Der große Bruder von Kapitän und Admiral … Opel Diplomat

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Immer gut gereist auf Opel Diplomat – mit dem beigen Koffer kam der Vater einst von Italien nach Deutschland

Der Opel Diplomat ist ein echtes Familienauto. Modellpolitisch ist er der große Bruder von Kapitän und Admiral. In seiner Freizeit nutzt Jens Dell`Ali seinen 66er für Club- und Familien-Ausflüge. Und dank des Vaters hat er einen besonderen Draht zum großen V8 aus Rüsselsheim…

Diplomat – was für ein Name. Das klingt nach der weiten Welt, nach Ausgleich, nach Frieden. Opel-intern gehörte der große Wagen zur so genannten KAD-Gruppe: Kapitän, Admiral, Diplomat. Wie trocken und verwalterisch.

Bevor wir den prächtigen Wagen des Opel-Klassiker-Fans Jens Dell´Ali entern, müssen wir allerdings ein bisschen in die Historie der KAD einsteigen. Denn nur aus dem Zusammenhang wird klar, wieso Opel den großen Wagen überhaupt auflegte: Nachdem der Opel-Konzern im Nachkriegsdeutschland mit Hilfe der starken Mutter General Motors einen respektablen Start hingelegt hatte, war die AG mit Kadett, Rekord und Kapitän Anfang der 60er Jahre sehr erfolgreich in punkto Produktion und Absatz. Der neue Rekord jedoch war in seinen Abmessungen nah am Kapitän, der dazu mit seiner Panorama-Scheibe eher das veraltete Design der Fünfziger Jahre verkörperte.

Eine “kleine” Landpartie
Die wachsende Gutverdiener-Schicht im aufstrebenden Deutschland der Sechziger Jahre erwartete von ihrer seinerzeit hoch geschätzten Rüsselsheimer Automarke neue, elegante Karossen, mehr Motorkraft und vor allem Komfort. Opel war seinerzeit also weder besonders sportlich noch luxuriös im Markt platziert. Hinzu kam die ewige Vorherrschaft von Mercedes in der Oberklasse, die sie unangefochten und staatstragend mit ihrem 600er-Modell regierten.

Diese Marktsituation führte ab Februar 1964 zum Bau der neuen Opel-Oberklasse-Limousine Kapitän, dessen großvolumige Linienführung amerikanischer nicht hätte sein können. Der Reihensechszylinder mit 2,6 Litern Hubraum und gerade mal 100 PS brachte das Dickschiff über handgeschaltete vier Gänge zunächst auch nur auf 155 km/h Endgeschwindigkeit.

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Schöne Landschaften in Schleswig-Holstein laden zum Familienausflug ein. Dell`Ali genießt es mit Frau Tanja und Töchtern Liza und Lucia – dann aber schnell zurück in den warmen Diplomat…

Doch Opel dachte weiter. Statt einer erneuten Kapitän-L-Variante machte man “in Familie” und stellte dem Kapitän den identisch motorisierten Admiral an die Seite, äußerlich zu unterscheiden am Gitterfrontgrill und mehr Zierleisten-Chrom. Im Innenraum gab nur geringe Upgrades. Trotzdem wurde der Admiral mit 55.876 Exemplaren mehr als doppelt so häufig verkauft wie der Kapitän (24.871 Stück) und ist damit das meist gekaufte Modell der KAD A-Baureihe.

Dass den Kunden für beide Modelle ab September 1965 ein deutlich verbesserter 2,8-Liter-Sechszylinder zur Auswahl stand, war unumgänglich bei den geringen Leistungen der 2,6-Liter-Maschine. Der 2,8er leistete zeitgemäße 125 PS, was für ein Spitzentempo von 170 km/h reichte. Da brachte auch die Option wenig, ab Anfang 1965 den 4,6-Liter-V8 für Kapitän (113 Stück) und Admiral (623 Stück) ordern zu können.

Und Opel wollte noch mehr. Im Februar 1964 wurde das dritte und prächtigste Kind im KAD-Familienverbund präsentiert: Der Diplomat – eine bis dato noch nicht verwendete Modell-Bezeichnung. Das klang global, und das sollte es auch. Denn diese in fast allen Wesensmerkmalen als Oberklasse auftretende Limousine sollte das Top-Modell des Opel-Konzerns sein.

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Erstmalig seit 1928 – damals im Modell Regent – wurde damit wieder ein Achtzylinder in einem Opel verbaut, genau genommen ein V8 mit 4,63 Litern Hubraum und 190 PS. Der stammte ganz unsentimental und unmodifiziert aus dem Chevy-Regal. Dazu gab es ein Chevy-Powerglide-Zweigang-Automatik-Getriebe. Bieder, aber funktionell und solide.

