Die dollen Dinger von Ditheridge

Technisch begabter Engländer müsste man sein – dann könnte es einem gehen wie Tony Ditheridge: Der ehemalige Werkzeugmacher fährt nicht nur die schönsten klassischen Rennwagen, sondern sein Garten ist auch noch ein Airport für alte Jagdflugzeuge

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Seinen Wohnort in Milden, Suffolk, England, hat sich der gebürtige Cambridger Tony Ditheridge ganz bewusst ausgesucht. Obwohl: Hier in der Gegend wachsen eigentlich nur massenhaft Äpfel, was einen wunderbaren Cider ergibt. Und ein paar Füchse und Hasen wuseln herum, die sich „Gute Nacht“ sagen – wenn sie sich denn mal treffen in der Einsamkeit Suffolks. Milden selbst besteht auch nur aus einer scheinbar vergessenen Kirche und ein paar Farmen. Und wer es nicht sucht, wird es niemals finden.

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Ein echter Vorteil für Ditheridge. Denn erstens hält der 64jährige nicht viel von Rummel, zweitens stört es hier niemanden, wenn in den Schuppen seiner Moat-Farm die Motoren donnern. „Und drittens habe ich hier genug Platz, um mit Tiger Moths, Sopwiths und Hurricanes zu hantieren.“

Was klingt wie Obstschädlinge sind in Wahrheit Flugzeuge – Jagdflieger aus dem 1. Weltkrieg. Kein Schild, kein Hinweis, dass hier „Hawker Restaurations“ residiert, der wohl wichtigste Erhalter von alten Hurricane-Flugzeugen und anderen Propellermaschinen. „Und wer Flugzeuge restaurieren kann, kann das auch bei Autos,“ sagt Tony. Von seinem Büro blickt er deswegen direkt auf eine stattliche Anzahl klassischer Autos, beginnend mit einem Renn-Hillman Imp. „Der macht auf der Rennstrecke einen Riesenspaß,“ weiß Ditheridge, der an mehr als 20 Wochenenden im Jahr seine diversen Rennwagen über meist europäische oder englische Pisten knüppelt. Mit dem Imp ist er bereits dreimal beim Goodwood Revival gestartet, in diesem Jahr war aber sein BRM Type 25 dran. Trotz bester Betreuung zweier Mechaniker verabschiedete sich der 58er-Einsitzer allerdings leider schon in der zweiten Runde des alles entscheidenden Rennens mit technischen Problemen.

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Was sich so alles in einem beschaulichen kleinen englischen Nest finden lässt: alter Friedhof, schöne Häuser sowie Fahr- und Flugzeuge

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Was für ein Blick: Auto-Sammlung vor Bürofenster

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Hängepartie: Herrlich aufgereihte 328er-Teile vor dem originalen BMW

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Hier residiert der Chef: Tony Ditheridges Büro ist schlicht, aber schön

Nimmt Tony halt beim nächsten Mal einen anderen seiner sieben Renner. Da wäre noch ein Lister-Jaguar von 1954, den er nie hergeben würde. „Brian Lister lebte wie ich in Cambridge, und ich bin früher immer zu den Listers gegangen, wenn ich Hilfe bei alten Autos brauchte. Sie waren immer sehr hilfsbereit – noch heute gehe ich mit Brian lunchen.“

Den Jaguar E-Type Lightweight, der in der gleichen Halle steht, besitzt Ditheridge erst seit einem Jahr: „Bin mit ihm erst drei Mal auf der Rennstrecke gewesen. Der ist gut für längere Distanzen, Drei- oder Sechsstunden-Rennen. Vielleicht sogar mal für 24 Stunden…“

Zusätzlich besitzt er – seit 16 Jahren – einen 58er Cooper T45. Mit dem war er unter anderem in Macao, allein 2011 warf er ihn in Monza, Dijon, Pau, Imola, Donnington Park, Spa, Brands Hatch und Silverstone um die Kurven.

