Presidential Bubbletop 62er Lincoln Continental

Die Liste der motorisierten US-Präsidentenlimousinen ist lang. Die erste des 19. Jahrhunderts fuhr William McKinley, der 25. Präsident der Vereinigten Staaten. Eine der Schönsten aber ist der Bubble-Top-Lincoln Continental aus dem Jahr 1962

Der 25. Präsident der Vereinigten Staaten, William McKinley, hat keinen großen Einfluß auf die Weltpolitik genommen. Immerhin könnte sein Name denjenigen ein Begriff sein, die sich mit Autos beschäftigen: Er war der erste, der ein Motorfahrzeug benutzte – einen Stanley Steamer. Damit stand er immerhin auf diese Weise immer unter Dampf. Einen solchen Steamer gestand die Regierung dann offiziell McKinleys Nachfolger  Theodore “Teddy” Roosevelt zu. Der erhielt die erste von der Regierung angeschaffte Präsidentenlimousine. Die erste Spezialanfertigung für einen Präsidenten war allerdings ein 39er Lincoln K mit V12, Kosename “Sunshine Special”. Er war von der Karosseriebaufirma Brunn & Company für Roosevelt umgebaut worden, wodurch zu dem ursprünglichen Preis von rund 8.350 Dollar noch mal knapp 5.000 Dollar dazukamen. Aber das Weiße Haus zahlte ja. Und damit der Steuerzahler…

Als erste “Bubbletop”-Präsidentenlimousine erschien ein 50er Lincoln Cosmopolitan im Weißen Haus, der auf Wunsch von Präsident Dwight D. Eisenhower 1954 nachträglich mit einer Plexiglaskuppel ausgerüstet wurde. Ins Rampenlicht fuhren die staatstragenden Autos allerdings erst so richtig mit dem legendären Präsidenten John F. Kennedy. Wenn auch zunächst in dramatischer Weise. Denn JFK, so sein Kürzel, machte sich mit seiner Politik der Erneuerung viele Feinde. Mindestens einer davon trachtete ihm in seiner Bubbletop-Limousine nach dem Leben: Es ist ein 61er Lincoln, der traurige Berühmtheit erlangte, weil Kennedy darin am 22. November 1963 in Dallas erschossen wurde. An dem Tag fuhr der Präsident wegen des guten Wetters ohne das abnehmbare Plexiglasdach. Die wahren Hintergründe des Attentats liegen noch heute im Dunkeln. Die offiziellen Secret-Service-Bezeichnung für dieses Auto lautete SS-100-X, aber es gab noch eine zweite Präsidentenlimousine. Das ist ein 1962er Lincoln Continental, ein Secret-Service-Auto mit der Nummer SS-297-X. Es wurde zwar auch vom Präsidenten, aber mehr noch von seiner Frau Jackie benutzt – auch sie eine Kultfigur und Inbegriff der 60er-Jahre.

Extras
Ursprünglich als Cabrio ausgeliefert, wurde der Wagen von der bekannten Karosseriebaufirma Hess & Eisenhardt aus Cincinnati, die auch schon den SS-100-X umgebaut hatte, mit einem fest montierten Plexiglasdach versehen. Besonderer Gag: Wenn das Vorzeige-Präsidentenpaar sich mal ein paar private Minuten gönnen wollte, konnten sie einen Vinyl-Überzug über das Glasdach spannen lassen – das Auto sah dann aus wie eine normale Vinyldachlimousine. Leider ist dieser Überzug irgendwann verloren gegangen. Ansonsten ist der Wagen wunderbar original erhalten – nur das ursprünglich montierte Funkgerät wurde “aus Sicherheitsgründen” ausgebaut.
Die Ausstattung ist naturgemäß üppig. Neben allen werksmäßigen Extras gibt es eine Trennwand sowie getrennte Klimaanlagen für vorne und hinten – unter dem Bubbletop wurde es bei Sonne mächtig heiß. Praktisch war auch das Autotelefon für die Insassen, dessen Technik den größten Teil des riesigen Kofferraums beanspruchte. Weitere Extras waren Blinklichter und Sirenen – in Amerika absolut unerlässlich. Der Innenraum wurde illuminiert von fluoreszierenden Spotlights, die die Herrschaften anstrahlten, damit das gemeine Volk sie auch bei Dunkelheit gebührend unter der Plexiglaskuppel bewundern konnte. Das war erst recht passend, als der Papst einst mitfuhr.

