Vergessene Stilikone – Maserati Khamsin

Ein Supersportwagen? Ein Gran Turismo? Das ist alles nicht so ganz klar beim Maserati Khamsin. Sicher ist allerdings: Der Maserati Khamsin ist ein faszinierendes Auto der 70er Jahre, das noch heute begeistert

Es war einmal in den 70er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.  Da gab es einen sagenhaft eigenwilligen Supersportwagen, der den Namen eines ägyptischen Wüstenwindes trug. Er zählte zu den schnellsten Straßensportlern dieser Welt und spielte in einer Liga mit  Lamborghini LP400 oder Ferrari BB512. Dennoch fällt sein Name selten. Auch unter seinesgleichen. Denn wer sich heute an legendäre Sportwagen mit dem Dreizack zurückerinnert, der denkt meist an den sagenhaft schönen Ghibli I, den Bora, Sebring oder Mistral – auf den keilförmigen Maserati Khamsin hingegen kommen nur wenige. Warum ist das so?

am012012_7048_maserati_khamin_01 am012012_7048_maserati_khamin_02

Ein Super-Gran-Turismo im besten Sinne
Die Antwort gibt der Khamsin selbst: Wie aus Stein gemeißelt steht der Supersportler vor uns. Man muss die Keilform mögen, gewiss. Dennoch war das Design in den 1970er und 1980er Jahren sehr modern und gefragt. Ganz im Gegensatz zu den Supersportwagen selbst. Die Ölkrise drückte gewaltig auf die Fahrspaßbremse und somit auch auf die Stückzahlen jener Straßenathleten. Etwa 430 Khamsin rollten von 1974 bis 1984 vom Band, danach war Schluss. Rund 300 Stück existieren davon heute noch. Der Khamsin ist somit nicht nur ein eigensinniger, sondern auch seltener Zeitgenosse.

Dabei war er kein brachialer Sportler, wie etwa die zur gleichen Zeit gebauten Countach LP 400 oder der BB512, die dank drehzahlfreudiger Heckmotoren gerne quer durch die Kurven schossen. Nein, der Khamsin war auch ein reinrassiger Gran Turismo. Rasen? Si – aber mit Stil, per favore. So befindet sich der mit doppelter und obenliegender Nockenwelle betriebene V8 vorne im Bug, während im gläsernen Heck – ebenfalls eine Stil-Eigenheit des Khamsin – noch genügend Platz für mindestens drei große Koffer war. Das zumindest will einem der aus heutiger Sicht überaus charmant wirkende Originalprospekt vermitteln. Typisch italienisch. Wir glauben‘s gerne – natürlich mit einem Augenzwinkern. Fest steht: Stilvoller und extravaganter konnte man anno 1974 nirgends reisen und rasen.

am012012_7048_maserati_khamin_03 am012012_7048_maserati_khamin_04 am012012_7048_maserati_khamin_05
am012012_7048_maserati_khamin_06 am012012_7048_maserati_khamin_07 am012012_7048_maserati_khamin_08

Vom eleganten Gentlemen zum rasanten Donnerkeil
Reisen, cruisen – das alles kann der Khamsin ziemlich gut. Dennoch stehen die Zeichen überwiegend auf Sport. Ein sauberes Fahrverhalten wurde durch die serienmäßige Einzelradaufhängung hinten erreicht – deutlicher Fortschritt gegenüber dem Vorgänger Ghibli I, der noch mit einer Starrachse auf Blattfedern auskommen musste. Dabei lässt der V8 des Khamsin bisweilen auch eine gemütliche Gangart zu. Dann brummelt man mit dem Supersportler mal eben im fünften Gang mit 2.500 Umdrehungen gemütlich um die Ecke, ohne akustisch für großes Aufsehen zu sorgen.