Der Diplomat war in Optik und Ausstattung nun deutlich von seinen beiden kleinen Brüdern zu unterscheiden – auf den ersten Blick zunächst hauptsächlich wegen des serienmäßigen, stylischen Vinyldaches (welches man zu aller Verwirrung dann allerdings auch für Kapitän und Admiral bestellen konnte). Dieses Designmerkmal war sehr amerikanisch und in Deutschland einerseits durch Opel selbst, andererseits aber auch durch Konkurrent Ford beliebt geworden. Außerdem gab es 15-Zöller mit Chromkappen und die Embleme “V8 Diplomat” an Front und Heck – man zeigte nun gerne, was man hatte.

Die Doppelrohr-Auspuffanlage mit relativ dünnen Endrohren machte einigermaßen Sound oder zumindest einen gewünschten, potenten Eindruck. Von 210 km/h Höchstgeschwindigkeit wurde gerne gemunkelt – was nicht ganz stimmte. Doch die prestige- trächtige 200 km/h-Schall- mauer wurde offiziell erreicht.

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Gediegene Atmosphäre im Innenraum mit patinierten Ledersitzen. Lediglich das Holz-Dekor wurde erneuert samt Automatik-Gurten wegen der Kinder – macht Sinn

Dazu kamen große innere Werte: eine aus heutiger Sicht urgemütliche Innenausstattung mit rundum Echtholz-Dekor, bequemem Polster-Gestühl, Teppichen (im Kapitän gab es nur Gummi-Matten), breiter Mittelkonsole mit gediegenem Automatik-Wählhebel und vielen weiteren serienmäßigen Details wie rundum automatische Fensterheber.

In den fast Filmszenen-ähnlichen Foto-Prospekten und Anzeigenmotiven des Diplomat wurden Bilder von elitärem Wohlstand und einer Männlichkeit à la Sean Connery vermittelt – herrlich. Doch mit der Herrlichkeit des Standard-Chevy-Smallblocks war es auf der German Autobahn recht schnell vorbei. Die “kleinen” Motoren überhitzten schnell, da sie für die typisch deutschen Vollgas-Fahrten nicht konstruiert worden waren.

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Walzen-Bandtacho und Automatik-Wählhebel auf breiter Holz-Mittelkonsole – 1964 “state of the art”

Die Lösung? Simpel. Denn Chevrolet war mit dem ersten ureigenen amerikanischen Sportwagen, der Corvette, erfolgreich unter Vollgas auf der Rennstrecke unterwegs. Beim 5,4-Liter-V8 aus der damaligen C2-Corvette gab es deshalb auch keinerlei thermische Probleme. Das wußte Opel bereits aus eigener Erfahrung, denn dieser Motor lief in Deutschland bereits erfolgreich im heute äußerst seltenen Kleinserien-Diplomat A Coupé. Der 5,4-Liter-“Big Block” genannte V8 brachte 230 PS und damit zwar nur 206 km/h Spitze –  das dafür aber sehr solide und ohne die erwähnten Thermik-Probleme des 4,6-Liters.

Ein stolzes Flaggschiff, der 5,4-Liter-Diplomat, mit bis 250 km/h reichendem Tacho und fetten “5,4”-Emblemen. Opel-stur – anders kann man das nicht nennen – blieben die Rüsselsheimer bei der GM-Zweigang-Automatik. Diese bewirkte aber zumindest, dass der Sprint von Null auf Hundert komplett im ersten Gang und damit unter zehn Sekunden erledigt wurde, was für das gut 1,6-Tonnen-Dickschiff vor bald 50 Jahren ein sehr respektabler Wert war.

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Der Fotostil der Verkaufs-Hilfen zeigt Noblesse – das Motiv mit Dell`Alis Diplomat an der alten Tanke von 2010 kam in einen Kalender

Trotzdem wurden von dem   Diplomat 5,4 ab September 1966 nur 330 Stück gebaut, was Matching-Numbers-Originale heute verständlicherweise  sehr selten macht. Vom Opel Diplomat V8 4,6 Liter wurden dagegen von Juni 1964 bis September oder November  (je nach Quelle) des Jahres 1968 immerhin 8.518 Stück gefertigt.aInsgesamt ist der Diplomat mit seinen Geschwistern Kapitän und Admiral dank der schier unendlichen Bestell-Optionen innerhalb der KAD-Baureihe eine wunderbar inzestuöse Sippschaft. Die nahezu frei kombinierbaren Details (Vinyldach, Motoren, Felgen) samt späteren Umbauten machen es heute schwer, wirklich originale Autos zu finden.

