Forever young

avatar_6Was haben Menschen gemeinsam, die für alte Autos schwärmen? Es ist nicht das Aussehen, nicht die Einkommensklasse, nicht Haarfarbe oder Körperfettanteil – es ist etwas völlig anderes. Eine Betrachtung auf einem Flohmarkt am Rande der Stadt.

Ich nahm einen Mercedes-Benz C 111 in die Hand. Leuchtend orange, in „Diamantschliff“-Form mit einer „Ästhetik aus dem Windkanal“, wie es einst hieß, 280 PS starker Wankelmotor, Karosserie aus Fiberglas. Naja, nicht ganz. Ein Modellauto, ein klitzekleiner Keil zwischen meinen Fingern. „50 Euro, der ist unbespielt“ ertönte es vom Mann hinter dem Flohmarktstand. „Kein Wunder“, dachte ich. Vor einem C 111 mit pinkfarbenen Strass-Steinen als Scheinwerfer hätte ich mich als Kind auch gegruselt. „Nein, vielen Dank“ entgegnete ich und wanderte mit Jens an meiner Seite weiter. Ein paar Wochen ist es nun her, es war ein fast schöner Tag, mal sonnig, mal trocken, wir schlenderten über den Flohmarkt auf der Oldtimer-Tankstelle Brandshof am Billhorner Röhrendamm in Hamburg-Rothenburgsort. Verkauft wurden Ersatzteile mit Sinn und ohne, Typenbezeichnungen, bedruckte Steine. Hässliche Lampen, Scheinwerfer, Geschirr aus einer besseren Zeit, Blechschilder von Langnese und Castrol, staubige Ölschinken. Kleine Hocker, verblichene Plüschsessel, Comics, Videokassetten, Lenkräder, Etageren, Felgen, Holzpilze. Dinge, die die Welt nicht braucht und die das Herz erwärmen lassen. Dazwischen: Autos in allen Formen und Farben: ein E-Type, ein Barracuda, ein SL, ein Taunus 17M P3, ein Mustang, ein Dodge, ein Bulli, ein Mini, ein Porsche und noch einer.

Zeit für einen Kaffee auf einer Bürgersteigkante. „Was haben diese Menschen eigentlich gemeinsam?“ fragte Jens seinen Becher. Ich pustete in den Kaffeedampf und blickte mich um. Ich sah Frauen mit praktischen Kurzhaarfrisuren, Pferdeschwänzen, mit Kinderwagen und ohne, eine hoch toupierte Blondine mit Leopardenmantel und Rentenanspruch. Männer mit dicken Bäuchen, einem Bier in der Hand und einem unüberhörbaren Hamburger Einschlag in der Sprache. Junge Kerle mit modischen Brillen. Distinguierte Herren mit unmodischen Brillen. Ich schnappte einen Gesprächsfetzen von einem nahe liegenden Holztisch auf. Frauen tranken dort Kaffee, futterten Käsekuchen und tratschten: „Gerd und ich haben uns auf einem T2 kennen gelernt“ schwärmte eine von ihnen. Wenn das keine Rostromantik war, wusste ich es auch nicht.

„Die haben rein gar nichts gemeinsam,“ meinte ich schließlich zu Jens. „Kuck dich doch um, da gibt es keinen kleinsten gemeinsamen Nenner. Die sind so unterschiedlich wie die Kisten, mit denen sie gekommen sind.“ Jens schüttelte den Kopf. „Stimmt nicht. Die wirken alle jünger.“ Ich blickte noch einmal genauer auf die Menschen um mich herum. Vielleicht hatte er Recht.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass man sich zusammen mit seiner alten Kiste konserviert und in Nostalgie verharrt. Ich glaube es eher nicht. Es ist etwas anderes. Diese Menschen hier, die wollen noch etwas. Jeder für sich. Und das verbindet sie alle.

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