Eleganz
Nach Kennedys Tod wurde der Wagen von seinen Nachfolgern genutzt und blieb bis 1970 in Dienst. Eigner war immer die Ford Motor Company, das automobile Kunstwerk  war stets nur ans Weiße Haus vermietet worden.
Nach seiner Außerdienststellung ging er als Stiftung an das Ford Motor Museum in Detroit. 1985 wurde er dann von der berühmten Imperial Palace Collection in Las Vegas gekauft und dort ausgestellt, ehe er 2005 von der Firma RM Auctions für 632.500 Dollar an den privaten Sammler John M. O’Quinn versteigert wurde. 2011 gelangte er wieder bei RM zur Versteigerung, erzielte aber diesmal “nur”  429.000, Dollar, trotz des Schätzwertes von 500.000 bis 750.000 Dollar.

Der Tacho dokumentiert 15.276 gefahrene Meilen, wobei der Wagen an Bord diverser Flugzeuge eine wesentlich größere Strecke zurückgelegt haben dürfte, denn zu den jeweiligen Paraden wurde er geflogen. Entsprechend ist er in einem perfekten Originalzustand, immer gepflegt, gewartet und nur per Hand gewaschen. Dass die Limousine den Namen “Continental” trug, ist eine Geschichte für sich. Die Bezeichnung stammt ursprünglich aus dem Englischen und bedeutete “der Rest von Europa”. Da die Amis es aber noch nie so genau mit der Geografie nahmen, stand es bei der Ford-Tochter Lincoln für “das alte Europa”, meist im Sinne von “europäische Eleganz”.

Der erste Lincoln Continental war eigentlich eine Einzelanfertigung für den damaligen Konzernchef Edsel Ford. Doch sie kam in der Öffentlichkeit so gut an, dass der Wagen ab 1939 in Serie gebaut wurde. Die Bezeichnung “Continental Kit” für ein im Heck stehendes Reserverad – in den 50er-Jahren ein Renner im Zubehörhandel – geht auf diesen ersten Lincoln Continental zurück. Die erstmalig kleinere und selbsttragende Lincoln-Generation ab 1961, für die auch die “Jackie”-Limousine steht, war eine radikale Abkehr von der 50er-Jahre-Optik. Eigentlich war das Design aus den Händen des späteren Chrysler-Chefdesigners Elwood Engel für den neuen Thunderbird gedacht, aber auf Geheiß von Robert McNamara – der erste Ford-Chef, der nicht aus der Familie stammte – wurde es für den Lincoln modifiziert. Dabei wurde der Radstand verlängert und zwei zusätzliche Türen eingefügt. Dass diese gegenläufig öffneten, war kein Stylinggag, sondern geschah aus der Not: Normale Türen hätten bei dem trotz der Verlängerung immer noch recht kompakten Radstand von 3,12 Meter nicht genügend Platz zum angemessenen Einsteigen geboten…

TECHNISCHE DATEN
Lincoln Continental Präsidentenlimousine SS-297-S 1962
Motor: Grauguss-V8, zentrale Nockenwelle
Verdichtung: 10:1
Bohrung x Hub: 109,2 x 94 mm
Hubraum: 430 ci (ca. 7 l)
Leistung: 300 PS bei 4.100/min
Drehmoment: 630 Nm bei 2.100/min
Gemischaufbereitung: Doppelvergaser Carter
Antrieb: Hinterrad
Kraftübertragung: Dreigangautomatik “Twin-Range Turbo Drive”
Vorderradaufhängung: Doppelte Dreieckslenker, Schraubenfedern
Hinterradaufhängung: Starrachse, Blattfedern
Bremsen: Trommelbremsen rundum, Unterdruck-Servo
Länge, Breite, Höhe: 5,21/1,93/1,38 m (Serienmodell Cabrio)
Radstand: 3,12 m
Leergewicht: 2.365 kg (Serienmodell Cabrio)
Tankinhalt: 79 l
Reifen: 9 x 14
Stückzahl: 3.212 (Serienmodell Cabrio)
Neupreis 1962: $ 6.720 (Serienmodell Cabrio)
Infos: RM Auctions, www.rmauctions.com

 

Bilder: Darin Schnabel Courtesy of RM Auctions, Archiv

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