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Das Vinyldach läuft schön geschwungen an der C-Säule aus, das Dreiecksfenster ist zeittypisch und praktisch

Jens Dell´Ali hatte Glück. Das Blech seines Diplomat A 4,6 V8, mit dem wir durch die Gegend cruisen dürfen, wurde von dem Erstbesitzer, einem Ingenieur, schon in den Sechzigern konserviert. Eine Tat, für die man fast das Bundesverdienstkreuz vergeben müsste, so vorausschauend und zukunftsweisend war dies damals.aDell´Alis Historie spannt einen ähnlichen Bogen wie die Historie der KAD A-Baureihe. Viele Oldtimer-Liebhaber besitzen naturgemäß die automobilen Vorbilder aus der Zeit ihrer Väter. So auch Jens Dell´Ali. Sein italienischer Vater kam – nur mit dem Reisekoffer in der Hand – Anfang der Sechziger Jahre nach Deutschland und heiratete eine Deutsche. Daraus resultierten ihr Sohn Jens und ein Opel Admiral A. Der Admiral rostete seinerzeit viel zu schnell dahin – ein Schicksal der meisten KAD, da Regenwasserabläufe (z. B. beim optionalen Schiebedach bis in die unbehandelten Außenschweller) und Blech-Konservierung aus heutiger Sicht stümperhaft gehandhabt wurden. Trotzdem hat Jens an den Admiral und die Fahrten nach Italien in den Familienurlaub – z. B. weich gebettet liegend im hinteren Fußraum – noch heute intensive Kindheitserinnerungen.

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Der kerngesunde 4,6 l V8 schnurrt und blubbert seidenweich, spricht gut auf Gas an und wurde original belassen

Der Vater starb leider viel zu früh. Jens machte die Leidenschaft für´s Auto zum Beruf: Er wurde Kfz-Sachverständiger. Da lag es nahe, die guten alten Zeiten über ein Fahrzeug der KAD A-Baureihe  zurück zu holen. Über einen Zufallsfund kam der sandfarbene Diplomat A in seinen Besitz. Die Farbe ist zumindest hell im Ton wie bei Papa´s weißem Admiral, das schwarze Vinyldach ist identisch.

Heute macht Dell`Ali mit dem Diplomat auch samt Familie regelmäßige Trockenwetter-Ausflüge. Seine Kinder werden sich später bestimmt gern daran erinnern…V8 2/1 Kette 4.638 ccm Vierfach-Fallstromvergaser 140 kW (190 PS) bei 4.600/min 347 Nm bei 2.400/min 200 km/h Zweistufenautomatik, GM-Powerglide Hinterrad vorne Scheiben, hinten Trommeln 205/70 R 15 H 5 x 15″ 82 l/Super 2.050 kg 1.602/448 kg 15.000,- Euro

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Das breite Diplo-Heck sah man damals meist nur im Stand – die Flowmaster-Endtöpfe sind Dell`Alis Zugeständnis an den V8

 

Opel Diplomat A V8 4,6
Motor: V8
Ventile/Nockenwellen: 2/1
Nockenwellenantrieb: Kette
Hubraum: 4.638 ccm
Gemischaufbereitung: Vierfach-Fallstromvergaser
Leistung: 140 kW (190 PS) bei 4.600/min
max. Drehmoment: 347 Nm bei 2.400/min
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
Getriebe: Zweistufenautomatik, GM-Powerglide
Antrieb: Hinterrad
Bremsen: vorne Scheiben, hinten Trommeln
Reifen: 205/70 R 15 H
Felgen: 5 x 15″
Tankinhalt/Kraftstoffsorte: 82 l/Super
zulässiges Gesamtgewicht: 2.050 kg
Leergewicht/Zuladung: 1.602/448 kg
Zeitwert (in Zustand 2, Stand 03/2012): 15.000,- Euro
Bilder: Christian Böhner

3 Gedanken zu “Der große Bruder von Kapitän und Admiral … Opel Diplomat

  1. Danke für diesen schönen Artikel und insbesondere die Bilder von dem Opel Diplomat. Man findet relativ selten etwas zu der Limousine.

    Mein Vater fuhr diesen Wagen von Ende 1966 bis 1974, so dass meine Kindheit eng mit dem Fahrzeug verknüpft ist. Leider sind im Familienalbum nahezu keine Fotos -und die wenigen in schlechter Qualität- vorhanden.

    Bei der geringen Produktionsmenge bin ich wirklich überrascht, dass es noch ein gut erhaltenes Exemplar gibt. “Unserer” war seinerzeit in grau und mit rotem Interieur – was sich schlimmer anhört, als es in Wirklichkeit aussah.

    Sobald bekannt wird, dass der Wagen abzugeben ist: bitte melden… 😉

    Viele Grüße aus dem Rheinland!

  2. Danke, Herr Braun, ja der Wagen ist wirklich eine seltene Perle und so, wie ich den Besitzer kenne und man aus der Geschichte erahnen kann, aber leider unverkäuflich… Ihre Erinnerung an den eigenen Diplomat A kann Ihnen dafür niemand nehmen.

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