen allerdings noch ein bisschen in den wunderbaren Isabella-Details. Wie zum Beispiel den hinteren Ausstellfenstern, der Uhr im Deckel des Handschuhfaches, dem Fußfernlichtschalter oder dem winzig erscheinenden Motörchen unter der langen Motorhaube, wo noch der Knecht-Dampferfilter samt Bedienungsanleitung sitzt: “Nassluftpatrone bei Verschmutzung mit Kraftstoff reinigen, mit Motorenöl benetzen”.

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Luft für die Fondpassagiere: Ausstellfenster von außen

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Einfach, aber wirkungsvoll: Ausstellfenster-Mechanismus

Jetzt wird es aber Zeit für Dynamik: “Diese neue Schöpfung ist ein sportlicher Wagen von wahrhaft mondäner Eleganz…” texteten die Kreativen damals auch, was zu beweisen ist. Zündschlüssel drehen, kleinen Anlasserknopf drücken, und willig springt das 75-PS-Aggregat an. Der Motor mit der Nummer 119066 grummelt vor sich hin, was für unsere verwöhnten Ohren nicht wirklich sportlich wirkt. Ungewöhnlich die verschiedenen Ebenen der hängenden Pedale – das Gaspedal befindet sich recht weit hinten, so dass man immer das ganze rechte Bein bewegen muss, will man bremsen.

Doch so oft kommt Bremsen nicht vor. Erstens, weil man gar nicht bremsen möchte, denn die Beläge machen ihre Arbeit in den Trommeln eher gemütlich denn vertrauensvoll. Außerdem entspricht ein “Sprint” in 19 Sekunden von 0 auf 100 km/h eher dem Temperament einer alten Dame, auch ein Top-Tempo von 150 km/h ist übersichtlich – da ist keine außergewöhnliche Belastung der Maxxis MA-1-Reifen zu befürchten. Ist der Wagen aber erstmal am Gleiten, entfaltet er voll seinen Charme. Das liegt einerseits an dem aufwändigen Fahrwerk und der deswegen wunderbaren Straßenlage, andererseits an dem hochwertigen Finish, der Qualität und der Perfektion ehemaliger deutscher Wertarbeit bei Karosserie und Innenraum. Und kein Augenpaar am Straßenrand, das nicht der ewig Schönen hinterher blickt – allerdings nicht durch Sound oder Tempo aufmerksam geworden, sondern nur durch die noch heute atemberaubende Form.

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Vornehm, aber schlicht: verchromte Radkappe mit Weißwandreifen

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Nicht zu übersehen: Modellbezeichnung am Auto-Heck

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Lady in red: Das rote Leder blendet beinahe und überstrahlt fast das wunderbare Cockpit

Allerdings sind die Gänge im Getriebe schwer zu finden: Es hakelt, was die Lenksäule hält, denn der Schalthebel ist dort angedockt. Immerhin sind alle vier Gänge synchronisiert. Und vom Kraftaufwand beim Rangieren ohne Servolenkung hat damals kein Werbetreibender schwadroniert – das dürfte tatsächlich die eine oder andere zierliche Frau auf Dauer überfordert haben. Trotzdem – 1957 muss klasse gewesen sein…

Bis auf die Preise. Die Kosten für das Coupé kletterten neun Monate nach Einführung bereits auf 10.925,- Mark. Der Preis stieg sogar noch auf 11.725,- Mark bis zum Verkaufsende im Januar 1961. Ohne Sonderwünsche, versteht sich. So blieb die hinreißend Schöne eine Gespielin der Reichen, unerreichbar für die Masse der Käferfahrer. Auch wenn jeder dem Werbespruch von 1957 zustimmen konnte, der eindeutig unter Einfluss des Sputnik-Starts entstand: “Ob auf der Erde, ob im All: Isabella – klarer Fall!”

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Ungewöhnliche Platzierung: Cockpituhr im Deckel des Handschuhfaches

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Fast eine Klaviatur: Schalter und Hebel in der Mitte des Armaturenbrettes

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Nicht wirklich Instrumente für einen Sportwagen – aber trotzdem schön

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Viel Blech und wenig Motor: Der 75 PS starke Vierzylinder verschwindet fast unter dem großen Vorbau. Ohne die heute übliche Deckelung erkennt man gut die einfache Technik und findet noch die Auslieferungsnummer

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Der Wagen bietet erstaunlich viel Platz – auch im Handschuhfach

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Frühe Variabilität: Das Isabella Coupé verfügt über eine Durchlademöglichkeit

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Der flache Kofferraum fasst genug Gepäck für zwei Reisende

57er Borgward Isabella Coupé
Motor: Reihen-Vierzylinder
Hubraum: 1.493 ccm
Leistung: 75 PS bei 5.200/min
Getriebe: Viergang-Schaltgetriebe
Antrieb: Hinterrad
Fahrwerk: vorne Doppel-Querlenker, Schraubenfedern, Stabilisator, hinten Pendelachse, Schubstreben, Schraubenfedern
Bremsen: hydraulische Trommelbremsen rundum
Radstand: 2.600 mm
Länge/Breite/Höhe: 4.390/1.720/1.350 mm
Tank: 40 l
Felgen und Reifen: 4.5 K x 13, 5.90 – 13 Sport
Wendekreis: 11 m
Gewicht: 1.120 kg
Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h
Sprint: 0 – 100 km/h: 19 s
Verbrauch: 9,5 Liter Super
Stückzahl: 9.537
Preis Januar 1957: 10.500,- Mark
Verkaufspreis Dezember 2011: 57.000,- Euro
Bilder: Andreas Aepler

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