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Großes Spielzeug: Den Jaguar E Lightweight hat Ditheridge noch nicht lange

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Kleines Spielzeug: Zwischen Batterie und Klebe steht dieses Dampfmobil

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Ordnung muss sein: BMW-Teile auf Warteposition

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Warten auf den Einbau: überholte und gesäuberte Motoren

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Gut Ding will Weile haben: In Hektik verfällt in Ditheridges Laden niemand

In einem anderen Raum wartet noch ein spezieller Jaguar XK 120 auf seinen Einsatz, den Ditheridge vom Designer John Minshaw kaufte. Die Katze hat ordentlich Rennhistorie: Sie rannte bereits bei der Carrera Panamericana. Und überlebte sie, nicht zuletzt wegen Scheibenbremsen rundum. Die sind dringend nötig, denn unter der wohlgeformten Haube arbeitet ein Rennmotor mit 345 PS.

Auch sein Cooper-Bristol Sportscar kann eine Menge Geschichten über Rennerlebnisse erzählen. Bevor Ditheridge ihn kaufte, gehörte er dem Rennfahrer, Bristol-Cars-Mitbegründer und späterem -Eigner Tony Crook. Der hetzte den Wagen zuletzt auf dem Crystal Palace Circuit. Ohne Wagenwäsche und Besuch beim Ausbeuler übernahm Ditheridge das Auto samt Original-Dreck und Dellen vom letzten Einsatz. Leider war der Renner bei unserem Besuch nicht zugegen. Ditheridge: „Von dem machen wir für Kunden gerade zwei Replicas.“

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Klone sind eine Spezialität von Ditheridge: Zurzeit baut er zwei BMW 328. Er hat zwar durchaus solvente Kunden, aber die haben auch keine Lust, Unsummen für den deutschen Sportwagen auszugeben, der aufgrund seiner Seltenheit und Begehrtheit so richtig teuer ist. Deswegen besorgt sich Ditheridge originale Rahmen und dengelt die Karosserie komplett neu. Vorbild ist ein Original-328er, der dem Sammler Peter Mann gehört und von dem Ditheridge die Originalmaße nimmt. Und dann stehen da noch zwei Frazer-Nash: Einer ist eine Replika des Le Mans-Autos von 1957, die in amerikanischem Kundenauftrag restauriert wird, der andere ist ein Original und gehört ebenfalls Peter Mann.

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Und wie kommt ein Werkzeugmacher dazu, einer der wichtigsten englischen Flugzeugrestauratoren zu werden und sich damit das sündhaft teure Hobby von Oldtimerrennen gönnen zu können? „Ich habe mein Handwerk mit Mikroskopen gelernt,“ erinnert er sich heute, „mit 21 Jahren bereiste ich in Sachen Mikroskope bereits die Welt.“ Das bescherte ihm Kontakte und die Lust aufs Fliegen. Mit 28 Jahren machte er den Flugschein und kaufte sich eine Tiger Moth, einen Jagdflieger aus dem Ersten Weltkrieg. Und als ihn 1987 zwei Freunde fragten, ob er sich zutraue, eine Sopwith Pup und eine Sopwith Camel zu restaurieren, sicherte er sich die Mitarbeit der besten Holz- und Metallverarbeiter der Branche und machte sich an die Arbeit.

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Zwei unfertige Hawker Hurricane: So eine Restaurierung dauert mehrere Jahre

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Fetter Motor: Die geballte Hawker-Power kommt von Rolls-Royce

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Tony Ditheridge und seine Spielzeuge: In Goodwood führte er seinen BRM aus, musste aber im Rennen mit technischen Problemen aufgeben

Das Ergebnis waren zwei perfekte WWI-Flieger. Es folgten weitere Aufträge. Bis 1993 restaurierte er drei Hawker Hurricanes, das Wrack von einer grub er eigenhändig aus dem Sandstrand der Normandie. Seitdem ist Ditheridge erste Adresse für solche alten Flieger, die er selber testet von seinem Privatflughafen im Garten, der nichts anderes ist als eine riesige Wiese.

Und wenn er mal nicht für andere restauriert oder Oldtimer-Rennen fährt, dann schraubt er an seiner eigenen Hawker Hurricane. Die hat er nämlich auch noch in seinem kleinen Privat-Hangar stehen…

Bilder: Roland Löwisch

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