Das Understatement steht dem extravaganten Italiener hervorragend. Gibt man dem Supersportler jedoch die Sporen, wird aus dem Gentleman ein röhrender Donnerkeil. Der heiser brüllende Klang jenseits der 4.500 Touren-Schallmauer und die 480 Newtonmeter Drehmoment sind auch heute noch ein atemberaubendes Schauspiel. Das Drehmoment schiebt das Auto kräftig vorwärts. Geht man vom Gas, belohnt der Khamsin die Ohren des Fahrers mit Fehlzündungs-Knallen aus seinen vier eindrucksvoll nach oben gebogenen Auspuffrohren. Steht man kurz darauf an der Ampel, blubbert und grummelt der Wagen wunderbar vor sich hin. Man hört das Getriebe und die Kurbelwelle arbeiten. Das ganze Auto scheint zu leben – ein tolles Gefühl, das moderne Autos nicht mehr so vermitteln können. Ganz egal, wieviel Geld man auf dem Tisch legt.

am012012_7048_maserati_khamin_09 am012012_7048_maserati_khamin_10 am012012_7048_maserati_khamin_11

Trotz hohem Gewicht ein sensibles Kraftpaket
Trotz seiner satten Leistung ist der Khamsin nicht der schnellste Sprinter in seiner Liga. Man darf nicht vergessen, dass der aus Leichtmetall gefertigte V8 mit 1680 Kilogramm Leergewicht zu kämpfen hat. Zum Vergleich: Der Lamborghini LP400 wiegt gerade einmal 1.065 Kilogramm. Dennoch erreicht der Khamsin eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 280 Stundenkilometern. Ein Wert, der auch heute noch Respekt einflößt und einen erfahrenen Piloten mit einer ruhigen Hand erfordert. Der Khamsin reagiert bei höheren Geschwindigkeiten nämlich ziemlich nervös. Und auch bei niedrigerem Tempo antwortet die von Citroën stammende Servolenkung extrem leicht auf jedes kleine Zucken am Sportlenkrad.

am012012_7048_maserati_khamin_12 am012012_7048_maserati_khamin_13
am012012_7048_maserati_khamin_14

Einen sensiblen Fuß fordert auch die Bremse. Diese stammt – ebenso wie die Servolenkung – von Citroën und reagiert höchst sensibel: berühren reicht. Rallye-Champion Sebastian Loeb würde mit Sicherheit gefallen daran finden, Otto Normalfahrer muss sich an die Superbremse erst einmal gewöhnen.

am012012_7048_maserati_khamin_15
am012012_7048_maserati_khamin_16 am012012_7048_maserati_khamin_18

Moment mal! Citroën? Sie haben richtig gelesen. 1968 erwarb Citroën sechzig Prozent des Eigenkapitals von Maserati. Dennoch hielten sich die Franzosen weitestgehend von der Sportwagenschmiede aus Modena fern. Lediglich der Citroën SM mit einem von Maserati stammenden Sechszylinder und einzelne technische Finessen wie die Hydraulik in den Maserati Modellen Bora, Merak oder Indy 4.9 sowie die sensible Servolenkung und Superbremse des Khamsin sind sichtbare Synergieergebnisse aus der damaligen Ehe, die 1977 ihr Ende fand.

am012012_7048_maserati_khamin_20
am012012_7048_maserati_khamin_17 am012012_7048_maserati_khamin_19

Es ist soweit: Adieu Khamsin. Schade, denn sein Stil und sein eigenwilliges Design polarisieren bis heute. Wir sind uns sicher: Der Khamsin ist einer der großartigsten Maseratis, der jemals die Werkshallen in Modena verlassen hat.
am012012_7048_maserati_khamin_21

Maserati Khamsin 1974
Motor: V8, doppelte Nockenwelle obenliegend
Bohrung und Hub: 93,9 x 89
Hubraum: 4.930 ccm
Getriebe: 5-Gang manuell
Leergewicht: 1.680 kg
Beschleunigung 0-100: 6,8 s
Höchstgeschwindigkeit: 280 km/h
Drehmoment: 480 Nm
Reifen: 215/70 VR-15
Betriebsspannung: Batterie/12 V / 72 Ahv
Länge/Breite/Höhe: 4400/1800/1245 mm
Bilder: Malte Ruhnke

Ein Gedanke zu “Vergessene Stilikone – Maserati Khamsin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code